Neue Rolle der Türkei: Warum auf Kosten Israels?

Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan ist ein begnadeter Populist: Er weiß, dass er kaum jemals einen besseren Zeitpunkt finden kann, um sich auf Kosten Israels in der arabischen Welt zu profilieren.

Viele Länder befinden sich nach den Revolutionen gegen die diversen autokratischen Herrscher im Umbruch. Sie suchen nach Orientierung. Amerikaner und Europäer sind mit der Wirtschaftskrise beschäftigt. Der Iran ist nach dem Jubel für die Demokratie in anderen Ländern kein besonders leuchtendes Vorbild. Und die Chinesen interessieren sich zwar für Land und Rohstoffe in Afrika, haben aber keine Ambitionen, ihr Modell des Staatskapitalismus irgendwo andershin zu exportieren.

Also bietet sich für die Türkei eine attraktive Nische: Das Land ist demokratisch und versucht mit einigem Geschick, Modernität und Islam zu verbinden. Es liegt also nahe, sich hier als Leithammel zu positionieren.

Israel ist angeschlagen: Der Dissens zwischen Volk und Regierung ist in der einzigen Demokratie so groß wie noch nie. Die politischen Eliten in Israel haben in den vergangenen Jahren eine erfolgreiche Wirtschaft aufgebaut – von der jedoch nur wenige profitieren. Das Land, das seinerzeit mit der Idee des Kibbuz eine sympathische Art des Mittelmeer-Sozialismus erfunden hat, hat es verlernt, soziale Gerechtigkeit zu buchstabieren. Dass der Regierung Netanjahu eine Entschuldigung für den Tod an den türkischen Teilnehmern der Gaza-Hilfsflotte nicht über die Lippen kommen will, stößt im Land selbst auf großes Unverständnis.

Türkei und Israel haben sich entfremdet

Die andauernd martialische türkische Politik hat jedoch zu einer Entfremdung
auch der einfachen Israelis mit der Türkei geführt. Eine lange und solide Partnerschaft scheint unwiderruflich in die Brüche zu gehen. Erdogan kann, indem er Israel vor sich hertreibt, auch geschickt von seinem größtem innenpolitischen Problem ablenken: dem wieder aufgeflammten Konflikt mit der PKK. Israels Idee, die PKK aktiv zu unterstützen, ist ebenso unsinnig wie Erdogans fortgesetzte Eskalation.

Wenn der Nahe Osten etwas aus den vergangenen blutigen Jahrzehnten gelernt haben sollte, dann wäre es die Erkenntnis, dass Gewalt kein politisches Problem zu lösen vermag. Die Türkei muss bedenken, dass sie nicht an Autorität gewinnt, wenn sie die Waffen sprechen lässt. Erdogans politischer Instinkt sollte ihn bald zu dieser Einsicht bringen – bevor auch er sein Land in eine von niemandem gewünschte Isolation führt.

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