İlkin Özışık (SPD) zur Landtagswahl Berlin: „Meine Partei hat ein Kommunikationsproblem“

İlkin Özışık, Direktkandidat der Berliner SPD für den Wahlkreis Moabit-Nord/Wedding zur Abgeordnetenhauswahl am Sonntag, lobt den Berliner Wahlkampf als den ersten seit vielen Jahren, der "nicht auf dem Rücken der Migranten ausgetragen worden ist". Von seiner eigenen Partei hätte er sich in diesem Wahlkampft allerdings mehr Inhalte gewünscht.

İlkin Özışık ist Direktkandidat der SPD Moabit-Nord/Wedding für das Berliner Abgeordnetenhaus. Der 39-Jährige dreifache Familienvater, der aus einer typischen Arbeiterfamilie stammt, engagiert sich seit 2003 bei den Sozialdemokraten. Trotz seines Migrationshintergrunds will er kein typischer Integrationspolitiker werden.

Deutsch Türkische Nachrichten: Am Sonntag ist Abgeordnetenwahl: Welches Problem brennt derzeit am meisten unter ihren Fingernägeln?

İlkin Özışık: Bei mir im Wahlkreis muss die Qualität in den Schulen erhöht werden. Beim Thema Wohnen brauchen die Mieter mehr Schutz. Und dann haben wir auch noch eine Spielhallen-Problematik. Es gibt viel zu viele Spielhallen.

Religion ist für niemanden eine Bedrohung

Wie stark geistert der SPD-Genosse Sarrazin noch durch Ihren Wahlkampf. Macht er es ihnen schwerer?

İlkin Özışık: Als Wahlkreiskandidat hat man mit ihm jetzt eigentlich wenig zu tun. Ich hätte gedacht, dass er viel mehr thematisiert wird. Natürlich muss man sagen, dass türkischstämmige Mitbürger immer noch sehr beleidigt sind, dass die SPD da keine klare Kante gezeigt hat und natürlich sehen wir auch eine Entwicklung dahingehend, dass es deshalb auch eine Protestpartei, die BIG Partei, gibt. Aber ansonsten kann man mit den Menschen noch reden.

Immer wieder wird gesagt, Ausländer müssten sich einfach mehr begegnen. Auch Sie haben das vielfach gesagt, dann würde schon alles gut werden. Ist es denn so einfach?

İlkin Özışık: Vielfach ist es wirklich so einfach, dass man die Ängste und Vorurteile entwickelt hat, weil man eben das Fremde nicht kennt und weil es sich auch so eingebürgert hat, dass man zwar gemeinsam lebt, aber nicht miteinander. Ich denke schon, dass der Dialog sehr wertvoll ist und dass man dadurch ganz viele Vorurteile und Ängste abbauen und sich gegenseitig auch kennenlernen kann. Ich glaube, die Menschen mit Migrationshintergrund sind auch dahingehend angesprochen, dass sie jetzt langsam auch mal zeigen, dass ihre Sprache, ihre Kultur, ihre Religion für niemanden eine Bedrohung ist. Wir brauchen positive Vorbilder.

Wie kann man das von außen steuern?

İlkin Özışık: Indem man sich zum Beispiel als Partei für Migranten öffnet und vor diesem Hintergrund auch aufstellt. Das hat eine große Wirkung, denke ich. Wir sprechen die Mehrheits- und Minderheitsgesellschaft an.

… und Begegnungsstätten schaffen?

İlkin Özışık: Die beste Begegnungsstätte ist die Schule. Ich bin ja Bildungs- und Berufsberater. Mein Schwerpunkt ist die Bildung, das wird er auch hoffentlich im Abgeordnetenhaus werden. Schule sollte zur Begegnungsstätte werden – als ein Ort des Lebens und Lernens.

Von Deutschen hört man immer wieder: In den Berliner Stadtteilen Kreuzberg oder Neukölln zu leben sei toll. Aber wenn man Kinder bekomme, wolle man doch lieber in anderen Bezirken mit weniger Ausländeranteil seine Kinder aufwachsen sehen. Inzwischen gibt es dort Schulklassen mit zum Teil über 90 Prozent Ausländeranteil. Hören Sie so etwas auch manchmal in Ihrem Bezirk?

İlkin Özışık: Ja, hier haben wir natürlich auch einen sehr hohen Migrantenanteil oder wie es korrekt heißt Kinder nichtdeutscher Herkunft. Aber nichtsdestotrotz darf es nicht daran scheitern! Es sollte kein Hindernis sein, für niemanden. Es geht doch um die Qualität und um Methoden, wie man das bewerkstelligt. Ich kann es nicht akzeptieren, dass man sagt: Es gelingt uns nicht, weil es wenig Durchmischung gibt von Kindern mit nichtdeutscher Herkunft und biodeutschen Kindern. Das akzeptiere ich einfach nicht. Dann wäre die Pädagogik gescheitert.

Im Sport funktioniert Integration ohne Einsatz von Sprache

Sie waren selbst mal Berliner Meister im Judo. Hilft auch der Sport bei der Integration?

İlkin Özışık: Der Sport ist der einfachste Weg, Integration zu bewerkstelligen. Ich beobachte aber leider, dass die Jugendlichen völlig desinteressiert sind mittlerweile an sportlicher Aktivität. Wir müssen es erst wieder hinbekommen, dass die Jugendlichen mehr Interesse für sportliche Begegnungen empfinden. Denn Sport ist wirklich der einfachste Weg sich zu integrieren! Man braucht nicht einmal eine Sprache. Das ist ein Phänomen. Im Sport integriert man, ohne eine Sprache einzusetzen.

Viele sagen: Der Wahlkampf lebt ja jetzt ohnehin nur von Wowereit, inhaltlich gibt es aber Schwächen. Wie reagieren sie darauf?

İlkin Özışık: Ehrlich gesagt können wir das ja auch mal kritisieren. Es fehlen natürlich die Inhalte. Es ist aber auch irgendwo schön, einen Wahlkampf erlebt zu haben, der nicht auf dem Rücken der Migranten ausgetragen worden ist. Zum ersten Mal, nach was weiß ich wie vielen Jahren wird ein Wahlkampf gemacht, wo gar keine Partei – außer den radikalen Rechten – ihren Wahlkampf auf dem Rücken der Migranten austrägt. Das ist ganz wichtig, dass wir das zur Kenntnis nehmen.

Sie kritisieren selbst, dass keine Inhalte Ihrer Partei im Wahlkampf vermittelt wurden?

İlkin Özışık: Ja, wir hätten viel mehr die Errungenschaften in den letzten Jahren hervorheben müssen. Unsere Public Relation ist ein bisschen schwach, würde ich sagen. Wir müssen schauen, dass wir viel mehr davon erzählen, was wir eigentlich tagtäglich machen. Das bemängele ich ein wenig. Denn ich kann es ja besser einschätzen als der normale Bürger. Ich weiß ungefähr, was unsere Partei in den letzten zehn Jahren gemacht hat und wie aktiv sie war im Parlament und in der parlamentarischen Arbeit. Das haben wir nicht kommunizieren können. Wir haben ein Kommunikationsproblem. Es ist natürlich schön, mit dem Charme von Wowereit zu gewinnen. Aber man hätte das nochmal flankieren können mit politischen Errungenschaften, um dann eben zu sagen: Wir möchten gerne damit weiter machen.

Was unterscheidet Sie von Ihren Gegenkandidaten?

İlkin Özışık: Ich habe viel mehr im Rucksack. Ich hoffe, dass ich das alles einsetzen kann. Ich habe nicht vor, der typische Integrationspolitiker zu werden. Ich möchte mich um die Bildung, um soziale Dinge kümmern. So dass ich mit dem Einsatz auf diesem Gebiet die Integration eigentlich abdecke.

Nennen Sie doch bitte einmal drei Dinge, die in Ihrem Rucksack sind.

İlkin Özışık: Bürgernähe. Bodenständigkeit. Kompetenz – und als viertes mein Migrationshintergrund.

Interview: Felix Kubach, Mitarbeit: Nicole Oppelt

Mehr zum Thema:

Ertan Taskiran: „Ich vermisse den Willen der Migranten, sich politisch einzubringen“

Kommentare

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.