Wirtschaft: „Türkei wird Krise weniger spüren als andere“

Beim Türkisch-Deutschen-Business-Forum in Berlin zeigen sich Vertreter der türkischen Wirtschaft immer noch unbeeindruckt vom zunehmend rauen Wind in der Weltwirtschaft. Mehr noch: Die Türkei will anderen Ländern gezielt helfen.

In seiner Eröffnungsansprache machte Hayati Önel, der Vizepräsident der Türkisch-Deutschen Industrie- und Handelskammer (TH-IHK) auf die gemeinsame 50-jährige gemeinsame Geschichte der Türkei und Deutschland aufmerksam.

„Die Türken kamen als sogenannte Gastarbeiter nach Deutschland und es ist auch der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes, an der sie maßgeblich beteiligt waren, zu verdanken, dass die in Deutschland lebenden Türken so weit gekommen sind“, so Önel. Auf die Frage, ob die Türkei angesichts des Wirtschaftswachstums immun gegen die Krise sei, sagte Önel den Deutsch Türkischen Nachrichten „Die Gefahr besteht in jedem Land, auch in der Türkei. Aber in der Türkei wird man die Krise weniger spüren wegen des rasanten wirtschaftlichen Aufschwungs. Die Türkei hat sogar begonnen, ihren Nachbarländern zu helfen und ihren Werdegang mitzubestimmen. Daher denke ich, dass die Türkei so stark im Aufmarsch ist, dass keiner ihren wirtschaftlichen Wachstum aufhalten werden kann.“

Die deutsch-türkischen Wirtschaftsbeziehungen bezeichnete Rolf Königs, ebenfalls Vize-Präsident der TD-IHK und Chairman der CEO AUNDE Group als „Erfolgsgeschichte der Türkei und Deutschland“. Er gab einen Überblick über das 1899 als Familienunternehmen gestartete Textilunternehmen Achter und Ebel, das sich 1989 in der Türkei, in Bursa niederließ. Der Zweck sei nicht gewesen, wie Königs sagte, „Lohnvorteile zu nutzen, sondern eine Plattform zu installieren“, von wo aus auch mit den Anrainer-Staaten Handel betrieben werden sollte. Der Betrieb expandierte, stellt nun Inneneinrichtung für Autos her, betreibt zwei Hotels, mehrere Zement- und Betonfabriken, einen Hafen in Adana und investiert nun in den Bereich der Energieerzeugung. Mittlerweile gibt es Tochterunternehmen, die Sitzbezüge für Autos in Polen, Ungarn und zukünftig in Russland herstellen.

Engin Koyuncu, Gründungspräsident und Entsandter der TOBB und Vorstandsmitglied der TD-IHK stellte das Modellprojekt des dualen Ausbildungssystems in der Türkei vor. Das sieht vor, einen Kindergarten, eine Grundschule und eine Berufsausbildung in dem Istanbuler Stadtteil Beykoz ab 2012 zu errichten. Er betont, dass Deutschland im Bereich der Bildung eine Vorbildfunktion für die Türkei habe.

Emir Ali Bilalogu von CEO-Dogus Otomotiv Servis Ticaret A.S. sagte, dass sie als Firma die geographische und logistische Lage der Türkei nutzten. Als Grund für den Erfolg nannte er: „Wir haben das Know-How und die Türken haben den Unternehmensmut, der in der Türkei stärker ist als in mehrgesättigten Märkten. Das ist ein Erfolgsmodell auch für andere Länder.“

Dr. Rainhard Freiherr von Leoprechting, Präsident der TD-IHK, machte besonders auf die Visa-Probleme von türkischen Geschäftsleuten aufmerksam, die aufgrund der erschwerten Visa-Regelungen häufig einen Nachteil erleiden. „Es besteht ein dringender Handlungsbedarf“. Bis die Regelungen gebessert werden, forderte Leoprechting, eine Erleichterung der Visa-Angelegenheiten durch das Schaffen von mehr Visa-Stellen und langfristige Visa. „Die Einbindung der Türkei in die Europäische Union ist besser für alle“.

Prof. Hans Heinrich Driftmann, Präsident der DIHK, erinnerte daran, dass nach dem Zweiten Weltkrieg die Türken am Aufbau der deutschen Industrie maßgeblich beteiligt waren und BASF, Bayer und Hoechst die ältesten deutschen Firmen in der Türkei sind. Er bezeichnete die deutschen Firmen als eine der wichtigsten Säulen der türkischen Wirtschaft, was sie zu Partnern aber auch zu Konkurrenten mache. Auch er betonte die Bedeutung der EU: „Unser gemeinsames Schicksal hängt von dem florierenden Europa ab“. Er erinnerte daran, dass die Türkei bereits in das europäische System eingebunden ist beispielsweise durch die Zollunion, bei der der Handel in beide Richtung profitieren, so Leoprechting. „Europa ist der richtige Rahmen für beide Länder trotz aller Herausforderungen“.

Rifat Hisarciklioglu, Präsident der TOBB: „Wir sind ein Gigant in unserer Region geworden“ und betonte den rasanten wirtschaftlichen Aufschwung der Türkei. „Die Türkei ist das weltweit zweischnellste Land ist, das sich entwickelt und das schnellste in Europa.“ Er machte auf Mercedes Benz aufmerksam, dass seine produktivste Autoherstellungs-Firma in Aksaray hat, sowie den Tourismus. Die Türkei ist unter den sieben führenden Urlaubsorten, vier Millionen Deutsche besuchen jedes Jahr die Türkei. Er beendete seine Ansprache mit den Worten: „Ihr habt das Geld, wir haben den Mut“ und forderte die Geschäftsleute auf, das Potential der Zusammenarbeit weiter zu nutzen.

Auch Bundespräsident Christian Wulf betonte, dass Deutschland an einer stärkeren Nähe an die Türkei interessiert sei. Deutschland sei derzeit der Hauptinvestor und wolle das auch bleiben, so der Bundespräsident. Wulf lud türkische Investoren dazu auf, in Deutschland zu investieren. Der Bundespräsident betonte, dass es Deutschland auch wichtig sei, eine Unternehmenskultur zu exportieren, in der jeder einzelne zählt und in der Vorschläge auch aus der Belegschaft kommen können. Er plädierte für eine „neue Eben vertiefter Zusammenarbeit“ und sagte, es gäbe viele Möglichkeiten der Vereinfachung der Visa-Bedingungen. „Wir können in Zukunft noch viel voneinander lernen“, so Wulf und sprach dabei besonders die Gleichstellung von Mann und Frau im Wirtschaftssektor an. „Die Zukunft wird denen gehören, die das Gute an der eigenen Kultur verteidigen und offen sind für Innovatives.“ Wulf machte darauf aufmerksam, dass Deutschland mit der Türkei um gute Arbeitskräfte in Zukunft konkurrieren wird.

Der Präsident der Republik Türkei Abdullah Gül sagte in seiner Ansprache, die Türkei hätte eine niedrigere Verschuldung als die EU. In Zukunft wollte die Türkei mehr in alternative Energien investieren. Auch rief er die Unternehmer auf, in die neu gegründete deutsch-türkische Universität zu investieren. Der Staatspräsident machte auf vergangene Projekte der deutsch-türkischen Zusammenarbeit wie der Bagdad-Bahn aufmerksam. Die Türkei wolle besonders im Bereich der Eisenbahnlinie weiter expandieren.

„Wir werden die alte Strecke der Seidenstraße wiederbeleben“, so der Staatspräsident. „Die Türkei hat auch begonnen, Arbeitskräfte zu importieren“, so Gül. Bezüglich der EU-Mitgliedschaft der Türkei bedankte sich Gül bei Deutschland, das, im Gegensatz zu anderen Ländern, stets bei seinem Wort bei den Verhandlungen geblieben sei. „Über die Mitgliedschaft werden wir reden, wenn es so weit ist“, so Gül. Bis dahin werden die Beitrittsverhandlungen weiter geführt, so der Staatspräsident.

Kommentare

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.