Gül-Besuch: „Bitte räumen Sie sofort den Saal!“

Mit Neugier waren viele Besucher zum Vortrag von Präsident Gül an die Humboldt Universität gekommen. Doch schon bald wurde klar, dass Güls Worte nicht das einzige Thema des Abends sein würden.

„Wir freuen uns schon seit Wochen auf diesen Vortrag“, sagen Betül und Serpil, zwei türkische Studentinnen, vor Abdullah Güls Besuch in der Humboldt-Universität zu Berlin. Schon um 17 Uhr hat sich eine Schlange vor dem Eingang zum Audimax gebildet. Kurz vor 18 Uhr ist das Audimax gefüllt und jeden Moment könnte der türkische Staatspräsident Abdullah Gül den Saal betreten. Doch stattdessen ertönt ein Alarm und ein Polizist betritt das Podium. Er bittet alle den Saal zu räumen. „Um 17:45 ging bei uns über den Notruf eine Bombendrohung ein“, sagt Polizeisprecher Michael Gassen. Diese sei sofort als ernstzunehmend eingestuft worden.

Die Nachricht verbreitete sich schnell unter den Besuchern. Doch Panik kommt nicht auf. Vor dem Gebäude wird schnell klar, von wem der Anruf gekommen sein könnte. Kurdische Demonstranten haben sich versammelt. „Hiermit protestieren wir gegen den Besuch Güls“, ertönt aus den Lautsprechern. Parolen wie „AKP – Mörder“ sind zu hören. Viele sind sich sicher, es gibt keine Bombe, hier will jemand den Vortrag verhindern.

PKK-Anhänger demonstrieren gegen den Besuch Güls

Der Student Ugurcan ist frustriert: „Als Kurde schäme ich mich dafür.
Auf ihren Plakaten steht: Öcalan, wir sind mit dir – dabei weiß doch jeder, dass er ein Terrorist ist!“ Plötzlich scheint die Lage doch ernster zu sein als gedacht, die Polizei räumt den Platz vor dem Haupteingang der Humboldt Universität: „Schnell alle weg“, wird gerufen.“ Wer zu langsam ist, wird geschubst. Gassen erklärt, das sei nur eine Sicherheitsmaßnahme gewesen:
„Wir mussten den Bereich frei halten, um eine Gefährdung auszuschließen.“ Viele sind sich jetzt sicher, der Vortrag werde ganz abgesagt. Die türkischen Sicherheitsbeamten empfehlen den Anwesenden weiter zu warten. Der Staatspräsident wolle den Vortrag unbedingt halten, meinen sie.

Das Warten hat sich dann doch für einige gelohnt. „Spezialisten der Kriminaltechnik haben die Räumlichkeiten durchsucht und haben nichts gefunden“, so Gassen. „Alle von der Presse mir nach“, ruft ein türkischer Sicherheitsbeamter schließlich in die verbliebene Menge. Nach gründlichen Sicherheitskontrollen kommen die Journalisten in einen kleineren Saal der Universität. Einige Zuschauer können auch noch rein. Die verbliebenen Plätze werden an die wartenden vergeben. Mit zwei Stunden Verspätung, um 20 Uhr, beginnt der Vortrag des Staatspräsidenten Gül. Jetzt sollte eigentlich ein Staatsbankett mit Bundespräsident Wulff stattfinden.

Es wurde um eine Stunde verschoben. Er wolle sich nicht von Terroristen einschüchtern lassen, betont Gül. Deshalb sei es wichtig gewesen, den Vortrag nicht abzusagen. Er verkürzte seine geplante Rede und verließ die Universität schnell wieder.

„Ich bin so wütend. Die haben uns alles vermasselt!“

Zurück blieben viele enttäuschte Studenten. Um 21 Uhr stehen sie immer noch vor der Uni. „Ist er schon weg? Können wir ihn noch sehen?“, fragen sie. Erst jetzt erfahren sie, dass sie diese Möglichkeit nicht mehr bekommen. „Ich bin so wütend, die haben uns alles vermasselt!“, beschwert sich Betül. Serpil meint: „Ich verstehe nicht, warum eine solche Kundgebung zugelassen wird. Das war doch vorher bekannt, die Polizei hat nichts dagegen getan, dass der Vortrag gestört wird.“ Polizeisprecher Gassen ist nicht dieser Meinung. Es habe sich um zwei Kundgebungen gehandelt, die im Vorfeld angekündigt wurden. Eine Pro-Türkische, die 30 bis 40 Teilnehmer gehabt habe und eine Pro-Kurdische mit rund 60 Teilnehmern. „Wir haben uns vorbereitet und Maßnahmen ergriffen, damit Gül den Vortrag halten kann“, so Gassen weiter.

Ugurcan ist einer der Glücklichen, der es noch in den Saal geschafft hat:
“Ich finde es schade, dass nur so wenige die Rede hören konnten. Trotzdem war es wichtig, den Vortrag nicht ganz abzusagen. Wenn Gül gegangen wäre, hätten die Demonstranten bekommen, was sie wollen.“

Abdullah Güls verspätete Rede:

Demonstranten vor der Humboldt-Universität:

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