Papst Benedikt XVI.: Standing Ovations im Deutschen Bundestag

Im Bundestag herrschte die höchste Sicherheitsstufe, als erstmals in der Geschichte ein Papst vor den Abgeordneten sprach. Der Auftritt von Benedikt XVI. wurde im Vorfeld höchst kontrovers diskutiert. Wie angekündigt, blieben einige Abgeordnete der Veranstaltung fern. Einen Eklat gab es während seines Auftritts nicht. Das Oberhaupt der Katholischen Kirche breitete gut 30 Minuten seine Gedanken zu den "Grundlagen des Rechts" aus.

Es war der politische Höhepunkt seines ersten offiziellen Besuches in der Heimat. Nach einer Visite bei Bundespräsident Christian Wulff im Schloss Bellevue und einem Vier-Augen-Gespräch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel trat das Oberhaupt der Katholischen Kirch gegen 16.45 Uhr ans Rednerpult. Bereits am Donnerstagvormittag fand hier die letzte Plenarsitzung statt. Kurz vor dem Großereignis wurde der Saal und die Umgebung noch einmal akribisch durchsucht. Es galt die höchste Sicherheitsstufe.

Abgeordnete warfen Papst „Missbrauch des Parlaments“ vor

Obschon heiß diskutiert, drang im Vorfeld nichts über den Inhalt seines selbst verfassten Manuskripts nach außen. Fest stand jedoch: Rund hundert Abgeordnete der Linken, SPD und Grünen wollten die Rede von Benedikt XVI. boykottieren. In ihren Augen stellte der Auftritt von Joseph Ratzinger ein „Missbrauch des Parlaments“ dar. Die so in den Reihen entstandenen Lücken wurden mit Besuchern aufgefüllt.

Ab 16.19 Uhr konnten die Zuschauer das Geschehen live über einen Stream des Deutschen Bundestags mitverfolgen. Um 16.37 Uhr betrat der Papst unter Beifall der Abgeordneten den Saal. Der Begrüßung durch Bundestagspräsident Dr. Norbert Lammert lauscht Ratzinger aufmerksam. Er selbst stellt gleich zu Beginn seiner Ausführungen klar, er ist heute nicht nur als Oberhaupt der Katholischen Kirche in Berlin, sondern auch als interessierter Landsmann. Seine Rede über die Grundlagen des Rechts, in der er sogar für den ein oder anderen Lacher im Publikum sorgt, war mit Bedacht verfasst.

Benedikt XVI. würdigt die Widerstandskämpfer

Benedikt XVI. wählt als Ausgangspunkt das erste Buch der Könige. Er fragt: „Worauf kommt es für einen Politiker an?“ Maßstab dürfe hier nicht der Erfolg und materieller Gewinn sein. Er solle vielmehr die Grundvoraussetzung für Frieden schaffen. Er mahnt: „Erfolg kann auch Verführung sein!“ Wir Deutschen wüssten das aus eigener Erfahrung – wir hätten erlebt, dass Macht von Recht getrennt worden sei. Der Staat sei ein Instrument der Rechtszerstörung geworden. Der Mensch könne die Welt zerstören. Und Menschen vom Menschsein ausschließen.

Verweis auf die Leistungen der Grünen

„Wie erkennen wir, was Recht ist? Wie können wir zwischen Gut und Böse, zwischen wahrem Recht und Scheinrecht unterscheiden? (…) Das Mehrheitsprinzip reicht nicht aus!“ Für ihn bleibt „die salomonische Bitte die entscheidende Frage, vor der der Politiker und die Politik auch heute stehen.“  Nach wie vor seien Natur und Vernunft die wahren Quellen des Rechts.  „Wir müssen wieder die Weite der Welt, den Himmel und die Erde sehen!“ Doch wie könne die Vernunft wieder ihre Größe finden, ohne ins Irrationale abzugleiten? Papst Benedikt XVI. wendet sich lobend in Richtung der Grünen: „Ich würde sagen, dass das Auftreten der ökologischen Bewegung in der deutschen Politik seit den 70er Jahren zwar wohl nicht Fenster aufgerissen hat, aber ein Schrei nach frischer Luft gewesen ist und bleibt, den man nicht überhören darf und nicht beiseite schieben kann. Es ist wohl klar, dass ich hier nicht Propaganda für eine bestimmte politische Partei mache. Nichts liegt mir ferner als das“, schmunzelt er sogleich. Die Abgeordneten begegnen ihm mit einem herzerfrischenden Lachen.

Doch der Hintergrund bleibt ernst: „Wir müssen auf die Sprache der Natur hören und entsprechend antworten“, mahnt er an. Am Ende kommt er zurück zum jungen König Salomon. Dem sei in der Stunde seiner Amtsübernahme eine Bitte freigestellt worden. „Wie wäre es, wenn uns, den Gesetzgebern von heute, eine Bitte freigestellt wäre? Was würden wir erbitten? Ich denke, auch heute könnten wir letztlich nichts anderes wünschen als ein hörendes Herz – die Fähigkeit, Gut und Böse zu unterscheiden und so wahres Recht zu setzen, der Gerechtigkeit zu dienen und dem Frieden.“

Nach gut 30 Minuten beendet Joseph Ratzinger seine Rede. Er erhält Standing Ovations.

Sehen Sie hier die Rede des Papstes im Deutschen Bundestag im Video:

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