Gemischte Gefühle: Ein Muslim über sein Gespräch mit dem Papst

"Es ist wichtig, dass der Papst den Islam und Muslime als ein Teil deutscher Realität sieht", sagt Bekir Alboğa, Beauftragter für interreligiösen Dialog der DITIB, der am Freitag beim Treffen von Muslimen mit Papst Benedikt dem XVI. in Berlin teilnahm. Gleichzeitig kritisiert er, dass Muslime in Deutschland nach wie vor nicht gleichbehandelt, sondern zum Teil noch immer diskriminiert werden.

Deutsch Türkische Nachrichten: Sie haben am Freitag den Papst in Berlin getroffen. Wie war die Stimmung während des Geprächs?

B. Alboğa: Die Stimmung war freundlich, angenehm und entspannt. Das Gespräch war von gegenseitigem Respekt und Aufmerksamkeit geprägt. Die anwesenden Bischöfe im Raum verfolgten die Anrede und Erwiderung sowie die persönliche Begegnung jedes muslimischen Teilnehmenden mit dem Papst sehr aufmerksam und interessiert. Auch die Blicke waren von Freundlichkeit und Interesse geprägt. Nach den Wortbeiträgen und offiziellen Begrüßungen wurden alle muslimischen Teilnehmerinnen und Teilnehmer dem Papst vorgestellt, er hat jeden einzelnen stehend und persönlich empfangen, hat sich mit jedem kurz unterhalten.

Wie lange hat das Gespräch gedauert und wie viele Menschen nahmen daran teil?

B. Alboğa: Es gab soviel Zeit, dass jeder sich kurz mit ihm unterhalten und seinen Schwerpunkt zum Ausdruck bringen konnte. Ich denke, insgeamt hat die Begegnung etwa 45 Minuten gedauert. Anschließend wurden wir von Weihbischof Jaschke zum Kaffee und Kuchen eingeladen. Er ist mein Kollege auf der katholischen Seite und ist für interreligiösen Dialog zuständig. Dort fanden informelle Gespräche zwischen den muslimischen Gästen und ihrem katholischem Begleiter statt, die auch von Offenheit und Freundlichkeit geprägt waren. Herr Zollitsch verabschiedete sich zusammen mit dem Papst von uns und begleitete ihn. Als muslimische Vertreter waren von uns vier Frauen und neun Männer anwesend. Der Empfangssaal wurde von weiteren Mitarbeitern des Botschaftshauses und Bischöfen gefüllt. Ich schätze, es waren außer den Muslimen noch gut 20 Menschen anwesend.

Bekir Alboga (DITIB): „Es ist wichtig, dass der Papst den Islam und Muslime als ein Teil deutscher Realität sieht“

Wurden auch kritische Fragen angesprochen, beispielsweise die umstrittene Regensburger Rede von 2006?

B. Alboğa: Nein. Auch die Zeit wäre dafür sehr knapp gewesen.

Wie fanden Sie die Rede des Papstes am Donnerstag vor dem Bundestag?

B. Alboğa: Da ich um die Uhrzeit noch von Istanbul nach Frankfurt flog, konnte ich sie erst später studieren. Seine Aussage „Aber der Erfolg ist dem Maßstab der Gerechtigkeit, dem Willen zum Recht und dem Verstehen für das Recht untergeordnet“ ist auch für uns muslimische Minderheit in Deutschland von großer Wichtigkeit. Am Freitag betonte er in seiner Ansprache an die Muslime, dass die Anwesenheit zahlreicher muslimischer Familien zunehmend ein Merkmal dieses Landes geworden ist. Es ist schon wichtig, dass der Papst den Islam und Muslime als ein Teil deutscher Realität sieht, die Bedeutung der Pluralität und Verfassung unterstreicht. Das was die Politik seit einigen Jahren in Deutschland erkennt, wird auch vom Papst bestätigt. Der Hinweis auf die Verfassung, in der die Gleichbehandlung aller Bürger geboten ist, ist sehr wichtig.

Könnten Sie sich vorstellen, dass auch ein Vertreter der Muslime vor dem Bundestag spricht? Wer käme dafür in Frage – die Muslime haben ja kein Oberhaupt in dem Sinne wie die Katholiken…

B. Alboğa: Das ließe sich schon lösen. Wie lautet das Sprichwort? Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.

„Wo bleibt die Gerechtigkeit?“

Ein Ziel des Koordinierungsrats der Muslime (KRM) ist mehr staatliche Gleichberechtigung und Gleichbehandlung neben dem Christentum. War das ein Thema?

B. Alboğa: Selbstverständlich wollen wir, dass die Islamischen Religionsgemeinschaften so früh wie möglich als solche und als Körperschaft des öffentlichen Rechtes anerkannt werden. Die Unterstützung der beiden Kirchen dabei ist nicht zu unterschätzen. Doch es ist das Gebot der Gleichbehandlung unserer Verfassung, was den Staat dazu verpflichtet. Wir wurden und werden nicht gleichbehandelt. Mit Recht können sich die muslimischen Bürgerinnen und Bürger dieses Staates fragen: Wo bleibt die Gerechtigkeit und warum werden Muslime und der Islam diskriminiert, wenn angeblich nach dem Gesetz niemand wegen seiner Religionszugehörigkeit benachteiligt werden darf?

Zu den Themen Muslimdiskriminierungen und Islamfeindlichkeit äußerte Herr Mazyek, Sprecher des KRM im Gespräch mit den Deutsch Türkischen Nachrichten, er wünsche sich eine lautere Stimme der Kirche dagegen. Haben Sie oder ein anderer Vertreter der Muslime den Papst darum gebeten, sich mehr dafür einzusetzen?

B. Alboğa: Herr Prof. Dr. Ali Dere hat als Vorsitzender der DITIB (Anm. d. Red.: Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion) einen Teil seiner für diese Runde persönlichen Austausches mit dem Papst vorbereiteten Rede vorgetragen. Darin sprach er auch die Schwierigkeiten der Muslime an. Anschließend überreichte er den gesamten Text dem Papst in schriftlicher Form sowie eine Analyse, in der die Behandlung der Muslime und des Islam in Deutschland das Thema ist. Die gesamte Rede ist auf der Internetseite der DITIB nachzulesen. (Anm. d. Red: Hier)

„Politik darf sich nicht aus der Verantwortung ziehen“

Wie ist Ihre Meinung in diesem Punkt? Könnte das Christentum hier mehr tun, um die Muslime bei ihrer Auseinandersetzung mit diesen Schwierigkeiten zu unterstützen?

B. Alboğa: Wir leben in einem demokratischen Rechtstaat. Unsere Verfassung garantiert die Religionsfreiheit und gebietet Gerechtigkeit. Unabhängig davon, was das Christentum hier tun könnte, sollte man nicht den Eindruck erwecken, auf die Gnade von etwas anderem als der Verfassung angewiesen zu sein, wohlgemerkt in einem freiheitlich demokratischen Rechtstaat. Natürlich ist eine positive Stellungnahme und öffentliche Befürwortung christlicher Würdenträger und repräsentativer Institutionen in Deutschland wichtig und könnte sehr fruchtbar sein. Denn in Deutschland ist die Kirche Partner des Staates, in religiösen und karitativen Angelegenheiten. Politik darf sich nicht aus der Verantwortung ziehen. Denn wir wissen, dass wenn der politische Wille da ist, man auch eine Gemeinde als Religionsgemeinschaft anerkennt. Dafür gibt es repräsentative Beispiele in Deutschland.

Der KRM hat ausdrücklich gelobt, dass der Papst bei seiner Rede vor dem Bundestag für die Freiheit des Glaubens und Religiosität eintritt. Der KRM betont außerdem, dass es mehr Gemeinsames als Trennendes mit dem Christentum gibt. Was außer dem Glauben an einen gemeinsamen Gott gibt es Ihrer Ansicht nach noch an Gemeinsamem herauszustellen?

B. Alboğa: Der Gottesgesandte Muhammed sagt: „Keiner von euch ist gläubig, solange er seinem Nächsten nicht das wünscht, was man sich selbst wünscht.“ Bestimmt kommt Ihnen dieser Ausspruch auch aus christlicher und jüdischer Tradition bekannt vor. Der Glaube an den Einen Gott ist die größte Gemeinsamkeit. Wer könnte jedoch behaupten, dass das Gebot der Liebe zu Gott und zum Menschen sowie die Verantwortung und das Eintreten eines gottgläubigen Menschen für Gerechtigkeit, Geschwisterlichkeit und den Schutz der Natur kleiner wäre?

Sie sind Beauftragter für interreligiösen Dialog der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (DITIB). Hat die DITIB ein spezielles Interesse bzw. Anliegen an den Papst, das über die Interessen des KRM hinaus- oder damit einhergeht?

B. Alboğa: Noch mehr für Frieden und Gerechtigkeit die Stimme zu erheben und die Solidarität der Gläubigen für eine gerechte Welt zu fördern ist für uns alle Gläubigen eine große Aufgabe, zu der wir uns alle zu stellen haben. Dabei wird die Verantwortung immer größer je nach Gewicht und Macht, über die man verfügt.

Was haben sie persönlich dem Papst gesagt bzw. was haben Sie ihn gefragt?

B. Alboğa: Als ich ihm in meiner Funktion des Bundesdialogbeauftragten der DITIB vorgestellt wurde, sagte er mir, dass es in Deutschland diesbezüglich noch viel zu tun gäbe. Ich dankte ihm für seine Sensibilität und Unterstützung für den interreligiösen Dialog. Mit guten Wünschen haben wir uns alles Gute und Gottes Segen gewünscht und verabschiedet.

Interview: Felix Kubach

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