Fazil Say: „Erdogan war noch nie in einem Konzert oder in der Oper“

Fazil Say ist ein Weltstar als Pianist und Komponist klassischer Musik. Kein anderer türkischer Musiker genießt weltweit einen derart außergewöhnlichen Ruf. Dennoch hadert Say mit seiner Heimat. Die Deutsch Türkischen Nachrichten trafen Fazil Say in Berlin und sprachen mit ihm über Klassik, Bildung, Erdogan, die AKP und den Islam.

Deutsch Türkische Nachrichten: In gewisser Weise haben Sie den Berufsstand des Pianisten revolutioniert: Sie flechten in klassische Stücke gerne improvisatorische Elemente ein, interpretieren die Alten Meister sehr eigenwillig. Vieles hat man so noch nicht gehört. Woher kommt das?

Fazil Say: Ich bin gleichzeitig Komponist und Pianist. Kennen Sie meine Kompositionen?

Deutsch Türkische Nachrichten: Ja, natürlich. Alla Turca, das Violinkonzert. (wir zeigen Fazil Say die CD mit seinen Kompositionen)

Fazil Say: (nickt zufrieden). Schauen Sie: Es gibt 400 Aufnahmen von Beethovens „Sturm“-Sonate. Wenn ich sie anders interpretiere, schadet das Beethoven überhaupt nicht. Das kann manchmal etwas exzentrisch klingen, und für manche sehe ich beim Spielen auch so aus. Aber alles kommt spontan.

Deutsch Türkische Nachrichten: Keine Vorbereitung für die Improvisation, keine Skizzen?

Fazil Say: (schüttelt den Kopf) Ich drücke immer aus, was ich fühle. Früher hat mir das Probleme bereitet. Ich hatte viele Kritiker. Jetzt habe ich nicht mehr sehr viele musikalische Gegner. Das war vor 15 Jahren wirklich anders. Ich war damals auch sehr eigenwillig.

Deutsch Türkische Nachrichten: Welche sind ihre größten Vorbilder als Komponisten?

Fazil Say: (denkt nach, nach einer Pause) Igor Strawinsky und Béla Bartók, mein größtes Vorbild ist aber nach wie vor Beethoven. Sein Lebenskampf und seine Energie inspirieren mich und meine Arbeit.

Deutsch Türkische Nachrichten: Lassen Sie sich auch von der Pop-Musik inspirieren? Vom Hip-Hop?

Fazil Say: Als Komponist muss man offen für alles sein. Von japanischer Musik, über Simbabwe-Jazz, kubanischem Klavier bis zur indischen Tabla oder der Sitar und der Electronic Avantgarde. Vor allem volkstümliche Musik ist wichtig. Ich selbst höre gern Jazz. Zurzeit auch sehr viel Pop. Sting und Björk und James Brown. Die Frage ist immer, ob es sich dabei wirklich um Musik handelt, um Musik, die von Musikern gemacht wird. Wenn sie nur einem kommerziellen Zweck dient, hört man das sehr schnell. Ein gutes Ohr hört das.

Deutsch Türkische Nachrichten: Woher kommt dann der Erfolg dieser kommerziellen Musik?

Fazil Say: Musikalische Erziehung ist ein großes Problem in unserer Zeit. Das beschränkt sich nicht nur auf die Türkei. Als ich hier in Berlin mit meinem Taxifahrer gesprochen habe, meinte er, das größte Problem in Berlin sei die Bildung. In der Türkei ist das nicht anders. In Deutschland überrascht mich das! Meiner Meinung nach ist Deutschland eines der gebildetsten Länder der Welt. In der Türkei hat ein großer Teil der Bevölkerung sehr wenig Allgemeinbildung, und trotzdem äußern sie sich zu allem.

Deutsch Türkische Nachrichten: Was muss sich in der Türkei im Hinblick auf die Kultur ändern?

Fazil Say: Ich denke, die türkische Regierung interessiert sich nicht wirklich für Kultur. In den vergangenen zehn Jahren hat die AKP so wenig Interesse an Kunst und Kultur gezeigt. Diesen Bereich hat die Regierung vollkommen vergessen. Erst dieses Jahr hat der türkische Ministerpräsident Erdogan eine Skulptur im Nordosten der Türkei abreißen lassen, weil sie ihm nicht gefiel. Das ist alles ein bisschen populistisch.

Deutsch Türkische Nachrichten: War Erdogan schon einmal in einem Ihrer Konzerte?

Fazil Say: Erdogan war noch nie in seinem Leben überhaupt in einem Konzert oder in der Oper…

Deutsch Türkische Nachrichten: Aber haben Sie ihn einmal eingeladen?

Fazil Say: Er war noch nie in irgendeinem Konzert, nicht bloß nicht bei mir! Einmal war er im Ballett und die anwesende Presse fotografierte ihn dabei, wie er wegguckte. Vielleicht aus religiösen Gründen? Ist es nach dem Koran verboten, ins Ballett zu gehen?

Deutsch Türkische Nachrichten: (schweigen)

Fazil Say: Ist es für Muslime verboten, ins Ballett zu gehen? Sagen Sie es mir!

Deutsch Türkische Nachrichten: Im Koran steht nichts vom Ballett…

Fazil Say: Eben, es ist alles Interpretationssache. Und daher hat er nicht hingeguckt.

Deutsch Türkische Nachrichten: Warum? Wegen der Tänzerinnen?

Fazil Say: (schaut finster)

Deutsch Türkische Nachrichten: Warum wird klassischer Musik in der Türkei grundsätzlich weniger Beachtung geschenkt?

Fazil Say: Wenig würde ich nicht sagen. Die Westorientierung der Türkei hat vor 100 Jahren begonnen. In dieser Zeit wurden zahlreiche Konservatorien und Orchester gegründet. Ich selbst nehme in der Türkei an 20 bis 25 Festivals im Jahr teil. Von außen erscheint das vielleicht noch weniger, weil klassische Musik in den Medien nicht präsent ist. Hier steht die kommerzielle Musik im Vordergrund.

Deutsch Türkische Nachrichten: Wer kommt zu Ihren Konzerten in der Türkei? Wer ist Ihr Publikum?

Fazil Say: Mein Publikum ist relativ jung, gebildet. Jünger als mein europäisches Publikum. Ich habe auch Konzerte in anatolischen Städten gegeben. In einigen Städten war das das erste Konzert überhaupt. Das Interesse war sehr groß. Ich habe auch einigen jungen Menschen ein Klavier geschenkt. Die haben sich unglaublich gefreut! Die Menschen haben eine Sehnsucht nach kulturellen Erlebnissen. Der faule Staat tut allerdings seit 70 Jahren nichts in diesen Regionen der Türkei. Östlich von Ankara gibt es keine Orchester oder Opernhäuser mehr. Professionelle Organisationen von Konzerttourneen gibt es auch nicht. Universitäten laden mal einen Pianisten oder einmal im Jahr ein Kammerorchester ein. Nur wenn sich jemand aktiv selbst dafür einsetzt, finden kulturelle Veranstaltungen statt. Das ist schade. Mit einem guten Kultusminister und einem Bildungsminister könnte man vieles in der Türkei verbessern. Aber immer, wenn ich meine Ideen oder Kritik geäußert habe, sah ich eine Wand vor mir, eine aggressive Wand.

Deutsch Türkische Nachrichten: Woran könnte das liegen?

Fazil Say: Die Wahrheit ist: Die Türkei war ein Land mit einem kulturellen System, und die AKP zerstört dieses System. Dagegen wehre ich mich sehr hart, und viele Künstler tun das mit mir. Wir müssen den Kampf wählen, weil die Kultur unser Leben ist. Sie ist mein Leben, und mein Leben muss ich mir erkämpfen. Viele Menschen wollen das nicht, deshalb ist es eine hoffnungslose Situation. Viele AKP-Fans denken, ich mache das, um mich ins Rampenlicht zu rücken, oder als Polemik. Mit meinen Kompositionen und meiner Musik erreiche ich nur wenige Menschen. Natürlich wollen wir Künstler irgendwann einmal ein Resultat unserer Arbeit sehen. Und daher führe ich diesen Kampf, weil ich als Künstler sonst nicht existieren kann.

Deutsch Türkische Nachrichten: Gibt es wohlhabende Menschen in der Gesellschaft, die Sie unterstützen? Die Türkei ist wirtschaftlich sehr erfolgreich, da könnte es ja auch Mäzene geben, wenn der Staat schon nicht handelt…

Fazil Say: Ja, die gibt es. Das ist aber nicht sehr ausgeprägt. Die Akbank, Sabanci Holding, Koc Holding und die Aker Holding unterstützen einige Projekte. Die Borusan-Holding hat sogar ein eigenes Orchester.

Deutsch Türkische Nachrichten: Beobachten sie eine Islamisierung in der Türkei?

Fazil Say: Ein islamisches Land ist es schon immer gewesen. Eine Islamisierung kann sich daher nur auf politische und wirtschaftliche Entwicklungen beziehen. Die Religion wird für Politik und Geld benutzt. Für die Kultur ist da kein Raum.

Deutsch Türkische Nachrichten: Ist das zwangsläufig so? Der Islam ist doch eigentlich eine alte Kultur-Religion…

Fazil Say: Kennen Sie einen Pianisten aus Saudi-Arabien? Einen Opernsänger aus Ägypten? Einen Komponisten aus dem Jemen?

Deutsch Türkische Nachrichten: Nicht wirklich…

Fazil Say: (nickt und schweigt)

Deutsch Türkische Nachrichten: Aber jetzt ändert sich doch einiges in der arabischen Welt. Bemerken Sie etwas vom arabischen Frühling?

Fazil Say: Veränderungen entstehen in großen Zeiträumen. Die Veränderungen kommen und gehen wie Wellen. Jetzt ist die Türkei in einer sehr starken politischen und wirtschaftlichen Situation. Viele Menschen sind dadurch guter Hoffnung. Die konservative Mehrheit liebt Erdogan und den Staatspräsidenten Gül, und die Medien unterstützen die Regierung.

Deutsch Türkische Nachrichten: Aber doch nicht alle…

Fazil Say: Alle Gegner haben ein großes Problem, Minderheiten haben ein Problem! Und die Kritiker kommen ins Gefängnis. Journalisten, die sich kritisch äußern, kommen ins Gefängnis. Wie würden Sie das nennen? Demokratie?

Deutsch Türkische Nachrichten: Naja, sehr demokratisch ist das natürlich nicht, und das Thema Pressefreiheit ist ein Problem in der Türkei…

Fazil Say: Können Sie sich vorstellen, dass kritische Journalisten in Deutschland einfach im Gefängnis verschwinden?

Deutsch Türkische Nachrichten: Das ist bei uns zum Glück tatsächlich nicht der Fall.

Fazil Say: In der Türkei hat es jeder schwer, der gegen die Regierung ist. Intellektuelle und andere, die sich gegen die Regierung stellen, haben es schwer. Diejenigen, die etwas dagegen unternommen haben, sind jetzt im Gefängnis. Wir haben Angst. Es gibt sehr viele Leute, die ich kenne, die jetzt im Gefängnis sind. Sie wissen seit Monaten nicht, was ihnen vorgeworfen wird. Es gibt einfach noch keine Verhandlung. Wissen Sie was das ist?

Deutsch Türkische Nachrichten: Das ist nicht rechtsstaatlich.

Fazil Say: Das ist Faschismus! Ich kann die Zustände in der Türkei kritisieren, wenn ich in Europa bin, aber das nützt nichts. Wissen Sie, was passiert, wenn ich all das in der Türkei sage? Die Zeitungen würden alles, was ich Ihnen hier sage, rausschneiden. Es erreicht hier niemanden.

Deutsch Türkische Nachrichten: Wir werden aus diesem Interview nichts rausschneiden.

Fazil Say: (schweigt und nickt)

Deutsch Türkische Nachrichten: Und wir werden dieses Interview übersetzen und auch auf Türkisch bringen. Dann kann es über das Internet jeder in der Türkei lesen…

Fazil Say: Ja, machen Sie das. Und schicken Sie mir den Link.

Das Gespräch führten Merve Durmus und Michael Maier. (Die türkische Übersetzung hier)

Fazil Say tritt am 4. Oktober in München, am 5. Oktober in Ravensburg, am 12.Oktober in Berlin auf. In München signiert er am 4. Oktober in der Musikabteilung von Ludwig Beck am Marienplatz. Er stellt im Gespräch mit Arnt Cobbers das Buch und seine neue CD im Kulturkaufhaus Dussmann in Berlin am 11. Oktober vor.

Seine Biographie „Fazil Say – Pianist, Komponist, Weltbürger“ (19,90 €) von Jürgen Otten ist 2011 im Henschel Verlag erschienen. ISBN 978-3-89487–708-8

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