Kristina und die Monster-Droge Crank – ein fesselndes Jugendbuch

„Warum hasste ich das Mädchen im Spiegel so sehr?“ fragt sich die junge Kristina und verwandelt sich durch die Monster-Droge doch immer mehr in ein fremdes Wesen, das ihr dennoch seltsam vertraut ist.

Crank* ist ein Einblick in die Psyche eines drogenabhängigen jungen Mädchens. Wieso schlittert Kristina, die in gutbürgerlichen Umständen aufwächst, in die Drogenabhängkeit? Warum identifiziert sie sich immer stärker mit ihrem Alter Ego, dem bösen Mädchen in ihr, obwohl sie sich unterbewusst der Gefahr bewusst ist? Dem zweiten Ich gibt sie sogar einen Namen: Bree. Bree ist der laute, selbstbewusste Charakter, der nicht an Konsequenzen ihres Handelns denkt. Und Bree tut alles, was sich die vernünftige Kristina nicht traut.

Sie kann auf Knopfdruck „den Vamp spielen“, „flirtet schamlos“, kurzum: wird endlich vom männlichen Geschlecht wahrgenommen. Kristina selbst beschreibt sie so: „Bree öffnet Türen, an die Kristina niemals klopfen würde“, oder: „Sie trägt mein Gesicht, sie reitet die Strömungen unergründlich tiefer Meere, in denen brave Mädchen ertrinken.“ Bis sie zu der Erkenntnis gelangt, oder sich einbildet, dass Bree „weder Erfindung noch eine Fremde war“, sondern: „Bree war mein wahres Wesen.“

Und doch ist sie sich die ganze Zeit der selbstzerstörerischen Wirkung ihrer Trips bewusst: „War ich vollkommen verrückt geworden? Wollte ich wirklich wieder high werden?“ Dann wieder reflektiert sie ihre Sucht sehr genau: „Dann kam mir kurz der ungute Gedanke, dass alles, was ich kürzlich getan hatte, in einer Katastrophe enden könnte. Gab es noch ein Zurück? Würde ich endgültig abstürzen? Doch das Monster beruhigte mich sofort, verwirrte mich mit einer wichtigeren Frage: Vielleicht lohnte sich der Trip?“

Die Geschichte beginnt vor ihrem ersten eigentlichen Kontakt mit der Droge. Eigentlich wächst Kristina wohlbehütet im US-amerikanischen Nevada in einer halbwegs intakten Familie in materieller Sorgenfreiheit auf, und eigentlich hat sie objektiv betrachtet keinen Grund, abzudriften. Doch subjektiv erfährt sie die Welt anders. Aus ihrer Sicht heraus haben die anderen Schuld daran, dass sie sich so schlecht fühlt, vor allem einsam. Ob die lesbische große Schwester oder der kleine verwöhnte Bruder – alle sind ihr fremd. Der Druck der an sie gestellten Erwartungen, ob nun in der Schule, oder einfach nur stets zu funktionieren, verstärkt ihre Haltlosigkeit.

Die Eltern sind getrennt, ein Stiefvater wohnt im Haus, zu dem sie ein eher kühles Verhältnis hat. Bei ihrem ersten Besuch bei ihrem leiblichen Vater seit acht Jahren in Albuquerque, New Mexico wird sie mit der harten Realität konfrontiert, dass auch dieser nicht die vielleicht erhoffte Stütze sein kann. Der Vater ist kein Märchenprinz wie der, den sie noch aus ihrer Kindheit kennt. Für Kristina ist er eine Enttäuschung, ein Versager. Er trinkt, raucht Kette und nur ein Job auf einer Bowlingbahn hält ihn über Wasser, eine feste Freundin hat er nicht. Eine leidenschaftliche Affäre Kristinas mit Adam, gleichzeitig gedankliche Ausflucht aus „der verwarzten Wohnung“ ihres Vaters und ihr erster zarter Kontakt mit der Sexualität, stellt ihre bisherige Gedankenwelt zusätzlich auf den Kopf. Und hier lernt die 17-Jährige das erste Mal die Droge kennen. Zurück in Nevada hat sie sich verändert. Der Gedanke an die Droge beherrscht sie. Alte Freundschaften bricht sie ab, sucht neue.

Die bekannte Droge heißt im Buch „Crank“ oder nur „das Monster“. Die Droge hilft ihr dabei, über eine Vergewaltigung hinwegzukommen. Sie verschafft ihr Euphorie und Selbstvertrauen. Doch Kristina alias Bree unterschätzt die Macht der Droge von Beginn an. Die Kicks, die sie sich verschafft, sind intensiv und detailliert beschrieben. Kristina gerät tief in den Strudel der Abhängigkeit: „Ich war ständig müde, ständig high. Und damit der Rausch nicht verflog, nahm ich mehr, immer mehr, um mich weiter gut zu fühlen.“ Sie schreckt nicht davor zurück, mit der Kreditkarte ihrer Mutter Geld abzuheben, in der illusionären Hoffnung, es würde nicht auffliegen. „Mom wollte ihr kleines Mädchen wiederhaben. Aber das war unmöglich.“

Die Sucht hat sie fest im Griff: „und diese Sucht wächst genau in dem Maß, in dem man seine Existenz verdrängt“, heißt es an einer Stelle. An einer anderen: „Bree schwor trotzdem, egal, welche Strafe drohte, dass es nur eines diesen super Tag noch besser gemacht hätte: eine große Portion des Monsters.“ Die zu Beginn des Buches gestellte reflektierende Frage: „Warum hasste ich das Mädchen im Spiegel so sehr, dass ich es entstellte, in eine Fremde verwandelte, oder auch nicht“ bleibt unbeantwortet. Durch einen Zufall nimmt die Geschichte jedoch eine neue Wendung.

Das in freier Versform geschriebene Buch erhielt eine Nominierung für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2011. Nach Angaben der Autorin Ellen Hopkins handelt es sich zwar um eine fiktive Geschichte, der allerdings ein authentisches Schicksal zugrunde liegt – das ihrer Tochter.

*Crank von Ellen Hopkins, Carlsen Verlag, 544 Seiten, ab 15 Jahren, 14,00 Euro, ISBN 978-3-551-58230-0

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