„Ist eine Stabilisierung der türkischen Lira sinnvoll?“

Torsten Schmidt, stellvertretender Konjunktur-Chef beim RWI Essen*, hält eine kurzfristige Stabilisierung der türkischen Lira durch Devisenmarktinterventionen für wenig zweckmäßig. Im Interview empfiehlt er der Türkei eine Verringerung der Abhängigkeit von Importen sowie Zinserhöhungen.

Deutsch Türkische Nachrichten: Die Türkei kämpft momentan verzweifelt gegen den Verfall ihrer Währung. Die Strategie des massenhaften Dollar-Verkaufs wird aber nach Einschätzung von Kritikern nicht mehr lange funktionieren. Wie ist ihre Sicht?

Torsten Schmidt: Die Einschätzung, dass die türkischen Notenbank die Währung durch Devisenverkäufe stützen kann, ist absolut richtig, da ihre Devisenreserven begrenzt sind. Darüber hinaus bestehen unter Ökonomen massive Zweifel, dass Devisenmarktinterventionen überhaupt wirksam sind.

Hat die Zentralbank hier auf das falsche Pferd gesetzt?

Devisenmarktinterventionen durch Notenbanken haben, wenn überhaupt, nur sehr kurzfristigen Effekte. Es können höchstens für wenige Tage sehr massive Abwertungen abgemildert werden. Eine Abwertung, die durch fundamentale ökonomische Faktoren ausgelöst wird, kann so nicht verhindert werden. In diesem Sinne sind die Devisenverkäufe auch eher ein Kurieren von Symptomen. Die Ursachen für die Abwertung dürften in den schlechteren Wachstumsperspektiven in der Türkei oder in einer Flucht in sichere Anlagen der internationalen Investoren zu suchen sein.

Welche Möglichkeiten bieten sich in der momentanen Lage überhaupt, um die Währung stabil und für ausländische Investoren wieder attraktiv zu machen?

Die Frage ist zunächst, ob angesichts des hohen Leistungsbilanzdefizits eine Stabilisierung der Währung mittelfristig überhaupt sinnvoll ist. Mittelfristig sollte die Abhängigkeit von Importen reduziert werden, z.B. indem man die bisher importierten Güter im Inland herstellt. Dies braucht natürlich Zeit. Kurzfristig kann die Notenbank der Abwertung auch durch eine Zinsanhebung begegnen, die Kapitalanlagen im Inland attraktiver macht. Die dämpft natürlich die Nachfrage im Inland.

Geht der Plan der Zentralbank nicht auf – Welche Probleme drohen der Türkei kurz-, aber auch langfristig?

Die Wahrscheinlichkeit, dass die Zentralbank durch Devisenmarktinterventionen die Abwertung verhindert, ist nach der historischen Erfahrung gering. Das heißt die Lira wird abwerten, wenn nicht weitere Maßnahmen, wie Zinserhöhungen, durchgeführt werden. Durch die Abwertung verteuern sich die Importe. Dies erhöht zunächst den Preisdruck und führt durch eine Verteuerung von Vorprodukten zu einem Rückgang der Produktion. Da sich gleichzeitig die Exporte verbilligen, könnte der Export ansteigen. Dies führt zu einer Verringerung des Leistungsbilanzdefizits und vermindert den Abwertungsdruck.

Müsste sich im Zuge dessen nicht auch die grundsätzliche Konsummentalität ändern? Das Leben auf Pump bescherte dem Land schließlich seinen Aufschwung.

Beispiele von Ländern in ähnliche Situation zeigen, dass das gegenwärtige türkische Leistungsbilanzdefizit von 8 % in Relation zum Bruttoinlandsprodukt (erstes Halbjahr 2011) auf Dauer nicht aufrechterhalten werden kann, da es ständig durch ausländisches Kapital finanziert werden muss. Eine Rückführung des Wachstums der Binnennachfrage ist ein Weg, um das Leistungsbilanzdefizit und damit den Abwertungsdruck zu verringern. Allerdings vorübergehend auf Kosten des Wirtschaftswachstums.

*Torsten Schmidt ist stellvertretender Leiter des Kompetenzbereichs Wachstum und Konjunktur am Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen.

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