„Ich habe mir den Kopf erkältet“: Die Angst, verrückt zu werden

Meryam Schouler-Ocak, Leitende Oberärztin der Psychiatrischen Universitätsklinik der Berliner Charité im St. Hedwig-Krankenhaus, über seelische Krankheiten von Migranten und interkulturelle Behandlungsmethoden

Deutsch-Türkische Nachrichten: Die diesjährige Woche der seelischen Gesundheit legt einen Schwerpunkt auf kulturelle Identität. Was ist der Zusammenhang zwischen den beiden?

Meryam Schouler-Ocak: Wir haben diese Woche der seelischen Gesundheit jetzt zum fünften Mal organisiert. Gezielt haben wir dieses Jahr das Thema „Wissen schafft Verständnis: Seelische Gesundheit in kultureller Vielfalt“ gewählt. Eine kulturelle Identität, oder vielmehr das Fehlen einer kulturellen Identität kann ein Faktor dafür sein, dass man sich seelisch nicht gesund entwickeln kann.

Was ist unter fehlender kultureller Identität zu verstehen?

Darunter ist zu verstehen, dass die Identität eines bestimmten Migrationshintergrundes nicht annehmen kann bzw. nicht ausgereift sein kann. Zum Beispiel türkisch-stämmig oder italienisch oder russisch oder auch einheimisch deutsch. Dass man einfach eine Identität hat. Manchmal schwankt man ja auch zwischen verschiedenen Identitäten. Identitäten sind haltgebend, strukturgebend und sind Träger von Selbstbewusstsein sowie Selbstwertgefühl. Ich bin beispielsweise eine deutsche Frau mit türkischem Migrationshintergrund oder wenn sie wollen, eine türkisch-stämmige Frau, das ist meine Identität. Ich kann mich mit dieser Identität wohlfühlen. Das bin ich. Das macht mich aus.

Hohe Suizid-Rate unter jungen türkisch-stämmigen Frauen

Mittlerweile leben drei Generationen an Menschen mit türkischem Migrationshintergrund hier in Deutschland. Welches seelische Befinden beobachten sie bei ihnen?

Das ist eine schwierige Frage. Einer bestimmten Generation anzugehören ist auch ein Teil der Identität. Es gibt Menschen der ersten Generation, die hier ganz gut angekommen sind, die hier gut Fuß gefasst haben, die hier relativ gut zurechtkommen, die die Sprache sprechen, die die Wege kennen. Aber es gibt auch eine Menge, die nicht so gut Deutsch spricht, die nicht so gut integriert ist, die früher immer zurückwollte in die alte Heimat, aber nun doch davon abgekommen ist und nach wie vor hier lebt. Sie fühlen sich oft nicht verstanden. Sie haben teilweise sehr schwer körperlich gearbeitet. Und nun sind sie in einer Phase oder einem Stadium, in der sie schwere körperliche Beschwerden entwickelt und erkrankt sind. Die zweite Generation ist häufig die sogenannte Sandwich-Generation. Das ist die Generation, die teilweise hin- und her verschickt wurde. Die Mütter haben diese Kinder zur Welt gebracht und/oder mussten sie teilweise in der Türkei zurücklassen. Teilweise haben sie sie, wenn sie sie in Deutschland zur Welt gebracht haben, einfach nach wenigen Wochen in die Türkei verschickt, damit sie hier arbeiten konnten. Oder die Kinder sind hin- und her gegangen, so dass teilweise von „Kofferkindern“ oder „Migrationswaisen“ gesprochen wird. Bei diesen Betroffenen können sich Identitätsprobleme oder Beziehungsprobleme, Beziehungskonflikte zwischen Mutter und Kinder oder auch unter den Geschwistern entwickeln. Zum Teil ist es auch so, dass diese zweite Generation hier gut Fuß gefasst hat. Es gibt auch viele Aufsteiger aus der zweiten Generation, aber es gibt auch viele, die im Rahmen dieser Hin- und Her- Verschieberei leider doch nicht so gut Fuß fassen konnten. Aber mir würde es schwer fallen zu sagen: die sind alle so oder so. Bei der dritten Generation fühlen sich die Betroffenen hierher gehörig, teilweise aber auch hin- und hergerissen. Teilweise sprechen sie auch schlechter Deutsch als die zweite Generation. Es handelt sich um eine durchmischte Generation. Ich könnte jetzt nicht sagen, die erste Generation hat das, die zweite jenes und die dritte wieder etwas anderes. Aber wir wissen, dass in dem Migrationsprozess viele Risiko- und Belastungsfaktoren wie schlechter sozio-ökonomischer Status, schlechter Bildungsstand, schlechte Wohnverhältnisse oder auch teilweise soziale Isolation, Arbeitslosigkeit, Diskriminierung, schlechte Sprachkenntnisse aber auch die Dissonanzen zwischen den Wertvorstellungen der Heimat und der Aufnahmegesellschaft sowie Heimweh bestehen. Es existieren also viele Faktoren, die als Belastungsfaktoren festzuhalten sind. Diese könnten natürlich Befindlichkeitsstörungen verursachen oder Erkrankungen unterstützen.

Auch wenn sich den einzelnen Generationen keine typischen seelischen Erkrankungen zuordnen lassen, mit welchen seelischen Erkrankungen werden sie bei türkisch-stämmigen Migranten besonders häufig konfrontiert?

Es gibt Untersuchungen, die darauf hinweisen, dass im Rahmen dieses Migrationsprozesses Migranten häufiger depressive Störungen, Angststörungen und Suizidalität entwickeln. Bei der Suizidalität gibt es Hinweise darauf, dass die Suizid-Rate der ersten Generation so hoch ist wie in der Heimat, bei der zweiten steigt sie an und bei der dritten wird sie wahrscheinlich auch weiter ansteigen. Aber so klar ist das alles noch nicht. Was klar ist, ist, dass z.B. Frauen eine deutlich höhere Suizid-Versuchsrate haben als einheimische Frauen. Bei jungen türkisch-stämmigen Frauen dagegen ist die Suizidrate doppelt so hoch wie bei einheimischen Gleichaltrigen. Da passiert irgendetwas. Insgesamt ist aber sonst die Suizid-Rate niedriger als die der einheimischen Deutschen.

„Psychische Erkrankungen sind stigmatisiert“

Wie gehen Migranten mit seelischen Erkrankungen um?

Die Betroffenen selbst reden beim Arzt schon offen darüber. Aber in der Community oder in der Familie reden sie eher nicht über psychische Beschwerden. Sie reden eher über körperliche Beschwerden wie Kopfschmerzen, Magenschmerzen, Rückenschmerzen, aber sie reden nicht darüber, dass sie vielleicht eine Depression haben. Psychische Erkrankungen sind stigmatisiert, und teilweise auch tabuisiert.

Was ist bei dem Umgang mit Patienten mit Migrationshintergrund zu beachten – außer der Sprachbarriere?

Die Sprachbarriere ist ganz klar. Aber man muss auch die kulturellen Aspekte verstehen. Es gibt also nicht nur die sprachgebundenen, sondern auch die kulturgebundenen Verständigungsprobleme, Missverständnisse oder Quellen für Missverständnisse. Nicht überall stehen muttersprachliche Behandler zur Verfügung. Die Behandlung muss aber nicht in jedem Falle muttersprachlich erfolgen, sondern auch bei interkulturell kompetenten einheimischen Behandlern ist eine genauso gute Behandlung möglich. Die Gruppe der Menschen mit Migrationshintergrund ist sehr heterogen und sehr vielschichtig, so dass nicht für alle Gruppen Muttersprachler zu finden sind. In diesem Zusammenhang ist die interkulturelle Öffnung der Einrichtung sehr wichtig. Das heißt, die Regelversorgungseinrichtungen müssen sich auch für Migranten als Zielgruppe wappnen und auf sie vorbereiten, zum Beispiel mit Mitarbeitern mit interkultureller Kompetenz. Das heißt, sie müssten in der Lage sein, die Migranten dort abzuholen, wo sie sind und mit Migranten auch umgehen können. An dieser Stelle muss sich noch viel im Gesundheitssystem bewegen.

„Die Migranten abholen wo sie sind“ – was bedeutet das konkret?

Wenn jemand die deutsche Sprache nicht beherrscht, sollte man auf keinen Fall auf Kinder, Verwandte, Freunde zugreifen, die übersetzen. Das ist eigentlich gar nicht erlaubt, denn sie wissen gar nicht, wie die Beziehungen oder die Machtverhältnisse dort sind. Sie wissen nicht, ob das, was sie fragen, tatsächlich gefragt wird oder ob die Antwort, die gegeben wurde, tatsächlich bei ihnen ankommt. Ob also einiges hinzugedichtet, weggelassen oder interpretiert wird. Und sie wissen auch gar nicht, welche Konsequenzen dieses Gespräch für die Betroffenen dann haben kann. Es sollte auf jeden Fall auf einen vereidigten, professionellen Übersetzer zurückgegriffen werden. Eine anderer Aspekt ist, wenn sie zum Beispiel von einem Patienten hören: „kafamı üşüttüm“, also: „Ich habe mir den Kopf erkältet“ dann ist das eine kulturgebundene Umschreibung. So wird nicht verstanden, was tatsächlich der Betroffenen sagen wollte, nämlich: „Ich habe Angst durchzudrehen, ich werde verrückt“. Es gibt zahlreiche Organchiffren, so dass über die Organe kommuniziert wird, oder Redewendungen bzw. Sprichwörter, über die Inhalte transportiert werden. Auch im Deutschen existieren Redewendungen wie „Mir ist eine Laus über die Leber gelaufen“, die Nichteinheimische nicht ohne Weiteres verstehen. Interkulturelle Kompetenz beinhaltet in diesem Zusammenhang zu wissen, wer ich bin, in was für einer Position ich bin, welche Sprache und welchen kulturellen Kontext ich persönlich habe und dann ein paar Schritte zurück zu gehen und zu gucken, was hat der Mensch, der mir gegenüber sitzt, für eine Kultur, Sprache, was versteht er unter Krankheit, was versteht er unter bestimmten Begriffen. Sie bedeutet aber auch, wenn man über dieses Wissen nicht verfügt, sich dieses Wissen anzueignen und mit Sprach- und Kulturvermittlern arbeiten zu können.

Interview: Ceyda Nurtsch

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