„Wir sind 99 Prozent“: Noch weit entfernt von einer Bewegung

Fast 1000 Städte in 82 Ländern. Allein in Rom fast 200.000 Menschen auf den Straßen. Eigentlich ist es eine beeindruckende Bilanz, die die Menschen am vergangenen Samstag weltweit zustande gebracht haben. Eigentlich. Denn nicht nur die Deutschen verhielten sich außergewöhnlich träge.

“Der Funke ist übergesprungen, die Bewegung ist da. In mehr als 900 Städten in 82 Ländern rund um den Globus haben Menschen (…) ihre Wut über die Macht der entfesselten Finanzmärkte auf die Straße getragen und echte Demokratie eingefordert”, lobte Max Bank vom bundesweiten Attac-Koordinierungskreis am Samstagabend. Angeblich sollen in Deutschland 50 Städte beteiligt gewesen sein. Rund 40.000 Bürger hätten protestiert.

Teilweise nur rund 1000 Menschen auf den Straßen

Doch ist die Einschätzung von Attack hier nicht zu optimistisch? Die Zahlen, die andere Medien derweil übermitteln, klingen weitaus weniger bombastisch. In Frankfurt am Main und in Berlin sollen es gerade einmal jeweils 5000 geschafft haben, am globalen Aktionstag gegen die Banken teilzunehmen. Der Schlachtruf „Wir sind die 99 Prozent“ hallte ihr noch relativ kräftig. Einige zelten auch am Sonntag noch vor der EZB und wollen auf unbestimmte Zeit dort campieren. Andernorts sah das jedoch bei weitem bescheidener aus. In Hannover, auf dem Platz gegenüber dem Hauptbahnhof, haben sich nur etwa 200 Demonstranten der “Occupy”-Bewegung eingefunden. München kam auf 1000 Demonstranten, Köln lockte 1500 nach draußen, genauso wie in Stuttgart.

Rom und New York sind die Demonstrations-Zentren

Auch international ist von einer Massenbewegung noch wenig zu spüren. In Paris etwa folgten 200 Menschen dem Aufruf zum Protest der „Empörten“. Nur etwa hundert finden sich am Finanzplatz in Tokio ein, 500 treffen sich auf selbigem in Hongkong. Immerhin 1000 stehen auf dem Finanzplatz in London, wo der Gründer der Enthüllungsplattform Wikileaks, Julian Assange auf den Stufen der St. Paul’s Cathedral zu ihnen sprach. Einzig die italienische Hauptstadt Rom sowie der New Yorker Time Square fielen aus dem Rahmen. Bis zu 200.000 sollen es in Italien gewesen sein. Unschöner Beiklang der Proteste: Brennende Autos, rauchende Gebäude, mehr als 70 Verletzte. 50 000 waren nach vorsichtigen Schätzungen auf der berühmten Vergnügungsmeile am Big Apple.

Demonstranten wirken schüchtern und noch unbeholfen

Dank der weltweiten Organisation über das Internet kann der 15. Oktober zwar durchaus als ein Tag historischen Protests gewertet werden – zumindest was seine Spannweite betrifft. Vor Ort wirkt das Ganze dann aber oft wie hier: „Leute treten vor und geben kurze Statements ab. Ein junger großer Mann, sichtlich in Bewegung, denn seine rechte Hand zittert heftig, schließt sein holperiges Statement mit den Worten: ‚Danke, dass Sie mir zugehört haben. Jetzt hat sich die Radtour von 20 Kilometern hierhin gelohnt.‘ Das Publikum ist sichtlich gerührt. Auch die meisten anderen Statements wirken bemüht und unfertig. Aber die Leute können ihre Stimme erheben und werden verstanden, auch wenn sie unverständlich sprechen“, beschreibt ein Augenzeuge das Gebaren in Hannover.

Um wirklichen Einfluss zu erhalten bedarf es folglich mehr als nur eines Slogans. Die Bürger müssen eine geschlossene Einheit bilden und jetzt gemeinsame Forderungen erarbeiten.

Mehr hier:

„People of Europe, rise up!“: Ein historischer Tag des Protests

Occupy Wall Street: Weltweite Proteste in über 900 Städten!


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