Kurdenkonflikt: Wird aus der Türkei ein zweiter Libanon?

Die Türkei versinkt in der Gewalt. Die vergangenen Tage haben in tragischer Weise gezeigt, dass das Fehlen einer politischen Lösung des Kurdenproblems nur in einer Katastrophe enden kann. Und es wird weitergehen: Mit jedem Toten wird der Hass steigen. Und er wird weitergegeben, von Generation zu Generation.

Wir haben leider genug Beispiele in der Geschichte, die zeigen: Ist einmal eine gewisse Grenze überschritten, gibt es kein Zurück mehr. Dies musste der Libanon erfahren: Einst ein gelobter Flecken Erde, versank das Land im Chaos. Strukturen der Zivilisation wurden ausgelöscht. Auch wenn am Ende keiner wusste, wie es begonnen hat, wurden die Muster der Verachtung und des Misstrauens tradiert; weitergegeben von den Vätern auf die Söhne, und immer wieder aufs Neue beklagt von weinenden Müttern, deren Kinder hinweggerafft wurden.

Auch der mittlerweile blinde Hass zwischen Israel und den Palästinensern nährt sich aus einer unendlichen Geschichte der Gräueltaten. Keine der kurzen Perioden ohne flächendeckende Auseinandersetzungen wurde zu einem Wendepunkt: Wieder und wieder flackerte die Feindseligkeit auf, die kleinsten Funken schlugen Feuer, der Flächenbrand wurde zur Routine.

Noch ist es zwischen Türken und Kurden nicht so weit. Noch gibt es genügend Gruppen auf beiden Seiten, die sich gegen den Wahnsinn stellen – zumindest mit Worten. Die politischen Taten freilich fehlen: Die AKP unter Premierminister Recep Tayyip Erdogan hat zwar Programme, die geeignet sind, das friedliche Zusammenleben sicherzustellen. Und auch auf kurdischer Seite gibt es Kräfte, die bereit sind zur verantwortungsvollen Mitwirkung. Die neue türkische Verfassung enthält Elemente, auf denen man aufbauen könnte.

Und doch gelingt es nicht, die Barbarei des gegenseitigen Mordens zu stoppen. Es stellt sich die Frage: Wem kann das noch gelingen? Erdogan müsste all sein politisches Talent und seine Unterstützung in der Bevölkerung nutzen, um selbst zum Anwalt der Vernunft zu werden. Die Mehrheit der Türken will einen Bürgerkrieg ebenso wenig wie die Mehrheit der Kurden. Sie müssen ihre Stimmen erheben, damit es neben den Hasspredigern auch eine machtvolle Friedensbewegung gibt. Und Europa muss, aus der Erfahrung eines jahrhundertelang von Kriegen verwüsteten Kontinents, aktiv und schnell durch Vermittlung auf eine politische Lösung hinwirken. Türken und Kurden muss erspart werden, worunter so viele Völker leiden: Dass sie nämlich in einer unkontrollierten Spirale der Gewalt aus ihrem Land eine Steppe der verbrannten Erde machen, auf der über Generationen kein Mensch in Würde leben kann.

Michael Maier

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