Thumann: „Türkei wendet sich nicht vom Westen ab, sie verändert sich nur“

Der Islam-Irrtum: Michael Thumann glaubt, der Westen schätzt islamisch geprägte Länder falsch ein. Wie in nicht-muslimischen Ländern würden Staatsoberhäupter hier auch häufig einfach aus machtpolitischen Gründen agieren. Erdogans provokative Äußerungen führt Thumann auf Amtsmüdigkeit und Konzentrationsschwäche zurück.

Islam-Kritiker betrachten die arabischen Länder zu oberflächlich

Den Schlüsselmoment, der ihn zum Schreiben seines Buches „Der Islam-Irrtum“ veranlasst habe, sei eine öffentliche Diskussion gewesen. „Vor einigen Jahren nahm ich an einer Podiumsdiskussion zum EU-Beitritt der Türkei mit Peter Scholl-Latour teil. Für seine Aussage, ein Beitritt käme nicht in Frage, weil Erdogan ein Islamist sei, erhielt er großen Beifall. Ich war für einen Beitritt und wurde dafür stark kritisiert. Nach der Diskussion kam jemand erbost auf mich zu und sagte: „Sie junger Mann, lesen sie mal den Koran, dann wissen sie, wie schlimm die sind!“

Das tat Thumann dann auch. Jedoch sei er nicht auf eine Erklärung der derzeitigen Situation in den islamisch geprägten Ländern gekommen. Diese musste woanders liegen. Die Entwicklungen in den Ländern seien für ihn viel komplizierter und mehr auf wirtschaftliche und machtpolitische Gründe zurückzuführen.

Die Angst der westlichen Länder sei dagegen einfacher zu erklären. „Der 11. September war nicht nur ein einfacher Angriff auf den Westen. Er war vielmehr ein Angriff auf die Selbstsicherheit westlicher Länder“, erklärt Thumann. Die Folge sei Verunsicherung und Angst gewesen. Auf der Suche nach Gründen, hätten die Menschen eine einfache Erklärung gefunden: den Islam. „Dann könnte der Einbruch des westlichen Finanzsystems auch mit der Bibel, beispielsweise mit dem Turmbau zu Babel, erklärt werden“, meint Thumann und versucht so klarzumachen, wie absurd solch eine Begründung ist.

Regierungswechsel brachte Türken vor allem Wohlstand

Am 13. Oktober 2011 fand ein Diskussionsabend im Auditorium der Humboldt Universität Berlin mit Michael Thumann zu dessen aktuellem Buch „Der Islam-Irrtum“ statt. Der Begriff Islam-Irrtum scheint etwas irreführend.  Handelt es sich um den missverstandenen Islam oder um einen Irrtum im Islam?

Thumann ging in seiner Analyse insbesondere auf die Türkei ein. Den wiederholten Wahlsieg der AKP verbindet er vor allem mit dem Wohlstand, den der Regierungswechsel der türkischen Bevölkerung brachte. Auch außerhalb der türkischen Grenze sei Erdogan beliebt, besonders deutlich zu sehen an dem Hype, der bei seinem Besuch in den arabischen Ländern, um ihn entstand. Er sei einfach ein Mann aus dem Volk.

Die Türkei wird für ihre Wirtschaftsleistung und ihre demokratische Öffnung bewundert. Trotzdem, so Thumann, gäbe es Misstrauen seitens des Westens. Die AKP werde dort als eine islamistische Partei bezeichnet. Sie sei jedoch vielmehr eine konservative kapitalistisch eingestellte Partei. Falsch verstanden wird hier, dass Erdogan selbst eben ein religiöser Mann sei.

Für Thumann haben die politischen Handlungen Erdogans keinesfalls religiöse Beweggründe. In jüngster Zeit wird die Kritik an dem türkischen Staatsmann immer größer. „Ich halte Erdogan für einen pragmatischen Politiker, dem der Populismus nicht fremd ist“, meint der ZEIT-Redakteur. ‚Und wenn er erst einmal Macht hat, dann Gnade uns Gott oder wer auch immer‘ würden besorgte Türkei-Kritiker behaupten. Wenn das so wäre, meint Thumann, hätte Erdogan in neun Jahren genug Zeit gehabt, seine Macht in diese Richtung zu missbrauchen. „Die Türkei wendet sich nicht ab. Sie verändert sich“ betont Thumann.

Erdogan: Amtsmüdigkeit und Konzentrationsschwäche

Jedoch befinde sich die Türkei an einem Wendepunkt, den Erdogan mit in der Hand habe. Der wiederholte hohe Wahlsieg der AKP in den vergangenen Jahren stelle die Partei nun auf eine demokratische Probe. Hält sie an ihrem demokratischen Kurs fest oder bedient sie sich an den Mitteln ihrer Vorgänger bis zum äußersten? Das sei zurzeit die entscheidende Frage. Denn nichts anderes passiere im Moment.

Die Mittel, mit denen die AKP seit ihrer Gründung bekämpft wurde, wie die Bedienung der Justiz, Verhaftungen der Gegner und Zensur setzt nun vermehrt die AKP ein. Doch daran sei vor allem das türkische zentralistische System schuld. Die regierenden Parteien, damit auch die Vorgänger der AKP und darunter auch nicht religiöse Staatsoberhäupter, hätten zu viel Macht. Die einzelnen Provinzen dafür umso weniger. Die Bürgermeister sind beispielsweise von der Regierung entsandten Gouverneuren unterstellt. Allein die Änderung der Verfassung könne daran etwas ändern.

Von Erdogans rhetorischen Ausbrüchen hält Thumann nicht viel. Diese zeugten weniger von Stärke als von Schwäche. Auf Nachfrage erläutert Thumann seine Aussage. Er glaubt Erdogans provokative Äußerungen werden von seiner Partei ganz und gar nicht gebilligt. Sein Verhalten führt er auf Amtsmüdigkeit und Konzentrationsschwäche zurück. Nach neun Jahren sei er einfach zu emotional geworden und könne sich nicht immer beherrschen. Der türkische Staatspräsident Gül müsse die Ausbrüche danach regelmäßig in der Öffentlichkeit dämpfen.

Die Gülen-Bewegung ist nicht politisch eingestellt

Angst bereite im Fall der Türkei auch eine angebliche Verbindung der AKP-Regierung mit der Gülen-Bewegung. Ähnlich wie bei dem Ayatollah Khameini könne der Islamgelehrte Fethullah Gülen, der zurzeit in den USA lebt, nur auf den richtigen Zeitpunkt warten, um die Macht an sich zu reißen. Ein nicht nachvollziehbarer Vergleich, glaubt Thumann. In der Bewegung fehle es an politischen Zügen. Allein an den Lehrplänen der Gülen-Schulen, die es weltweit gibt, sei das zu erkennen. In keiner der Schulen gebe es Religionsunterricht – im Gegenteil, diese seien an sich vollkommen säkular.

Der Gesprächsabend zu Michael Thumanns Buch „Der Islam-Irrtum“ wurde vom Forum für interkulturellen Dialog e.V. in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Orient-Institut organisiert und fand am 13. Oktober in Berlin statt. Michael Thumann ist Leiter der ZEIT-Redaktion für den Mittleren Osten und lebt seit 2007 in der Türkei. Ercan Karakoyun, Vorsitzender des Vereins Forum für interkulturellen Dialog e.V., hob die Notwendigkeit des Dialogs und der Aufklärung über den Islam in den letzten zehn Jahren, insbesondere seit dem Anschlag des 11. Septembers hervor. Jeder müsse sich beginnen zu fragen: „Was weiß ich über den anderen?“.

Merve Durmus/ Saliha Balkan

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