„Vielfalt als Chance“: Für ein weltoffenes, starkes und erfolgreiches Deutschland

Wenn Integration ernsthaft gewollt wird, müssen sich Staat, Wirtschaft und Gesellschaft den Menschen, die zu uns kommen oder hier geboren sind auch öffnen, meint Yasin Bas. So könne Deutschland die türkisch-stämmigen Fachkräfte davon abhalten, ins Ausland abzuwandern.

Deutschland hat ein demographisches Problem. Worauf Wissenschaftler seit Jahren schon hindeuten, kommt langsam auch bei der Politik an: Die Gestaltung des demografischen Wandels sei eine der großen Zukunftsaufgaben Deutschlands, sagte Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) bei der Vorstellung des Demographieberichts am Mittwoch. Die Bundesrepublik braucht dringend Einwanderung, ansonsten droht dem Land ein ökonomischer, demographischer und damit vitaler Verlust. Bis zum Jahr 2020 fehlen nach dem Bericht in Deutschland 6,5 Millionen Arbeitskräfte, unter diesen 2,4 Millionen hochqualifizierte Akademiker.

Eine andere Studie der Bundesagentur für Arbeit (BA) prognostiziert, dass bis zum Jahr 2025 bis zu sieben Millionen Arbeitskräfte dem deutschen Arbeitsmarkt fehlen werden. Eine enorme Zahl, die man sich auf der Zunge zergehen lassen muss: Sieben Millionen. Bedingt durch den demographischen Wandel, stetige Verlagerung der Produktion ins Ausland, schlechter Vereinbarkeit von Familie und Beruf, sowie nicht zuletzt eines obsoleten deutschen Einwanderungsrechts, das defensive Abschottung betreibt, darf sich Deutschland auf einen Fachkräftemangel, fast wie in den 1950er und -60er Jahren einstellen. Wenn qualifizierte Bildungsinländer lieber in die Schweiz auswandern oder ausländische Fachleute einen großen Bogen um die Bundesrepublik machen, dann ist es an der Zeit, dass sich die ideologisch voreingenommenen Politiker die Ratschläge der Arbeitsmarkt- und Wirtschaftsexperten beherzigen. Teilnehmern dieser Debatte weisen zudem auf das Fehlen einer „Willkommenskultur“ in Deutschland hin.

Im vergangenen Jahr haben wie schon im Jahr davor mehr Türken Deutschland verlassen als nach Deutschland gekommen sind. 2010 sind etwa 36.00 Menschen mit türkischem Pass von Deutschland in die Türkei ausgewandert. Im gleichen Zeitraum wanderten dagegen etwa 30.000 Türken nach Deutschland ein. Somit ergibt sich eine Differenz von 6000 – in der Regel – hoch qualifizierte türkischstämmige Menschen, mit Hochschulabschluss, die Deutschland den Rücken gekehrt haben. Ein Großteil der Migranten, die in über 90 Branchen etwa 600.000 Betriebe führen und Arbeitsplätze für rund 2,5 Millionen Menschen in Deutschland bereitstellen, fragen sich aufgrund von diversen medialen Diskussionen ob sie noch in diesem Land willkommen seien.

Die Historikerin Yasemin Shooman vom Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin weist weiterhin auf eine jüngst publizierte repräsentative Umfrage der Wissenschaftler Andreas Zick und Beate Küpper hin, bei der in Deutschland insgesamt 46,1 % der Befragten – und damit fast jede/r Zweite – der Aussage zustimme, dass es „zu viele Muslime in Deutschland“ gebe. Shooman fährt in ihrer Analyse für die der Grünen nahestehenden Heinrich-Böll-Stiftung fort: „Darüber hinaus werden im Rahmen der Langzeitstudie zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit des Bielefelder Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung unter der Leitung von Wilhelm Heitmeyer seit Jahren hohe Werte für eine negative Einstellung der Mehrheitsbevölkerung gegenüber dem Islam und MuslimInnen gemessen. Auch andere Studien, wie beispielsweise von Oliver Decker u.a., haben eine starke Zustimmung (58,4 % der Befragten) zu diskriminierenden Ansichten ermittelt, wie der, dass‚ für Muslime in Deutschland […] die Religionsausübung erheblich eingeschränkt werden‘ sollte.

Wenn man solche Ergebnisse zu Gesicht bekommt, dann dürfte es nicht verwundern, sich ernsthafte Gedanken über den Stand der demokratischen Werte in unserem Land zu machen, die in Gefahr zu sein scheinen. Folglich braucht man sich nicht wundern, wenn immer mehr gut ausgebildete Einwanderer und Hochschulabsolventen das Land verlassen. Wenn Integration ernsthaft gewollt wird, müssen sich Staat, Wirtschaft und Gesellschaft den Menschen, die zu uns kommen oder hier geboren sind auch öffnen. Nicht nur die Menschen persönlich, auch die Kommunen, Parteien, Behörden und Unternehmen müssen sich den Migranten öffnen und „Vielfalt als Chance“ im internationalen Wettbewerb begreifen. Das Bemühen und Umwerben deutscher Sicherheitsbehörden und -dienste um Menschen mit Migrationsgeschichte könnte beispielhaft für andere Branchen sowie öffentliche Einrichtungen sein.

Beispielsweise gibt es seit dem Jahr 2006 die sogenannte „Charta der Vielfalt“, die von den größten Arbeitgebern in Deutschland wie Daimler, BP, Deutsche Bank und der Telekom mit dem Ziel der Förderung der Vielfalt in den Betrieben ins Leben gerufen wurde. Seitdem sind der einzigartigen Initiative über 1000 Unternehmen und öffentliche Einrichtungen beigetreten. Die Initiative „Charta der Vielfalt“ weist auf ihrer Homepage auf folgende Absichten hin: „Die Initiative will die Anerkennung, Wertschätzung und Einbeziehung von Vielfalt in der Unternehmenskultur in Deutschland voranbringen. Unternehmen sollen ein Arbeitsumfeld schaffen, das frei von Vorurteilen ist. Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollen Wertschätzung erfahren – unabhängig von Geschlecht, Nationalität, ethnischer Herkunft, Religion oder Weltanschauung, Behinderung, Alter, sexueller Orientierung und Identität.“

An diesen idealistischen Zielen könnten sich auch weitere Arbeitgeber und Unternehmer in Deutschland orientieren, damit das Projekt auch auf Landes- und kommunaler Ebene übertragen wird, wo beispielsweise regionale und lokale Arbeitgeber, Behörden oder die Stadtverwaltung sich freiwillig – aber dennoch eigennützig – auf eine Quotenregelung einigen, in der sie z.B. einen bestimmten Teil ihrer Belegschaft aus Personen mit Einwanderungsgeschichte rekrutieren. Dieses Beispiel an positiver Diskriminierung findet in letzter Zeit vor allem bei den Frauen in Deutschland Anwendung. Außerdem sieht man, dass die Quote die Teilnahme und Teilhabe von Migranten in den klassischen Einwanderungsländern enorm steigert.

Yasin Bas ist Politologe am Kölner forege-Forschungszentrum für Religion und Gesellschaft in Köln.

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