Deutsche und Türken: „Schon der Name Soko ‚Bosporus‘ sagt alles“

Werner Felten, Gründer des ersten türkischsprachigen Radiosenders in Deutschland Metropol FM, spricht im Interview über seine Empörung angesichts des Begriffs „Dönermorde“, den „Trauertag“ zum 50-jährigen Jubiläum des Anwerbeabkommens zwischen Deutschland und der Türkei sowie die seiner Meinung nach in Deutschland existierende „Integrationsindustrie“.

Werner Felten: Im Zusammenhang mit diesem Namen möchte ich eigentlich nicht so gern genannt werden. Warum ich das Buch geschrieben habe, hatte mehrere Gründe. Erstens habe ich die Türken anders erlebt damals als sie in den Medien dargestellt wurden. Andererseits haben mich Deutsche gefragt: Warum gehst du zu Türken arbeiten? Und die Türken haben sich innerlich gefragt: Warum kommt ein Deutscher zu uns? Ich bin dann quasi in die türkische Community eingewandert und wollte über die Befindlichkeit auch sprechen.

Deutsch Türkische Nachrichten: Nicht wenige Türken, die bereits fest etabliert sind in Deutschland und hier seit Generationen leben, sind frustriert ob der Tatsache, dass sie von führenden Politikern immer noch als die Türken angesehen werden, die vor 50 Jahren nach Deutschland kamen, dass Frau Merkel immer wieder auf einer zu wünschenden besseren Integrationsleistung beharrt. Können Sie das nachvollziehen?

Werner Felten: Frau Merkel hat kritisiert, dass die Türken sich mehr integrieren sollten. Bis heute hat kein Mensch den Türken gesagt, was Integration eigentlich ist. Wenn man in einem anderen Land lebt, muss man die Sprache können, doch damit ist auch schon Schluss. Alles andere regelt das Grundgesetz und das Bürgerliche Gesetzbuch. Was man auf dem Kopf tragen darf oder was nicht oder welche Religion man ausübt, das entscheidet der Mensch allein. Mehr kann man von anderen Menschen – und zwar nicht nur den Türken – nicht verlangen. Das Problem ist, glaube ich, ein ganz anderes. Es gibt in Deutschland – ich nenne es etwas spöttisch – eine Integrationsindustrie. Es gibt wirklich viele Menschen, die von diesem Problem ihr berufliches Auskommen haben, dass die Türken nicht integriert sind. Sie wollen das Problem auch gar nicht lösen, denn damit würden sie ihren eigenen Arbeitsplatz abschaffen.

Deutsch Türkische Nachrichten: Das klingt nach Verschwörungstheorie…

Werner Felten: Nein, ich habe das in meinem Buch unter dem Kapitel „Berufstürken“ beschrieben. Menschen, die tagtäglich wieder ein Problem aus dem Hut zaubern, damit sie es dann lösen können. Wenn man Integration so auffasst, wie ich es eingangs gesagt habe, dann müsste man viele Dinge gar nicht problematisieren. Ich möchte aber nicht in Abrede stellen, dass es im Bereich Erziehung und im Bereich der Schule noch erheblichen Bedarf an Integration gibt.

Deutsch Türkische Nachrichten: Ein Satz in ihrem Buch lautet: „Die Fixierung vieler Türken auf die eigene Familie führt für viele zu einer Abschottung von der Mehrheitsgesellschaft.“ Das ist ja ein Problem, was eigentlich nicht so einfach zu lösen ist, oder?

Werner Felten: Nein, das ist das große Problem. Der hohe Stellenwert der Familie in der türkischen Kultur und der Nicht-Stellenwert der Familie in der deutschen Kultur. Da gibt es zwar immer diese Umfragen, wenn die Deutschen befragt werden, was sie denn am wichtigsten empfinden. Dann sagen sie immer „die Familie“, wobei sie wahrscheinlich ihre eigenen Eltern oder Geschwister meinen. Ihre eigenen Kinder können sie nicht meinen, denn die haben sie mehrheitlich nicht. Und da ist die große Diskrepanz. Unsere Gesellschaft ist familienfeindlich aufgebaut. Das Wertesystem kennt den Wert der Familie eigentlich gar nicht mehr.

Deutsch Türkische Nachrichten: Eine aktuelle Studie, die mittels einer Umfrage über Facebook gemacht wurde zeigt, dass die extrem rechten Ansichten auch unter Jugendlichen immer mehr in ganz Europa zunehmen, so auch die Vorurteile gegenüber Muslimen. Macht ihnen das Angst?

Werner Felten: Ja, das kann einem schon Angst machen, weil man ja aus bestimmten Geschichten weiß, wohin das führen kann. Auch in meiner Zeit beim Radio konnte ich das sehr gut beobachten. Am Anfang war das ein türkisches Radio. Ab dem 11. September 2001 war es auf einmal ein muslimisches Radio, nicht in meinen Augen, aber in denen der Außenstehenden. Wenn es Nationen gut geht, dann behandeln sie ihre Minderheiten neutral, manchmal haben sie sie sogar lieb. Wenn es ihnen aber schlecht geht, dann mucken sie dagegen auf. Dann kommt es vor, wenn es den Menschen in diesen Ländern vielleicht einmal wirtschaftlich richtig schlecht gehen sollte, dass es dort verstärkt Islamgegner gibt. Das ist dann schon sehr bedenklich.

Deutsch Türkische Nachrichten: Gehört die Türkei in die EU?

Werner Felten: Nein. Weil die Türkei ein muslimisches Land ist und Europa ist ein christliches Gebiet. Die latente Spannung, die zwischen Christentum und Islam in Deutschland herrscht, würde sich dann auf ganz Europa ausdehnen.

Deutsch Türkische Nachrichten: Das heißt, die Anstrengungen in die EU zu kommen, sollte Erdogan sein lassen?

Werner Felten: Mittlerweile sage ich immer: Angesichts der Griechenland-Krise, was in Italien bevor steht, weiß ich gar nicht, ob es überhaupt noch Spaß macht, in die EU einzutreten.

Deutsch Türkische Nachrichten: Spielt der Kurdenkonflikt in Deutschland eine Rolle?

Werner Felten: Ja, er spielt eine große Rolle. Vergessen sie nicht die kurdische Besetzung der RTL-Räume vor ein paar Monaten. Das ist das größte Problem, was die Türkei hat. Dass das auch einen Einfluss auf einen Eintritt in die EU hat, glaube ich nicht. Aber man darf nicht vergessen: In Deutschland sind sehr sehr viele Menschen kurdischer Herkunft. Allein in Berlin sind es fast die Hälfte der Türken.

Deutsch Türkische Nachrichten: Wie nehmen Sie die Sprachdebatte wahr – Sollen Türken erst deutsch lernen, dann türkisch oder andersrum?

Werner Felten: Diese Debatte kann man relativ leicht auf einen Punkt bringen. Die Sprache heißt bei uns ja Muttersprache – das heißt, das Kind lernt die Sprache von der Mutter. Wenn die Mutter Türkisch spricht, dann muss das Kind Türkisch lernen und es sollte auch als erstes Türkisch lernen, weil es sonst von seiner Kultur entwurzelt wird. Es sollte Türkisch lernen und dann gut Deutsch lernen, besseres Deutsch als mancher unserer Politiker übrigens spricht. Nicht Türkisch zu können, entwurzelt die Menschen, glaube ich, doch sehr stark.

Deutsch Türkische Nachrichten: Nicht wenige behaupten, nun beginne ein Kampf um die gut ausgebildeten türkischen Arbeitskräfte zwischen der Türkei und Deutschland. Sehen Sie das auch so?

Werner Felten: Wenn das wirklich so wäre, dann müsste man ja Frau Merkel unterstellen, dass sie glaubt, dass alle Türken gut ausgebildet sind. Dann könnte sie ja den ganzen Integrationsplan ad acta legen und die Integrationsindustrie entlassen. Es geht hier vielleicht um einen Bruchteil von türkischen Menschen, die umworben werden. Aber die entscheiden letztlich nicht nur nach finanziellen Gesichtspunkten, sondern auch danach, wo sie zuhause sind. Und da gehe ich davon aus, dass wahrscheinlich nicht wenige Türken, die hier in Deutschland seit 30 oder 35 Jahren leben und deren Kinder hier sozialisiert sind, gar nicht mehr mit der türkischen Mentalität zurechtkommen würden.

(*)Allein unter Türken: Mitten drin statt von oben herab (Südwest Verlag, 2010)

Interview: Felix Kubach, Mitarbeit: Nicole Oppelt

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