Erdogan hat den Deutschland-Blues

Zu Beginn seines Deutschland-Besuches hat der türkische Ministerpräsident Erdogan seine Aussagen vom Vorjahr wiederholt. Interessant: In den türkischsprachigen Medien ist darüber nichts zu lesen.

Der türkische Ministerpräsident Erdogan hat die Bundesregierung bezüglich der Integration seiner Landsleute kritisiert. Erdogan ist nach Deutschland gereist, um das 50. Jahr des Bestehens des Anwerbeabkommens zwischen Deutschland und der Türkei zu feiern. Er sprach über dieses Thema nur mit der „Bild“-Zeitung. Schlägt man die türkische „Hürriyet“ vom Mittwoch auf, findet man dazu nichts.

Mehr Solidarität mit den Türken:

Gegenüber der „Bild“ sagte er, das türkische Volk sehe das deutsche Volk immer noch mit sehr positiven Gefühlen an: „Deswegen sollte Deutschland mit der Türkei viel mehr Solidarität zeigen. Die erste Generation waren Gäste. Viele sind geblieben und denken jetzt nicht mehr daran zurückzukehren. Es gibt bereits 72 000 türkische Arbeitgeber mit 350 000 Arbeitsplätzen. Der Gastarbeiter von gestern wird langsam auch Arbeitgeber, Akademiker, Künstler …​“

Auf die Frage, was der größte Fehler der deutschen Politik bei der Integration der Türken in Deutschland sei, antwortet Erdogan: „Die deutsche Politik würdigt die Verflechtung der drei Millionen Türken in Deutschland nicht genug.“

Zum EU-Beitritt:

Auch auf den von der Türkei angestrebten EU-Beitritt geht Erdogan ein. Hier fühlt er sich von Deutschland nicht genügend unterstützt. Konkret müsste, so Erdogan, „die deutsche Politik viel mehr für den EU-Beitritt der Türkei tun, weil er die Integration massiv vorantreiben würde. Weil wir Türken so viel Positives für Deutschland empfinden, fühlen wir uns gerade hier im Stich gelassen. Inzwischen haben wir ca. drei Millionen Türken und türkischstämmige Menschen, von denen 700 000 deutsche Staatsbürger sind. Natürlich würde ich es vorziehen, wenn alle drei Millionen doppelte Staatsbürger sein könnten. Wenn ein EU-Land wie Frankreich dies schafft, warum kann Deutschland es nicht?“

Zu den Sprachkenntnissen der Türken in Deutschland:

Die deutsche Politik müsse „die zugezogenen Türken nicht als Gefahr, sondern als Bereicherung sehen“, so Erdogan weiter. „Und das ganze Thema mit dieser Mentalität anfassen. Ein Beispiel: Wenn ein junger türkischer Mann ein Mädchen aus der Türkei liebt und heiraten möchte, wird dies als ein Fehler angesehen, denn die Bundesregierung verlangt, dass diese Frauen vorher Deutsch lernen müssen. Aber ich bitte Sie, welche Sprache spricht die Liebe? Es kann doch nicht sein, dass die Liebe junger Menschen per Verordnung nur auf Deutsch funktionieren darf. Nein, wer Deutschkenntnisse zur wichtigsten Voraussetzung erklärt, verletzt die Menschenrechte. Auch in den relevanten EU-Richtlinien steht von einer solchen Voraussetzung nichts. So etwas verletzt uns.“

Und weiter: „Was ich sagte, ist nur eine sprachwissenschaftliche Erkenntnis. Wenn ein Kind eine neue Sprache erlernen soll, muss es die eigene Sprache gut können. Andernfalls kann man keine zweite Sprache erlernen.“

Zum Ausspruch von Bundespräsident Wulff:

Zum Satz des Bundespräsidenten Christian Wulff, der Islam gehöre zu Deutschland, sagt Erdogan: „Ich habe dem Bundespräsidenten schon damals für diesen Satz gedankt. Er beschreibt nichts anderes als die Tatsachen: Es leben fünf bis sechs Millionen Muslime in Deutschland; sie gehören zur Realität Ihres Landes. Genauso sage ich, dass die in der Türkei lebenden Christen und Juden zur Türkei gehören. Ich sehe diesen Satz als sehr wichtig in einer Welt, wo wir die Allianz der Zivilisationen angehen.“

Zu den Sorgen vieler Deutschen, die Zuwanderung könnte sie überfordern, antwortete der türkische Ministerpräsident: „Ich sehe es so: Integration überfordert nicht, sie bereichert. In der Türkei empfinden wir Unterschiede als einen Gewinn für die Gesellschaft und ihre Zukunft. Wir kommen doch alle aus Zeitaltern, in denen Kriege geführt wurden zwischen Religionen und zwischen Nationen. Wie oft haben Frankreich und Deutschland gegeneinander Krieg geführt? Wir müssen das für immer überwinden, dazu müssen wir die Unterschiede akzeptieren und mit ihnen zu leben lernen.“

Auch von Merkel nichts neues

Erdogan nimmt am Vormittag in Berlin mit Bundeskanzlerin Merkel an einer Feier zum 50. Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens teil. Auch Angela Merkel hatte in ihrer Wochenansprache zuvor nur wiederholt, was sie bereits zu früheren Anlässen gesagt hatte und vor allem  Integrationsverweigerern ins Gewissen geredet. Anstelle gegenseitiger Vorwürfe vermisst man konkrete konstruktive Lösungsvorschläge auf beiden Seiten.

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