Bilkay Öney zu Zwangsheirat: „Nicht bei Frauenhäusern sparen“

Nach einem neuen Bericht des Familienministeriums werden noch immer mehr als 3000 Mädchen und Frauen pro Jahr zwangsverheiratet. Viele von ihnen werden mit dem Tode bedroht, wenn sie nicht gehorchen. Bilkay Öney, Integrationsministerin von Baden-Württemberg plädiert im Interview für Frühaufklärung in den Schulen und mehr Opferschutz.

Deutsch Türkische Nachrichten: Macht Sie das Ergebnis betroffen?

Bilkay Öney: Ja, dieses Ergebnis macht mich betroffen, insbesondere als Frau.

Wo liegen die Gründe, dass so etwas in Deutschland immer noch geschieht?

Bilkay Öney: Zwangsheirat hat mit Traditionen zu tun, die über Jahrhunderte gewachsen sind. Die Menschen pflegen ihre Traditionen und es ist sehr schwer, mit kurzfristigen Maßnahmen dagegen anzugehen.

Härtere Strafen, mehr Aufklärung… Was kann man dagegen tun? Wer ist überhaupt schuld, wer muss bestraft werden?

Bilkay Öney: Ich fürchte, dass härtere Strafen Zwangsehen nicht hinreichend bekämpfen werden. Zwangsheirat ist bereits ein eigener Straftatbestand. Ich bin für einen präventiven Ansatz und für Frühaufklärung in den Schulen. Zudem muss man den Betroffenen einen Zufluchtsort ermöglichen und darf nicht im Bereich der Frauenhäuser sparen. Man muss den Betroffenen auch ein eigenständiges Aufenthaltsrecht einräumen. In diesem Punkt finde ich die Bundesregierung unehrlich, da sie die Ehebestandszeit von zwei auf drei Jahre heraufgesetzt hat. Damit müssen Zwangsverheiratete drei Jahre ihre unhaltbare Ehesituation ertragen, bis sie einen eigenständigen Aufenthaltstitel bekommen. Andernfalls riskieren sie bei Scheidung den Verlust ihres Aufenthaltsrechts. Es geht um Opferschutz und nicht nur um die Täter.

Wo finden Frauen Hilfe, die sich gegen eine Zwangsheirat wehren wollen?

Bilkay Öney: Betroffene finden Hilfe in Fraueneinrichtungen. In Baden-Württemberg sind das vor allem die 40 Frauen- und Kinderschutzhäuser. Zudem gibt es im Südwesten die beiden Projekte Yasemin und Sibel.

Man redet immer nur von den Frauen. Was wird getan, dass auch Männern geholfen wird, die auch betroffen sind?

Bilkay Öney: Natürlich sind auch Männer betroffen, zum Heiraten gehören immer zwei. Es kommt vor, dass insbesondere homosexuelle Männer zur Ehe genötigt werden. Auch da gilt Frühaufklärung.

Die meisten Opfer von Zwangsehen sollen aus muslimischen Elternhäusern stammen. Das ist natürlich neues Kanonenfutter für diejenigen Leute, die eh schon gegen den Islam in den letzten Jahren Front machen, oder?

Bilkay Öney: Es geht nicht um eine Religion, es geht um Traditionen. Als Abgeordnete in Berlin betreute ich auch Fälle, bei denen Nicht-Muslime betroffen waren.

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