Zwangsehen: Wenn der Islam in der Folklore verschwimmt

Die neue Studie über Zwangsehen bei Migranten zeigt: Diese geschehen weit häufiger als bisher angenommen. Die Ursache: Ein Vulgär-Islam, der gesellschaftliche Strukturen der Unterdrückung religiös verbrämt.

Eine neue Studie zur Zwangsverheiratung bei Migranten zeigt, dass dieses Thema drängender ist als allgemein angenommen. Von über 3.000 Fällen spricht die Untersuchung des Familienministeriums. 40 Prozent davon vollzogene und 60 Prozent angedrohte Zwangsverheiratung. Ein großer Teil der Fälle stammt dabei aus Familien mit muslimischer Religionszugehörigkeit. Viele Betroffene haben einen türkischen Hintergrund. Zwangsverheiratet werden Mädchen mit Kopftuch ebenso wie solche mit Minirock. Auch viele Söhne können nicht wählen, wen sie als ihre Lebenspartnerin gerne hätten.

Diese Situation wird zwar gerne mit dem „unmenschlichen System Islam“ begründet. Im vorliegenden Fall wäre das jedoch eine Verkürzung, die das Problem nicht erklärt und schon gar nicht löst. Denn bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass in vielen Milieus die Zwangsverheiratung eine Art Folklore ist, die auch von jenen praktiziert wird, die weder fasten noch jemals eine Moschee von innen gesehen haben. Es scheint sich um eine Art Vulgär-Islam zu handeln, mit dem herrschende Strukturen des Familien-Terrors zementiert werden sollen. In der Türkei ist die Religion wie in vielen anderen arabischen Ländern stark mit der Tradition und gesellschaftlichen Konventionen verwoben. Oftmals haben sich die gesellschaftlichen Bräuche von ihren religiösen Ursprüngen gelöst. Was bleibt sind die Methoden der häuslichen Gewalt mit der praktischen Ausrede für die Unterdrücker, sie würden im Auftrag des Propheten handeln.

Der Islam selbst gibt nichts davon her. Er verbietet häusliche Gewalt und Unterdrückung, er verbietet ausdrücklich die Zwangsverheiratung, wie an der Rotterdamer Initiative „Hand in Hand gegen Zwangsheirat“ zu sehen. Schirmherr ist der muslimische Professor Tariq Ramadan (mehr hier).

Für die Betroffenen in Deutschland verschärft die Koppelung der Gewalt an die Religion die Lage: Denjenigen, die aus einem laizistischen Haus kommen, glaubt man nicht, wenn sie von ihrer Zwangsverheiratung erzählen. Damit aber werden jene ermutigt, die das inhumane Verhalten als ihr ganz privates Kulturgut betrachten. Kein Wunder also, dass die vermutete Dunkelziffer noch weit höher liegt als die nun veröffentlichten, ohnehin schon erschreckenden Zahlen aus dem Familienministerium (mehr zu konkreten Schritten sagt Bilkay Öney im Interview – hier)

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