Rassismus ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen

„Widerwärtig“: Die Psychologin und Autorin Lale Akgün sowie der Chefredakteur der Internetplattform Migazin, Ekrem Şenol, rätseln im Gespräch mit den Deutsch Türkischen Nachrichten über die Motive der rechtsradikalen Mörder.

Erbärmlich, widerwärtig, entsetzlich“, Lale Akgün findet gar nicht genug Worte, um die Mordserie an acht Türken und einem Griechen zu beschreiben. Sie ist
Psychologin und Autorin und war zwischen 2002 und 2009 Abgeordnete der SPD. Akgün verfolgte die Berichterstattung über die Morde und Anschläge, wie den Anschlag in der Keupstraße in Köln 2004. Auch zu diesem bekannten sich die rechtsradikalen Täter. Damals habe es viele Theorien über den Vorfall gegeben, „Mafia und was sonst nicht alles wurde dahinter vermutet“, sagt sie. Nur wenige hätten auf einen rechtsradikalen Angriff verwiesen, doch das sei schnell wieder verworfen worden.

„Es gab so viele offene Fragen“, erinnert sich Ekrem Şenol, Chefredakteur der Internetplattform Migazin. Das habe bei ihm ein ungutes Gefühl hinterlassen. Auch diesmal sei das nicht anders, denn ob es ein Netzwerk ist, wer und wie viele Personen an den Übergriffen beteiligt waren ist noch nicht geklärt, ebenso wie die Frage nach der Rolle des Verfassungsschutzes.

Lale Akgün fordert sofortiges NPD-Verbot

Die Reaktionen der Deutsch-Türken sind ganz unterschiedlich. „Es gibt zwei Arten von Reaktionen“, meint Akgün, „die einen sind verängstigt und die anderen sagen: Ich will das nicht hören, ich will es verdrängen und mich nicht weiter damit beschäftigen, weil ich sonst das Land verlassen müsste.“ Und das sei auch die Gefahr an dieser Entwicklung: Abkapselung. Sie fordert umgehend ein Verbot der
NPD. Auch sie sei früher gegen ein Verbot gewesen, um die Partei kontrollieren zu können. „Doch jetzt denke ich anders“, sagt sie. Ein Verbot wäre ein klares Signal in die richtige Richtung. Deutschland müsse klar machen, dass für solche Ideologien kein Platz im Land ist, betont Akgün.

„Rechtsradikalismus ist menschenverachtend“

Kann das die Lösung sein, wenn die Täter gar nicht Mitglied in der Partei waren? Akgün meint: Ja! „Die NPD ist die geistige Heimat solchen rechtsradikalen Gedankenguts. Natürlich behaupten die: Wir sind gegen Gewalt. Aber wer sagt: “Ausländerfreie-Zone“ oder “Deutschland den Deutschen“, der trägt ganz klar dazu bei!“. Solche Menschen brauchen erst gar keine Rechtfertigung für ihre Taten, meint Akgün. „Rechtsradikalismus ist an sich schon so menschenverachtend. Die sehen zugewanderte Türken einfach als Dreck!“.

Sarrazin trägt randständiges Gedankengut in die Mitte

Şenol ist der Auffassung, rechtsextremistische Straftaten würden immer in dem
Glauben begangen, im Namen der sogenannten „schweigenden Mehrheit“ zu handeln. „Sie meinen, sie tun etwas, was sich andere einfach nicht trauen“, sagt er. Vor allem die Integrations-Debatte der vergangenen Jahre liefere ihnen dazu Nahrung. Şenol sagt: „Es gibt eine Prioritätenverschiebung. Besonders nach dem 11. September. Die Rhetorik in Bezug auf Rechtsradikalismus wurde in den vergangenen Jahren zunehmend relativiert. Beim sogenannten „islamistischen Terror“ war genau das Gegenteil der Fall.“ Einen großen Anteil daran habe auch das Buch von Sarrazin gehabt. „Das Buch hat dieses vorher randständige Gedankengut in die Mitte der Gesellschaft getragen und rassistische Äußerungen
salonfähig gemacht.“

Opfer sind keine auffälligen Personen gewesen

Şenol pflichtet dem bei: „Vor fünf Jahren war die Integrations-Debatte noch viel sachlicher als heute. Und ich will nicht wissen, wo wir in fünf Jahren sein werden.“ Dabei zeigt die Zahl der Straftaten ein anderes Bild. „Die rechtsextreme Gewalt ist ganz klar die gefährlichste in Deutschland. Monat für Monat werden über hundert rechtsradikale Gewalttaten mit fremdenfeindlichem Hintergrund registriert. Straftaten, die von Muslimen ausgehen, sind da anscheinend interessanter und lassen sich besser verkaufen“, erklärt Şenol. Besorgniserregend ist vor allem die noch ungeklärte Sachlage. Die Täter sprechen in ihren Bekennervideos von einem Netzwerk und von weiteren Straftaten. Geheime Dokumente des Verfassungsschutzes wurden gefunden, ein V-Mann soll sogar zum Zeitpunkt des letztens Mordes an dem Internetcafébetreiber Halil Yozgat am Tatort gewesen sein. Die Opfer sind keine auffälligen Personen gewesen, stachen nicht aus der Masse heraus.

„Das waren ganz normale Menschen, Gemüsehändler und Cafébesitzer“, sagt Akgün und sie glaubt, es gehen noch viel mehr Morde auf die Kappe der Gruppe. „Bei einem Mord ist es doch immer so, dass zunächst vor allem im Umfeld der Person nach jemandem mit einem Motiv gesucht wird. Es kommt niemand auf die Idee, dass es jeder sein könnte.“ Şenol meint, es tue nichts zur Sache, ob hinter den Morden ein Netzwerk oder Einzeltäter stecken. Er sagt: „Es geht mir in erster Linie darum, dass sich die Fälle häufen. 100 tatsächliche Einzeltäter sind schlimmer als eine Bande von 10 Kriminellen.“ Akgün bezeichnet sich selbst als Kämpfernatur. Sie will Deutschland verändern: „Kinder müssen zu einer demokratischen Grundeinstellung erzogen werden.“ Es müsse mehr Geld in Bildungseinrichtungen fließen, nur so könne sich die Lage verbessern.

Rassistische Äußerungen sind kein Kavaliersdelikt

Die öffentliche Auseinandersetzung müsse sich ebenfalls ändern. „Wenn jemand ein rassistisches Buch schreibt, muss es auch als solches bewertet werden.“ Es müsse endlich klar sein, dass rassistische Äußerungen kein Kavaliersdelikt seien. Akgün
fordert: „Wir müssen sagen können: Das ist Rassismus!“

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