Die Türkei braucht ein neues Wachstumsmodell!

Die Schuldenkrise in Europa und die Unruhen im benachbarten Syrien werden nach Ansicht von Bülent Eczacıbaşı, Vorstandsvorsitzender der Eczacıbaşı Holding A.Ş., zwar das Wirtschaftswachstum der Türkei belasten. Doch die positive Dynamik des Landes werde dadurch nicht beeinträchtigt.

Im Interview mit „Sunday’s Zaman“ erklärt der der62-jährige Vorstandsvorsitzende eines der größten Industriekonzerne der Türkei, dass sein Heimatland trotz des positiven Schwungs ein neues Wachstumsmodell benötige, um sich auch in Zukunft weiter entwickeln und das chronische Leistungsbilanzdefizit (CAD) des Landes überwinden zu können. Neben seiner Tätigkeit für die Eczacıbaşı Holding A.Ş. ist Eczacıbaşı auch Ehrenvorsitzender des Vereins Türkischer Unternehmer und Geschäftsleute (TÜSİAD) und des Verbands der türkischen Generikahersteller (IEIS). Seine in Familienbesitz befindlich Holding hatte im vergangenen Jahr einen Umsatz von 2,1 Milliarden Euro, vor allem durch Produkte fürs Bad, Keramikfliesen und Arzneimittel.

Nach den Gründen für den Erfolg der Türkei gefragt, lobte er die Regierung und wie ihre Willenskraft notwendige politische wie wirtschaftliche Reformen auch zu implementieren. „Wie wir heute an Europa sehen, gibt es große Unterschiede in den politischen Agendas [der politischen Parteien], die es für die einzelnen Staaten schwierig machen schnelle und effektive Entscheidungen zu treffen.“ Aus dieser Warte heraus betrachtet sei es ein Schlüsselfaktor, wenn man wie die Türkei eine einzige Mehrheitspartei im Parlament hätte, deren Fähigkeiten das starke wirtschaftliche Wachstum des Landes in den letzten Jahren bewerkstelligt hätte. Seit 2002 hätte die AKP drei Mal die Wahlen gewonnen. Jedes Mal sei die Zustimmung der Wähler größer geworden.

Türkei importiert mehr als dass sie exportiert

Angesichts des Rekordaachstums der türkischen Wirtschaft, sehen einige Analysten die Gefahr einer Überhitzung aus der sich eine gefährliche Blase entwickeln könnte. Diesen Standpunkt teilt Eczacıbaşı nicht. „Das globale Wirtschaftswachstum scheint sich derzeit wieder zu verlangsamen. Dementsprechend würde ich sagen, dass unsere größte Herausforderung für die nächste Zeit darin besteht, das Wachstum beizubehalten und nicht zu überhitzen“, so der Absolvent des Massachusetts Institute of Technology. Doch die hohen Wachstumsraten dürften, so der Chemieingenieur weiter, nicht darüber hinweg täuschen, dass die türkische Wirtschaft großes strukturelle Probleme habe. Eczacıbaşı verweist hier im Speziellen auf das CAD. Die Türkei importiere mehr als dass sie exportiere, also steige das Leistungsbilanzdefizit des Landes weiter an. Im September dieses Jahres habe die Kluft den höchsten Punkt seit 18 Jahren erreicht.

Konzentration auf Güter mit Mehrwert

Diese Entwicklung belastet auch den Wechselkurs der Lira und macht das Land immer abhängiger von ausländischen Kapitalzuflüssen. Dass es trotz der guten wirtschaftlichen Performance zu einem solchen Defizit kommen konnte, dafür gibt es für Bülent Eczacıbaşı drei Gründe: Erstens werde das Wachstum in teilweise auch durch den privaten Konsum getragen und türkische Bürger mögen importierte Produkte. Zweitens müsse die Türkei einen großen Teil ihres Energiebedarfs importieren. Und drittens hänge die Industrie von importiertem Vorleistungsgütern und Maschinen ab. Aus diesem Grund würden auch höhere Exporte zu höheren Importen führen. Die Türkei bräuchte viele Importe für ihre Exporte, da der daraus gezogene Mehrwert der türkischen Produkte immer noch sehr niedrig sei. „Wir müssen Produkte mit höherem Mehrwert produzieren und exportieren“, so Eczacıbaşı. „Das ist nicht etwas, was man über Nacht umsetzen kann. Doch das Land ist auf dem richtigen Weg.“

Nachhaltigkeit als Chance für die türkische Industrie

Darüber hinaus müssten die Türken kreativer werden, sich mehr auf Innovationen konzentrieren und neue Märkte erschließen. Hier rät er den Blick auf die Themen Nachhaltigkeit und die Auswirkungen eines Produkts auf die Umwelt zu richten. Auf diesen Gebieten ließen sich, aus seiner Sicht, Innovationen vorantreiben. „Das Thema Nachhaltigkeit ist eine Chance, keine Bedrohung, für die türkische Industrie. Wir müssen dies nutzen.“

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