Nach Luftangriff: Wie zuverlässig arbeitet der türkische Geheimdienst?

Dass während des Luftangriffs des türkischen Militärs, der in der Nacht auf vergangenen Donnerstag 35 Menschen das Leben kostete, Fehler unterliefen, das wurde mittlerweile eingestanden. Dennoch wirft der Vorfall nun Fragen über die Zuverlässigkeit der militärischen Informationsquellen auf.

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Die Angehörigen trauern um die getöteten Teenager. Am Donnerstagabend wurden ihre Namen bekannt. (Foto: DTN)

Die Angehörigen trauern um die getöteten Teenager. Am Donnerstagabend wurden ihre Namen bekannt. (Foto: DTN)

Die Nachricht traf die Medien wie ein Blitz: Unweit der türkisch-irakischen Grenze kam es in der Nacht auf vergangenen Donnerstag zu einem Luftangriff der türkischen Streitkräfte (wurde zunächst von 20 Opfern ausgegangen, korrigierte man die Zahl schnell auf 35 nach oben – mehr hier). Diese waren davon ausgegangen, dass man Anhänger der Terrororganisation PKK angreife. Die Dorfbewohner erklärten jedoch sogleich, dass es sich bei den Toten um Schmuggler handeln würde (Hüseyin Celik, stellvertretender Vorsitzender der regierenden APK, räumte das im Rahmen einer Pressekonferenz am Donnerstag ein – mehr hier).

Der Vorfall, der bereits für Aufruhr innerhalb der Türkei gesorgt hat, lässt nun auch Zweifel an den geheimdienstlichen Quellen des türkischen Militärs aufkommen, die auch in diesem Fall die Grundlage für die veheerende Operation an der türkisch-irakischen Grenze bildeten. Während das Büro des Gouverneurs von Şırnak bisher von 35 Toten spricht, belegen Krankenhausaufzeichnungen derzeit 36 Opfer.

Hüseyin Çelik spricht Versagen der Geheimdienste

In Rahmen der zum Vorfall einberufenen Pressekonferenz räumte Hüseyin Çelik ein, dass der Luftangriff die Folge eines “Betriebsunfalls” gewesen sei, der durch einen Fehler oder das Versagen der Geheimdienste verursacht worden wäre. Er erklärte zudem, dass sowohl rechtliche als auch administrative Untersuchungen laufen würden, um die Geschehnisse restlos aufzuklären und diejenigen zu benennen, die für diesen “tödlichen Fehler” verantwortlich seien. “Wenn es ein Fehler war, wird das nicht in irgendeiner Weise vertuscht und die notwendigen rechtlichen Maßnahmen ergriffen werden.” Die gleiche Zusicherung machte am Donnerstagnachmittag zuvor auch der Generalstab.

Bereits seit 2007 führen die türkischen Streitkräfte grenzüberschreitende Operationen durch. In der am Donnerstag abgegebenen Erklärung hieß es, dass die TSK entsprechende Hinweise erhalten habe, dass die Terrororganisation Vergeltungsschläge für die jüngsten Militäroperationen vorbereiten würde und dementsprechend bereits eine große Zahl von Terroristen in die Sinat-Haftanin Region entsandt worden seien.

Geheimdienst gab mehrere Hinweise auf mögliche Angriffe

Das Militär hätte im Vorfeld Daten verschiedener Quellen erhalten, auch technische Analysen seien unternommen worden, sodass man am Ende davon ausging, dass terroristische Gruppen, darunter auch Anführer, in die Region vorgedrungen wären, um dort Áttacken auf türkische Außenposten entlang der Grenze zu planen. “Die entsprechenden Truppen wurden gewarnt”, heißt es weiter. Daneben sei nach weiteren Geheimdienstinformationen über mögliche Angriffe auch die Luftüberwachung über dem betreffenden Gebiet verstärkt worden. Schließlich, so der Generalstab, habe ein unbemanntes Aufklärungsobjekt eine Gruppe um kurz vor 19 Uhr am Mittwochabend in Richtung der türkischen Grenze laufen sehen. “Mit Blick darauf, dass dieses observierte Gebiet eine Region ist, die regelmäßig von Terroristen frequentiert wird und es nächtliche Aktivitäten in Richtung unserer Grenze gab, entschieden wir uns, dass die Gruppe angegriffen wird”, so in der Erklärung.

Beobachter haben jetzt darauf hingewiesen, dass die Verweisung auf “verschiedenen Quellen” darauf hindeute, dass der nachrichtendienstliche Tipp auf die Gruppe an der Grenze von außerdhalb der TSK kommen könnte, vermutlich vom Nationalen Nachrichtendienst der Türkei (MİT), der für einige Zeit den Dialog und Verhandlungen für eine Lösung der Gewalt vorangetrieben hat. Gewährsleute glauben nun, dass die TSK, die in den letzten Monaten durchaus einige erfolgreiche Operationen gegen den Terror durchgeführt hat, auf Grund eines Irrtums der Geheimdienste in diesen “tragischen Fehler” gezwungen worden sei.

MİT hat Doppelagenten in den Reihen der PKK

Gerüchten zufolge sollen sich nicht wenige Agenten des MİT in den Reihen der PKK aufhalten – einige von arbeiten als Doppelagenten. So wird spekuliert, dass hier vermutlich bewusst falsche Informationen weitergegeben worden sind, um so den bisherigen Erfolg der Operationen gegen die PKK zu untergraben.

Ebenso bekannt ist, dass PKK-Anhänger nicht selten Schmugglerbanden unterwandern. Immerhin ist das Schmuggeln eines der wichtigsten Einnahmequellen der PKK. In vielen Fällen arbeiten in den Schmuggel verwickelte Dorfbewohner mit der Terrorganisation zusammen. In der Vergangenheit hatte die türkische Regierung versucht das Treiben durch eine neue Gesetzgebung einzudämmen. Weitere Schritte wurden jedoch nicht unternommen.

In seiner Stellungnahme haben die TSK darauf hingewiesen, dass in der Nähe des Luftangriffziels keine Siedlungen gegeben hätte. Vielmehr läge das Gebiet in unmittelbarer Nähe zu einer PKK-Basis im Nordirak.

All diese Punkte, so urteilen türkische Medien, deuten darauf hin, dass hier bewusst die Arbeit des Generalstabs untergraben werden und die Terrororganisation in diesem Gebiet nach einigen Schlägen durch das türkische Militär wieder erstarken sollte. Alle Getöteten stammen aus dem 980-Einwohner-Dorf Uludere, das an einer typischen Schmugglerroute gelegen ist. Alle Einwohner gehören dem so genannten Goyan-Clan an. Für die Menschen dort gibt es nur zwei Einnahmequellen: Gehälter des Staates für die Dorfschützer, die gegen die PKK bewaffnet werden und den Schmuggel. Fast jedes Haus im Dorf stellt einen solchen Dorfschützer. Je älter diese werden, desto eher wird dieser Posten jedoch an die jüngeren Familienmitglieder übertragen. Die gleiche Situation herrscht in den nahe gelegenen Dörfern Gülyazı und Ortabağ.

Namen der Opfer werden bekannt gegeben

Die meisten Opfer des Luftangriffs waren Vettern. In Gruppen von fünf bis sechs Personen gingen sie ihrem üblichen Schmuggelgeschäft nach. Als sich die erste Gruppe der Grenze näherte, erhielten sie eine Warnung aus ihrem Dorf, dass das türkische Militär die Strecke blockiert hätte. Aus Angst entdeckt zu werden, warteten die Teenager auf der irakischen Seite. Mit der Zeit fanden sich immer mehr Schmuggler ein. Als sie warteten vernahmen sie Geräusche von Kampfflugzeugen. Dann begann der Bombenhagel auf die Jugendlichen. Nur ein einziger überlebte den Angriff. Im Fernsehen wurden am Donnerstag die Bilder von eingewickelten Leichen gezeigt. Am Abend wurden auch ihre Namen bekannt gegeben. Sie hießen:

Seyit Encü, Özcan Uysal, Mehmet Encü, Nevzat Encü, Hamza Encü, Şervan Encü, Cemal Encü, Osman Encü, Şivan Encü, Bilal Encü, Mehmet Ali Tosun, Nadir Alma, Mahsun Encü, Salih Encü, Hakiki Encü, Yüksel Ürek, Salik Ürek, Serhat Encü, Adem And, Savaş Encü, Selahattin Encü, Bedran Encü, Hüseyin Encü, Aslan Encü, Cevat Encü, Erkan Encü, Selman Encü, Orhan Encü, Fadıl Encü, Vedat Encü, Cihan Encü, Fikret Encü, Hüseyin Encü, Erkan Encü, Zeydin Encü and Çetin Encü.

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