Türkei: Das Imperium schlägt zurück

Im Nahen Osten treffen zwei alte Rivalen aufeinander: Frankreich und die Türkei, meint Soner Cağaptay in seinem Kommentar in der New York Times. Die Türkei hat gute Chancen, diesen Kampf zu gewinnen – doch noch ist Frankreich die stärkere Wirtschaftsmacht.

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Nach dem Machtvakuum, das in der arabischen Welt durch die Auflösung der Diktaturen sowie dem Abzug der amerikanischen Truppen entstanden ist, ringen vor allem zwei Mächte um die regionale Vormachtstellung, sagt Soner Cağaptay in der New York Times. Während bis vor einigen Jahrzehnten die Region noch im Kreuzfeuer des Kalten Kriegs zwischen den USA und der Sowjetunion stand, sind es nun die Türkei und Frankreich, die versuchen, ihre Einflusssphäre in der Region auszuweiten, so Soner Cağaptay.

Der Autor argumentiert, dass die Rivalität zwischen den beiden Ländern auf die Eroberung Napoleons 1798 zurückgeht. Mit dem Zerfall des osmanischen Reichs, erstarkt Frankreich und nimmt Algerien, Tunesien und zeitweilig Ägypten sowie Syrien und Libanon nach dem ersten Weltkrieg ein.

Im 20. Jahrhundert jedoch nimmt die Rivalität ab. Trotz der Dekolonisierung bleibt Frankreich eine wirtschaftliche und politische Macht in der Region. Auch der Türkei dient das französische Säkularismus-Modell als Vorbild.

Doch dieser Einfluss Frankreichs schwindet zusehends. Die Türkei könne, so die NYT, Frankreich ebenbürtig, wenn nicht sogar eine dominante Macht in der Region werden. Die Wirtschaftskrise habe die Türkei weitgehend verschont. „Die Rivalität ist einer der Gründe, weshalb Frankreich gegen eine EU-Mitgliedschaft der Türkei ist“, so Soner Cağaptay.

Türkei orientiert sich um

Auch aus diesem Grund hat sich die Türkei von der EU wegbewegt und sucht den Kontakt zu Staaten im ehemaligen osmanischen Gebiet. Von den 33 neuen türkischen Vertretungen befinden sich 18 in muslimischen und afrikanischen Ländern. Die dabei entstandenen Verbindungen gingen nicht selten auf Kosten der Verbindungen zu europäischen Staaten. Während 1999 die EU 56 Prozente des türkischen Handels ausmacht, sind es 2011 nunmehr 41 Prozent. Im gleichen Zeitraum stieg der Handel mit islamischen Ländern von 12 auf 20 Prozent an.

Auch würde sich die AKP-Regierung in der Türkei mehr und mehr vom dem französischen Politik-Modell abkehren, was sie umso attraktiver für arabische Staaten macht. Der arabische Frühling gibt der Türkei die Möglichkeit, ihren Einflussbereich auszuweiten – unter anderem durch ihre „Soft-Power“ wie Handelsbeziehungen oder der Gründung von Gülen-Schulen. (Türkische Schule in kurdischem Irak eröffnet, mehr hier) Allerdings, so Cağaptay müsse die Türkei aufpassen, wie ihre Botschaft aufgenommen wird. Zwar sei die Türkei im Nahen Osten willkommen, doch als imperiale Macht lehnen sie viele arabische Staaten ab. (Der irakische Ministerpräsident al-Maliki sagt, die Türkei bringe „Bürgerkrieg in die Region“, mehr hier)

Frankreich dominiert Nordafrika

Noch immer sei Frankreich stärker was die „Hard power“ angeht: Die Wirtschaft ist zwei Mal so groß wie die der Türkei und noch immer dominiert Frankreich Nordafrika.
Um ein „Leuchtfeuer der Demokratie“ zu bleiben, muss die Türkei, so Cağaptay, zuerst einmal in ihrer neuen Verfassung den Einzelpersonen mehr Rechte garantieren. Außerdem müssen sich die Wogen zu Israel und zu dem griechischen Teil von Zypern wieder glätten.

Die Entdeckung von Erdgas vor der Küste von Zypern biete hierfür eine Gelegenheit. Die Türkei sollte zustimmen, dass die Insel sich vereinigt und sollte im Gegenzug dafür das Gas mitbenutzen dürfen, schlägt Cağaptay vor.

„Die Türkei kann nur eine Regionalmacht werden, wenn sie ein einzigartiges Beispiel für eine liberale Demokratie setzt und starke Beziehungen zu ihren Nachbarn. Das ist die Herausforderung an Erdoğan, wenn er Napoleons Erbe ungeschehen machen möchte”, so das Statement von Cağaptay.

Soner Cağaptay ist Leiter des Turkish Research Program des Washington Institute for Near East Policy. Link zu dem Artikel hier.

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