Urteil im Hrant Dink-Prozess: Keine Organisation an Mord beteiligt

Das Urteil der 14. Großen Strafkammer in Istanbul im Fall Dink ist gefallen: Hinter dem Mord an dem armenischen Journalisten stand keine Organisation. Doch mit dieser Einzeltäter-Theorie will sich die Familie längst nicht zufrieden geben. „Unser Prozess fängt jetzt erst richtig an“, so die Anwältin der Familie, Bahriye Çeri.

In dem Fall um den Mord an dem armenischen Journalisten Hrant Dink hat die 14. Große Strafkammer in Istanbul ihr umstrittenes Urteil verkündet. Während der mehrfach straffällig gewordene 31-jährige Yasil Hayal zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, wurde der ebenfalls mit dem Mord in Zusammenhang gebrachte Erhan Tuncel freigesprochen. Für viel Diskussionsstoff sorgt allerdings die Aussage des Gerichts, dass es sich um Einzeltäter gehandelt haben soll und hinter dem Anschlag keine größere Organisation gestanden hätte.

Bahriye Çeri, die die Familie Dink in diesem Fall vertritt, bewertete das Urteil äußerst kritisch. Dass Dink von ein paar ahnungslosen Leuten umgebracht worden sei, will sie nicht glauben. (Bereits vorher hatte sie die Vermutung geäußert, dass die Polizei wichtiges Beweismaterial zurückhält, mehr hier)

„Arat Dink (Hrant Dinks Sohn, Anmerk. d. Red.) hatte gesagt, sie machen sich über uns lustig, aber den größten Witz haben sie sich für das Ende aufgespart. Wir haben alles erwartet, aber nicht das.“
Vor allem bedeute das Urteil, dass sich an der politischen Praxis des Landes nichts verändert habe, so die Anwältin. Die Tradition der politischen Morde des Staates würde fortgeführt werden. „Diejenigen, die sich daran stören, dass der Staat mit Attributen wie Mörder, Bombardiere des Volkes, Beseitiger, Attentäter und Brandstifter in Verbindung gebracht wird, tun nichts dagegen, im den Staat von diesen zu bereinigen“. Dieser Fall hätte ihnen dazu eine einmalige Gelegenheit gegeben, so Çeri.

„Der richtige Prozess geht jetzt erst los“

„Dieser Prozess war eine einmalige Gelegenheit, sich von dieser Tradition zu verabschieden, der Realität ins Auge zu blicken und „nein“ zu Morden zu sagen.“ Entschlossen erklärte sie, der Fall wäre noch lange nicht abgeschlossen. „Das was abgeschlossen ist, die die Akte einer Komödie. Der richtige Fall geht für uns jetzt erst los“.
In allen türkischen Medien wird das Gerichtsurteil diskutiert. Während der Nachrichtensender ntv titelte: „Freispruch für die Organisation, Lebenslänglich für den Mord“, schreibt die Taraf: „Der Prozess im Fall Dink lässt den Staat links liegen. Die Beamten, in deren Fall der Europäischen Gerichtshof empfohlen hatte, sie zu verurteilen, wurden befördert und arbeiten weiter“.

Kritische Stimmen sind im Gefängnis

Noch im März vergangenen Jahres war, zusammen mit zehn weiteren Personen, der Journalist Nedim Şener festgenommen worden. Vorgeworfen wurde ihm – so wie allen anderen –  Mitglieder des Geheimbundes Ergenkon zu sein. Mehrmals hatte sich Şener vor dem Gericht behaupten müssen. Zuletzt im Juni 2011 als ihm aufgrund seines Buchs zum Mord an Hrant Dink vorgeworfen wurde, er habe die Geheimhaltung von Ermittlungen verletzt und Beamte zur Zielscheibe für terroristische Organisationen gemacht. Vorher hatte die Staatsanwaltschaft in einer Verhandlung im Vorjahr drei Jahre Haft gefordert.
Bereits 2009 hatte er in der Tageszeitung Milliyet einen Artikel mit dem Titel „Interessantes Schema der Polizei” veröffentlicht, in welchem er eine Verbindung zwischen Angeklagten im Ergenekon-Verfahren und dem Mord an Hrant Dink hergestellt. Auch hier war er schließlich war er freigesprochen wurden. Das Gericht befand, dass die rechtlichen Elemente der Straftat nicht erfüllt seien. Seit Juni vergangenen Jahres sitzt der mehrfach ausgezeichnete Buchautor und Journalist wegen angeblicher Mitgliedschaft in der Untergrundorganisation im Gefängnis.

Die Witwe von Dink, Rahel, schwieg zu dem Gerichtsurteil. Nachdem die 14. Große Strafkammer das Urteil verkündet hatte, war die Familie von Dink von dem Justizgebäude in Beşiktaş vor die Redaktion der Zeitung Agos gelaufen, vor der Dink erschossen worden war.

Der leitende Redakteur der armenischen Tageszeitung Agos, Hrant Dink, war vor fünf Jahren am 19. Januar 2007 auf offener Straße vor der Redaktion erschossen worden.

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