10 Jahre ohne Sonnenlicht: Palästinenserin vom eigenen Vater weggesperrt

"Jetzt hat mein Leben angefangen!", beschreibt die 20-jährige Palästinenserin Baraa Melhem ihre Gefühle. Zehn Jahre lang wurde sie von ihrem eigenen Vater in dunkle Räume eingesperrt. Ihre verzweifelte Überlebensstrategie in dieser Zeit: Radio hören, von der Sonne träumen und sich täglich an einem Apfel erfreuen, den man ihr zu essen gab.

Die Geschichte von Baraa Melhem klingt unglaublich. Erstmals nach zehn Jahren spürt die 20-Jährige jetzt wieder, wie es ist, in Freiheit zu sein. Ihr Martyrium war grauenhaft: Eingekerkert in verschiedene dunkle Räume, kaum etwas zu Essen, Vergewaltigung und Misshandlung bestimmten ihren Alltag. Nun, da sie den Fängen ihres Vaters entkommen ist, hofft sie mit ihrer Geschichte anderen zu helfen.

„Ich kann jetzt Freude empfinden. Mein Leben hat gerade angefangen“, erklärt Baraa gegenüber der „Daily Mail“. Dabei ist das Grauen, das sie über ein Jahrzehnt durchleben musste, noch ganz frisch. Erst am vergangenen Samstag konnte sie von Sicherheitskräften der Stadt Qalqiliya, im nordwestlichen Teil des Westjordanlands, befreit werden. Eine Tante hatte die Polizei informiert. Es war allerhöchste Zeit. Wie ein palästinensischer Polizeisprecher Adnan Damiri berichtet, war Baraa in einem geradezu „erbärmlichen“ Zustand. Ihr Vater und ihre Stiefmutter, beide arabische Bürger Israels, wurden den israelischen Behörden übergeben. Der 49-jährige Hassan Melhem soll bereits am kommenden Mittwoch einem israelischen Gericht vorgeführt werden, so der zuständige Polizeisprecher Micky Rosenfeld.

Baraa Melhem kann Taten ihres Vaters nicht verstehen

Leise und doch selbstsicher berichtet die junge Frau von ihrem Schicksal. Sie wurde geschlagen, bekam kaum Nahrung und wurde nur mitten in der Nacht herausgelassen, um Hausarbeiten zu verrichten. Alles, was man ihr gab, war eine Decke, ein einfaches Radio und eine Rasierklinge. Sowohl Vater als auch Stiefmutter, so sagt sie, hätten sie aufgefordert sich selbst das Leben zu nehmen. „Ich hasse meinen Vater nicht. Doch ich hasse das, was er mir angetan hat“, bringt die Gepeinigte ihre Gefühle auf den Punkt. „Warum hat er das gemacht? Ich verstehe das nicht?“

Angefangen hat das Ganze als sie gerade zehn Jahre alt war. Damals war sie von zu Hause weggerannt. Daraufhin sperrten sie ihre Eltern im Badezimmer ein. Die Polizei hatte sie zu jener Zeit zurück gebracht. Ihr Vater, der das Sorgerecht nach der Scheidung von der Mutter sechs Jahre zuvor besaß, zwang sie damals eine Erklärung zu unterschreiben, dass sie nicht mehr in die Schule gehen wolle.

Jetzt lebt Baraa bei ihrer Mutter Maysoun im arabischen Viertel von Jerusalem. Hier blüht die 20-Jährige nun wieder auf. Sie hat ein freundlich eingerichtetes Zimmer und eine große Puppe, die ihre Mutter ihr geschenkt hat. „Das ist der Himmel“, ist sie noch immer fassungslos, dass sie den dunklen Räumen endlich entkommen ist. Jemand, der dieses Eingesperrtsein nicht erlebt hätte, könne das gar nich nachvollziehen, doch sie schwebe gerade auf einer Welle der Glückseligkeit.

Mutter von Baraa Melhem flüchtete aus der Ehe

Die Mutter, die ihre Identität nicht vollständig preisgeben will, hat bei der Scheidung von ihrem ersten Ehemann nur den Sohn mitgenommen. Dieser wurde vom Vater mit Parfum, das er ihm in die Augen sprühte, traktiert. Die Tochter, so Maysoun, habe er damals nicht misshandelt. Auch sie wollte damals nur noch raus aus dieser Ehe, weg von diesem Mann. Was eine Scheidung jedoch genau bedeutete, das habe sie als junges Mädchen jedoch nicht wirklich verstanden. Baraa selbst beschreibt ihren Vater anders. Nicht nur gegenüber ihr, auch gegen die Stiefgeschwister habe er Gewalt angewandt. Obschon ihre Lebensumstände ein wenig besser gewesen seien, wäre es auch ihnen nicht erlaubt gewesen das Haus zu verlassen, wenn er nicht zu Hause war. Dass auch die beiden, die nun bei Verwandten untergebracht sind, psychischen Schaden genommen haben – sie durften ebenfalls nicht zur Schule – ist für Baraa gewiss. „Angst, Angst, Angst, das war die Basis meines Lebens.“

Ihr Trauma wird Baraa ein Leben lang begleiten. Nach ihrer Zukunft gefragt, antwortet sie: „Wenn das die Gewalt ist, die ich zwischen Vater und Tochter erfahren habe, was passiert dann zwischen Ehemann und Ehefrau? Nein, ich will niemals heiraten.“ (in der türkischen Provinz Van sorgte erst kürzlich eine hohe Selbstmordrate unter Frauen für Aufsehen – mehr hier)

In den vergangenen Jahren ist Baraa Melhem nicht die einzige in der Westbank geblieben, die ein solches Schicksal ereilt hat. 2008 befreite die Polizei zum Beispiel ein behindertes Geschwisterpaar, die von ihrer Familie unter Verschluss gehalten wurden. Der wohl spektakulärste Fall hat sich jedoch in Österreich zugetragen ( Ein heute 80-jähriger Mann aus Braunau soll seine beiden Töchter über 40 Jahre missbraucht haben – mehr hier, später entlasteten ihn die beiden Frauen – mehr hier).

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