Aufschwung der türkischen Lira: Erdoğans riskantes Experiment

Die Maßnahmen der türkischen Zentralbank scheinen endlich zu greifen: Der Lira-Kurs steigt und die Zinssätze sinken. Experten sprechen aber eher von einer „Verschnaufpause“, als von einer nachhaltigen Entwicklung. Sie bezweifeln die Unabhängigkeit der Zentralbank und widersprechen dem volkswirtschaftlichen Kurs der türkischen Regierung.

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Die türkische Zentralbank hat in den vergangenen Monaten etwa 15 Milliarden US-Dollar an Währungsreserven verkauft. Zusätzlich hob die Bank die Effektivverzinsung von 5,75% auf etwa 12%. Das Ziel dieser Maßnahmen wurde nun – vorerst – erreicht: Die Stabilisierung des Kurses der Türkischen Lira.

Der Kurs der Lira hat sich von ihrem Tiefstand vergangenen Monat von 1,92 gegenüber dem Dollar auf 1,82 verbessert. Seit Beginn des Jahres ist die Lira somit um 5% gegenüber dem Dollar gestiegen und legte damit eine der besten Entwicklungen in ganz Europa, dem Mittleren Osten und Afrika hin.

Auch die Zinssätze sind wieder rückläufig. Einen genauen Stand der Zinnsätze zu bestimmen ist aber nicht leicht, denn die Zentralbank nutzt einen so genannten Zinskorridor. Eine Rationierung des Angebots an günstigen Krediten mit einer Laufzeit von einer Woche ermöglicht mit dieser Methode die Zinssätze tagtäglich nach oben und nach unten zu treiben. Analysten sehen die türkische Effektivverzinsung aber derzeit bei geschätzten 7,5%.

Die Maßnahmen der Zentralbank scheinen also endlich zu greifen. Das bestätigt auch Nilufer Sezgin von Ekspres Invest gegenüber der Financial Times: Die Zentralbank arbeite trittsicher und volatile Zeiten erfordern eben die volle Flexibilität eines Zinskorridors. Auch der Goldman Sachs-Analyst Ahmet Akarli sagte am Montag, dass eine Einengung des Zinskorridors der Zentralbank „das Risiko einer harten Landung und den Abwertungsdruck auf die Lira“ verstärken würde (mehr dazu hier).

Der derzeitige Aufwind scheint aber eher eine „Verschnaufpause“ zu sein, als eine nachhaltige Entwicklung: Die türkische Inflation beträgt noch immer mehr als 10%. Die Netto-Zentralbankreserven betragen nur mehr weniger als 50 Milliarden US-Dollar, wenn man Positionen wie Verbindlichkeiten gegenüber dem Internationalen Währungsfonds (IMF) und Einlagen bei Geschäftsbanken abzieht. Und zusätzlich bleibt die Leistungsbilanz bei etwa 10% des Bruttoinlandsprodukts (auch wenn das Leistungsbilanzdefizit im November 2011 zum ersten Mal seit zwei Jahren wieder rückläufig war – mehr dazu hier).

Die türkische Zentralbank bezeichnet sich selbst als unabhängige Institution. Doch mit dem Ziel möglichst niedriger Zinssätze scheint die Bank nun eine auffällig einheitliche Linie mit der türkischen Regierung zu vertreten. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan ist schon seit längerer Zeit ein Verfechter niedriger Zinssätze und hatte erst vor wenigen Wochen sogar eine „Zinslobby“ für die hohen Zinsen verantwortlich gemacht (mehr dazu hier). „Die Inflation wird sich genau so wie der Marktzinnsatz entwickeln“, sagte Erdoğan. Niedrigere Zinssätze würden also auch niedrigere Inflationsraten mit sich bringen.

Dieser Theorie widersprechen aber viele Experten: Erdoğans Aussagen lassen „Zweifel über die Unabhängigkeit der Zentralbank“ aufkommen, sagte dazu Tim Ash, Chefvolkswirt bei der Royal Bank of Scotland in London. „Die Zentralbank reitet derzeit auf einer Welle der positiven Stimmung. Wir sind aber besorgt, dass die Risiken steigen könnten und es schwierig wird, neuerlichen Druck auf die Währung zu bekämpfen“, sagte auch Guldem Atabay, der Resarch-Direktor bei UniCredit Türkei. In den kommenden Wochen wird der türkische Weg jedenfalls auf die Probe gestellt – und die gesamte Türkei ist vom Ergebnis abhängig.

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