Türkischer Sicherheitsexperte klärt auf: Darum gehen Frauen zur PKK

Frauen, die der Terrororganisation PKK beitreten, haben schon immer die öffentliche, aber auch wissenschaftliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Man wollte verstehen, was ihre Beweggründe sind und warum ihre Präsenz in den Bergen so stark ist. In seinem neuen Buch versucht nun auch der türkische Sicherheitsexperte Necati Alkan dem Phänomen auf den Grund zu gehen.

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Frauen in der PKK: Sie suchen nach Freiheit und landen erneut in der Unterdrückung. (Foto: Kurdistan Photo/flickr)

Frauen in der PKK: Sie suchen nach Freiheit und landen erneut in der Unterdrückung. (Foto: Kurdistan Photo/flickr)

Necati Alkan hat mit ihnen gesprochen: die, die viele Jahre ihres Lebens in der Abgeschiedenheit der Berge verbracht haben – 20 ausführliche Interviews mit Frauen sind Teil des Buches. Sukzessive spürt er in “PKK’da Semboller, Aktörler, Kadınlar” (Akteure, Symbole und Frauen in der PKK) den ideologischen und soziologischen Motiven ihrer Entscheidung sich der PKK anzuschließen nach.

Alkan zeigt hunderte von Frauen, die sich eines Tages mitten unter den Milizen der Terrororganisation in den Bergen des türkischen Südostens an den Grenzen des Iraks, zu Syrien und zum Iran wiederfanden.

Frauen wollten in PKK für Freiheit kämpften

Die Interviews mit diesen ehemaligen Terroristinnen zeigen auf, dass sie mit einem ganz bestimmten Slogan getäuscht und dazu gebracht wurden, sich der PKK anzuschließen: “Befreit die Frauen, befreit Kurdistan!” Viele erzählen dem Autor, dass sie bei ihrem Beitritt eigentlich nur auf einer Suche gewesen wären. Ihnen ging es um Freiheit (diese soll nun auch zivilgesellschaftlich erkämpft werden – mehr hier). Im Verlauf der Gespräche gelingt es Alkan herauszuarbeiten, welchen Verlauf die Geschichte dieser weiblichen Terroristinnen nimmt. Wie ging es nach ihrem Beitritt weiter? Wie fand ihre Radikalisierung statt? Welche Rolle nahmen sie in der Hierarchie der Organisation ein?

18 Prozent der PKK-Terroristen sind Frauen

Erstmals Erwähnung findet in “PKK’da Semboller, Aktörler, Kadınlar” auch der Bericht der Nationalen Anti-Terror-Einheit, der sich ebenfalls mit 151 Frauen der PKK befasst. Thema ist auch ihr Bericht aus dem Jahr 2010, in dem dargelegt wird, dass der Frauenanteil in der PKK um ein vielfaches höher sei als in jeder anderen Terrororganisation weltweit (auch von Seiten der BDP gab es vor wenigen Monaten Lob für eine Selbstmordattentäterin – mehr hier). Laut Bericht begann die PKK mit der Ausbildung von weiblichen Selbstmordattentäterinnen, nachdem sich ab 1996 Schwierigkeiten einstellten, neue Rekruten zu finden. Statistiken zeigen, dass zwischen 1996 und 2010 55 Prozent der Selbstmordattentäter Frauen waren. Die meisten von ihnen kamen, nachdem PKK-Chef Abdullah Öcalan im Jahr 1999 verhaftet wurde. Heute, so zeigt der Bericht, sind 18 Prozent aller PKK-Terroristen Frauen (auch in Deutschland wächst die Gefahr – mehr hier).

Das Alter der neuen PKK-Mitglieder, so klärt die Polizei weiter auf, ist ausgesprochen jung. Bei den Jungs finden sich bereits Elfjährige. Bei den Mädchen sind die jüngsten immerhin 15 Jahre alt. 61 Prozent der Neuzugänge kommen aus einem ärmlichen Hintergrund und nur sieben Prozent von ihnen haben Eltern mit einem Durchschnittseinkommen. Dementsprechend zieht die Polizei auch Rückschlüsse auf den Bildungsgrad der Frauen: Drei Prozent besitzen einen Universitätsabschluss, elf Prozent haben eine höhere Schulbildung und 56 Prozent haben die Grundschule vollendet. 20 Prozent der PKK-Mitglieder können weder lesen noch schreiben. Doch der Bericht zeigt noch mehr: Demnach haben 60 Prozent der PKK-Anhänger bereits durch ihre Familien eine vorrangige Verbindung zur Terrororganisation. Rekrutiert werden die weiblichen Terroristinnen vor allem aus den südöstlichen und östlichen Provinzen der Türkei. Die Mehrheit kommt aus der Provinz Mardin, gefolgt von Şırnak, Van, Hakkari, Diyarbakır, Kars, Iğdır, Tunceli und Şanlıurfa.

Flucht vor Ehrenmord in die Fänge der PKK

Die nationale Polizeibehörde schließt daraus, dass zu den hauptsächlichen Gründen, warum sich Frauen der PKK anschließen familiärer Druck gehört. Daneben sind es auch Frauen, die vor einer viel zu frühen Heirat oder vor einem Ehrenmord flüchten. Die Geschlechts-Beziehungen in der traditionellen kurdischen Gesellschaft, die frühe Verheiratung von jungen Mädchen gegen ihren Willen und der Druck, der auf Frauen innerhalb der Familie ausgeübt wird, sind demnach also die Hauptgründe für die Flucht von tausenden jungen Mädchen und Frauen in die Arme der PKK. Nur so können sie ihre Opposition gegen die Position der Frauen in der Gesellschaft zum Ausdruck bringen.

Darüber hinaus sind emotionale Beziehungen und Affären zwischen beiden Geschlechtern innerhalb der PKK strengstens verboten, um Disziplin und Motivation aufrecht zu halten. Liebe wird als ein Hauptfeind gesehen, der die Integrität zur Organisation untergraben könnte.

In seinem Buch gibt Necati Alkan den Frauen nun ein persönliches Gesicht. So lässt er etwa Asya zu Wort kommen, die erzählt: “Eine meiner engsten Freundinnen verliebte sich in einen Kämpfer. Einige der anderen Frauen erzählten den Vorgesetzen von dieser Affäre. Es wurde eine Verhandlung angesetzt. Ohne sie überhaupt zu Wort kommen zu lassen, beschloss die Jury, dass sie hingerichtet werden sollten. Doch während die Entscheidung über die Hinrichtung der Frau durchgezogen wurde, setzte man die Strafe des Mannes aus. In den meisten dieser Fälle werden nur die weiblichen Kämpferinnen umgebracht.”

Harte Landung in der Realität: PKK bietet keine Freiheiten

Bese wiederum erzählt: “Ich hatte keinerlei Verbindungen zur PKK und kannte die Organisation nicht sehr gut. Doch ich hatte einen Haufen Probleme mit meiner Familie, die mich versuchten daran zu hindern die Schule zu besuchen. Dann zwangen sie mich auch gegen meinen Willen einen Mann zu heiraten. Ich hatte zwei Optionen: Entweder beging ich Selbstmord oder ich flüchtete vor meiner Familie. Ich hatte bis zum besagten Tag nicht die Absicht der PKK beizutreten. Dann empfahl mir einer meiner Freunde mich der PKK anzuschließen. Er sagte, dass meine Familie mich dort nicht finden würde. Als ich dann den Schritt wagte, sagte ich zu mir selbst: ‘Jetzt bin ich in den Bergen und habe eine Waffe in meiner Hand.’ Doch im Verlauf der folgenden Monate erkannte ich, dass es nirgendwo Freiheit gab, denn auch dort war es mir nicht erlaubt eine Persönlichkeit zu haben. Ich konnte mich nicht richtig ausdrücken. Ich durfte nichts kritisieren. Ich wollte die PKK verlassen, aber ich konnte nicht.”

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