Wulff: Opfer der Dramaturgie in der politischen Dschungel-Show

Für kaum einen anderen Politiker entwickelten Muslime in Deutschland so viel Sympathie wie für Christian Wulff. Die Handhabung seiner privaten Finanzen sowie sein ungeschickter Umgang mit den Medien bringen ihn in Bedrängnis.

Niemand weiß, wie lange Christian Wulff noch deutscher Bundespräsident ist. Deutsche mit türkischen Wurzeln haben ihn als angenehmen Zeitgenossen erlebt, der sich um die Migranten mit einem Ernst bemüht hat, wie man bisher nur von Rita Süssmuth kannte. Muslime haben ihn fast verehrt, weil er mit einem simplen Spruch für sie deutsche Geschichte geschrieben hat: „Der Islam ist ein Teil von Deutschland.“ An sich eine Binsenweisheit, aber gesprochen vom Staatsoberhaupt der Deutschen hatte das für viele Muslime und wohl auch für die meisten Deutschen eine andere Qualität. Schade nur, dass der Satz erst im Jahr 2 nach Sarrazin fiel – vermutlich hätte er, wäre er früher gesprochen worden, dem Land manche Hassaufwallung gegen die Migranten und von den Migranten erspart.

Aus muslimischer Sicht hat Wulff damit jedoch den Nerv vieler getroffen, die schon lange hier leben und nicht verstehen, warum sie immer noch argwöhnisch beäugt werden. Wegen einer Kopfbedeckung? Wegen ihrer Weigerung, Schweinefleisch zu essen? Veganer und katholische Nonnen empfindet hier auch keiner als Belästigung oder gar Gefahr.

Politik lebt von Symbolhandlungen. Eine solche Symbolhandlung hat Christian Wulff für die Muslime gesetzt. Er ist dafür viel gescholten, aber auch von vielen heimlich bewundert worden. Bei seinem Türkei-Besuch hatte Wulff gesagt: „Das Christentum ist Teil der Türkei.“ Keiner hat sich aufgeregt, weder hier noch dort.

Leider lebt die Politik auch von Symbolhandlungen, die man in der Zivilgesellschaft „Fehler“ nennen würde. Wulffs Handhabung seiner privaten Finanzen war unbedacht. Sein Umgang mit der „Bild“-Zeitung, die in Wahrheit natürlich viel mächtiger ist als der Notar im Bellevue, war sehr naiv. Es ist eine Meisterleistung des Verlags-Marketings, dass sich die „Bild“-Zeitung nun als Opfer der Pressefreiheit darstellen kann – und sämtliche Medien nun ohne Entgelt die Werbeslogans der „Bild“ in ihren redaktionellen Teilen veröffentlichen.

Die „Bild“ war natürlich nie bedroht von Christian Wulff. Bedroht und nun auch zerbrochen ist wohl die enge Freundschaft der Familie Wulff mit der Familie Springer. Das hat mit der Pressefreiheit höchstens insoweit zu tun, als dass man fragen muss: Warum sind die da oben eigentlich alle so eng miteinander? Der Bruch, der Wulff das Amt kosten kann, ist auch nicht ideologisch begründet: Niemand hat Wulff ernsthaft wegen seiner positiv-realistischen Islam-Aussagen verfolgt.

Wulff musste einfach zur Kenntnis nehmen, dass in der Mediengesellschaft die das Sagen haben, die nicht gewählt sind. Es sind jene Meinungsmacher im schillernden Graubereich des Infotainments, die ihrerseits entscheiden, wen sie erwählen. Sie wollen Wulff killen, weil es die Gesetze der politischen Dschungel-Show so erfordern. Und sie werden vermutlich gewinnen, weil in der Medien-Demokratie immer der Schein über das Sein siegt.

Migranten und Muslime können trotzdem dankbar sein: Immerhin hat nun einmal ein Bundespräsident laut und deutlich gesagt: „Die Erde ist rund.“ Auch in der katholischen Kirche wurde man für solche Sprüche zunächst als Ketzer abgeurteilt. Am Ende jedoch brach sich die Wahrheit ihren Weg. Immerhin gibt es somit einen kleinen Trost für Christian Wulff: Die Laufzeit seiner wichtigsten politischen Aussage wird die seines Haus-Kredits bei weitem überdauern.

Kommentare

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.