Türkei 2012: Sind die fetten Jahre vorbei?

In der Türkei standen bis Mitte 2011 alle Zeichen auf Wachstum. Doch am Donnerstag glaubte selbst Vize-Premier Babacan nicht mehr an das – bescheidene – 4%-Wachstumsziel für 2012. Die Türkei läuft Gefahr, vom Sog der Wirtschaftskrise mit nach unten gezogen zu werden.

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Die Türkei wird ihr Wachstumsziel von 4% im Jahr 2012 nicht erreichen. Das hat der der türkische Vize-Premierminister Ali Babacan am Donnerstag erstmals eingestanden. 2011 wuchs die türkische Wirtschaft noch um 7,5%. „Ein Wachstum von 4% für 2012 würde bedeuten, dass 2012 ein ähnlich gutes Jahr wie 2011 werden müsste, wenn nicht sogar noch besser“, sagte Babacan. Türkische Volkswirtschafter und der Internationale Währungsfonds (IMF) hatten ihre Prognosen bereits in Richtung 2% nach unten korrigiert.

Die türkische Wirtschaft erlebte in den vergangenen Jahren ein Auf und Ab: Nach starken Wachstumsraten zwischen 2001 und 2008 wurde auch die türkische Wirtschaft vom Sog der weltweiten Banken- und Immobilienkrise erfasst. Das Ergebnis war ein Einbruch der Wirtschaftsleistung um fast 4,8% und Arbeitslosenraten von 14% im Jahr 2009.

Noch im vierten Quartal 2009 konnte die türkische Wirtschaft aber wieder Fahrtwind aufnehmen und legte bis Mitte 2011 eine beeindruckende Wirtschaftsleistung hin. In diesem Zeitraum wurde aus der Türkei wieder einer der weltweit größten Wachstumsmärkte.

Seit einigen Monaten ziehen nun über die Industrienationen weltweit neue Krisenmeldungen hinweg: Die hohe Staatsverschuldung, eine mögliche Pleite der EU-Länder Griechenland, Portugal oder Spanien, und eine erneute Bankenkrise bleiben nicht ohne Folgen für den Welthandel – und damit auch für die Türkei. Denn die Einsparungen in den EU-Staatshaushalten, gepaart mit hohen Kreditschulden der Mittelschicht und stark steigenden Arbeitslosenzahlen, läuten das Ende einer kurzen europäischen Wachstumsphase ein.

Die türkische Wirtschaft ist sehr eng mit der europäischen Wirtschaft verflochten. Das Spektrum reicht von der Zulieferindustrie (alleine Deutschland importiert türkische Autoteile in Milliardenhöhe – mehr dazu hier) über den Handel bis hin zu Finanzierungen. Und darunter könnte das türkische Wachstum nun leiden. Die türkische Exportwirtschaft wird mit einem Nachfragerückgang aus Europa, steigender Konkurrenz aus Asien und der teilweisen Diskriminierung gegenüber türkischen Produkten in der EU zu kämpfen haben.

Neben der globalen Wirtschaftskrise hat die Türkei aber auch mit hausgemachten Problemen zu kämpfen: Das schnelle Wachstum seit dem vierten Quartal 2009 hat zu einer teilweisen Überhitzung der türkischen Wirtschaft geführt. Die Inflationsrate liegt heute zum ersten Mal seit 2008 auf über 10%. Das Leistungsbilanzdefizit hat bereits 9% des BIP erreicht.

Doch Vize-Premier Babacan beschwichtigt: Der Grund für die hohe Inflation sei nicht in der staatlichen Geldpolitik zu suchen, sondern in der Entwicklung des Wechselkurses, einem Anstieg der Preise für Elektrizität und Zigaretten sowie höheren Importsteuern auf Textilien. Die 5%-Inflationsmarke sei ein realistisches Ziel.

Die derzeitigen Kursverluste der Währung im Vergleich zu Euro und Dollar (mehr dazu hier) seien ein Problem aller aufstrebenden Länder und kein rein türkisches Phänomen.„Die Lira unterliegt viel weniger Kursschwankungen als die Währungen anderer Schwellenländer“, sagt Babacan.

Die türkische Independent Industrialists’ and Businessmen’s Association (MÜSİAD) macht jedenfalls ungetrübt Stimmung für die Türkei: So sei das türkische Wachstum fünf Mal größer als jenes der USA oder Europas. Die Türkei habe die anderen BRIC-Staaten überholt und spiele nun in einer Liga mit China. Auch die Arbeitslosigkeit sei ähnlich hoch wie in den USA und niedriger als in Europa.

Ob sich dieser Optimismus bewahrheitet oder die Türkei durch eine Krise der Industrienationen sogar in eine Rezession fallen könnte, das wird das Jahr 2012 weisen. Die Chance für die Türkei im Jahr 2012 liege in ihrem Heimatmarkt und ihrem starken, makroökonomischen Fundament, schreibt jedenfalls İbrahim Öztürk in der Zaman.

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