Trotz Luftangriff: Türken und Kurden halten zusammen

Die Tragödie an der türkisch-irakischen Grenze, die kurz vor dem Jahreswechsel 35 Schmugglern das Leben kostete, weil sie mit PKK-Terroristen verwechselt wurden, hat nicht nur weltweites Entsetzen hervorgerufen, sondern auch gezeigt, wie sehr die türkischen und kurdischen Communities noch immer emotional wie psychologisch miteinander verbunden sind.

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Es war ein wahrer Feuerhagel, der am späten Abend des 29. Dezembers auf die zwölf bis 17-jährigen jungen Männer herabregnete. Sie wollten Diesel aus dem Irak in die Türkei schmuggeln. Für sie offenbar die einzige Möglichkeit, in dieser von Armut geprägten Gegend zu überleben. Als sie die Grenze nahe ihres Heimatdorfes Uludere erreichten, war alles zu spät. Das türkische Militär startete seinen Luftangriff. Die Teenager starben, die meisten von ihnen waren miteinander verwandt. Nur wenige Stunden später gestanden sowohl das Militär als auch die türkische Regierung ihren Fehler ein (Zweifel an den Methoden kamen auf – mehr hier). Eigentlich habe man PKK-Terroristen, die für gewöhnlich die selbe Route nehmen, um über die Grenze zu kommen, treffen wollen. Dass es nun junge Leute, fast noch Kinder getroffen hat, bedauere man sehr.

Die betroffenen Familien waren am Boden zerstört (auch Prominente meldeten sich zu Wort – mehr hier). Die pro-kurdische BDP machte der Regierung schwere Vorwürfe. Nicht wenige sprachen von einem „geplanten Massaker“. Die Regierung kündigte Entschädigungen an. Sowohl das Militär als auch die zivile Staatsanwaltschaft leiteten Untersuchungen des Vorfalls ein (auch eine Untersuchung durch die UN wurde gefordert – mehr hier und hier). Von offizieller Seite wurde versprochen, diejenigen zu bestrafen, die für diese Katastrophe verantwortlich seien.

Frust und Leid werden auf Twitter geteilt

Die türkischen Bürger trauerten in dieser Zeit geschlossen im ganzen Land (einige wurden von ihrer Trauer auch übermannt – mehr hier). Die Wut, Scham und Trauer war in den westlichen Metropolen der Türkei nicht geringer als der Schmerz, den die Menschen im Südosten verspürt wurden. Viele teilten ihre Empörung und Frustration über Twitter mit. Die Geschehnisse von  Uludere zeigten, auch der Terrorismus konnte sie nicht entzweien.

Der kurdische Intellektuelle und Autor Orhan Miroğlu erklärte, dass die türkische Gesellschaft bereits mehrere solcher schlimmen Vorfälle erlebt hätte: „Es ist wahr, man kann von verschiedenen psychologischen Wahrnehmungen [in den beiden Communities] sprechen. Allerdings würde ich in diesem Fall gerne eine andere Lesart vorschlagen. Die Türken fühlten wegen der Vorkommnisse in Uludere großen Kummer. Sowohl die Türken als auch die Kurden hatten das Gefühl, dass ihre Seelen verletzt worden sind. Viele türkische Freunde haben das so empfunden. Erst in der vergangenen Nacht war ich mit einem türkischen Freund aus. Er weinte um die Toten von Uludere. Und so sollten wir es sehen.“ Miroğlu ist überzeugt, dass es hier einen gemeinsamen, geteilten Schmerz gebe. Die Äußerungen einzelner rassistischer Gruppen auf beiden Seiten würden nicht die wahre Geschichte wiederspiegeln.

Wie schon zuvor, so hatten sich auch diesmal türkische Nationalisten innerhalb Sozialer Netzwerke zu Wort gemeldet und dort befremdliche Kommentare hinterlassen. Darin erklärten sie, dass sie über die den Tod der 35 Männer keine Trauer empfinden würden. Einige führten an, dass ihre Erlöse aus dem Schmuggeln ohnehin an die PKK fließen würden.

Kurdischer Autor appelliert an die Politik

Der kurdische Autor Ümit Fırat erklärt, dass es eine seit langem bestehende Spaltung zwischen beiden Gruppen gäbe. „Es gibt einen Prozess der Trennung. Schon vor zwanzig Jahren, habe ich gesagt, dass die [politischen] Differenzen zwischen türkischen und kurdischen Gemeinden in eine soziale Kluft führen könnten. Heute gibt es eine Menge Wut [auf der türkischen Seite], vor allem auf Grund von Medienberichten. Der einzige Weg, um zu garantieren, dass das Geld in den Taschen der Leute bleibt, ist ihnen Sicherheit zu garantieren. Vor 100 Jahren gab es keine PKK. Die Menschen arbeiteten in dieser Region und verdienten sich im Gegensatz zu heute ihren Lebensunterhalt mit gewöhnlichen Berufen. Die einzige Möglichkeit, Menschen vor Erpressung oder Drohungen zu schützen, ist sicherzustellen, dass sie nicht gezwungen werden an eine Organisation zu zahlen, die keine rechtliche Grundlage besitzt. Er stellte ferner fest, Grenzschmuggel wie dieser nirgends auf der Welt ohne eine stillschweigende Zustimmung erfolgen könne. In den meisten Fällen gibt es eine Kooperation mit dem Staat und den Sicherheitskräften. „Die Spaltung muss nicht so weitergehen. Eine Politik, die auf die Vereinigung und Integration von Menschen abzielt, kann das verhindern.“

Solange die Menschen nicht auf die Justiz vertrauen und solange Rechtsverstöße nicht aufgedeckt werden, können die Menschen auch keine Hoffnung auf eine bessere Zukunft haben. „Und wenn das der Fall ist, müssen sie eine andere Zukunft für sich selbst erschaffen.“

Auf einen bemerkenswerten Schritt in der Zeit nach der Tragödie, wies übrigens der Soziologe Yasin Oktay hin. Die türkischen Streitkräfte hatten ihre Feierlichkeiten zu Silvester abgesagt. „Vor Jahren hätten sie dazu nicht mal eine Erklärung abgegeben. Das ist eine große Veränderung.“

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