Türken lesen durchschnittlich alle zehn Jahre ein Buch 

Die Gewerkschaft der Demokratischen Pädagogen veröffentlichte mit ihrem Bericht zu den Lesegewohnheiten in der Türkei erschreckende Zahlen. Demnach liegt eine türkische Wissensgesellschaft noch in weiter Ferne. Ganz so einfach kann man diese Defizite allerdings nicht darstellen.

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Die türkische Gewerkschaft für Demokratische Pädagogen (DES) hat sich in einem Bericht zu den Lesegewohnheiten in der Türkei geäußert. Ergebnis des Berichts ist, dass die Türkei unbedingt Reformen im Bildungssystem benötigt. Lesen ist immer noch nicht fester Bestandteil des Alltags (türkische Schriftsteller sind trotzdem international erfolgreich – mehr hier). Als alltäglicher Gebrauchsgegenstand stehen Bücher in der Türkei, nach Angaben der DES, an 235. Stelle. Angaben darüber, wie die Zahlen erhoben wurden, machte die DES nicht.

Beim Leseverständnis erreicht die Türkei in der Pisa-Studie von 2009 nur den 41. Rang. Schüler haben demnach besonders in diesem Bereich Probleme. In Europa ist das Problem beim Lesen ebenfalls nicht unbekannt. Österreich schafft es beim Lesekompetenz-Test der Pisa-Studie auf den 39. Platz und ist damit nur wenig besser als die Türkei.

Nur sechs Stunden sollen Türken jährlich mit dem Lesen eines Buches verbringen. Während in den USA 12 Prozent und in Großbritannien 21 Prozent der Menschen regelmäßig Bücher lesen, tut das in der Türkei nur einer von Tausend. Und es geht noch weiter: Ein Japaner liest demnach im Jahr durchschnittlich 25, ein Franzose sieben Bücher und ein Türke dagegen nur ein Buch in zehn Jahren, so die Erhebung der DES.

Türkei: Buchpreise auf europäischem Niveau

Jedem, der Verwandte in der Türkei hat, dürften diese Zahlen fragwürdig erscheinen. Dienen die Bücherregale nur zur Dekoration? Es stimmt, dass das Bildungssystem noch viel aufzuholen hat. Die gängigste Prüfungsform in türkischen Schulen ist weiterhin die Multiple-Choice Klausur. Auch die Gewerkschaft der Demokratischen Pädagogen glaubt, das sture Auswendiglernen der Schüler verhindere einen alltäglichen Gebrauch von Büchern.

Allerdings müssen auch andere Faktoren betrachtet werden. Die Preise für Bücher sind in etwa auf deutschem Niveau. „Verblendung“ von Stieg Larsson ist hier für 9,95 Euro erhältlich. In der Türkei kostet die türkische Übersetzung 25 TL, umgerechnet knapp 11 Euro. Der monatliche Durchschnittsverdienst eines Türken betrug im Jahr 2009 nach Angaben des Bundesamtes für Statistik monatlich ca. 956 Euro Brutto. In Deutschland lag das durchschnittliche Monatseinkommen 2009 bei 2325 Euro Brutto. Verständlich, dass so in Deutschland mehr für Bücher übrig bleibt.

Bücher: Jugendliche nutzen fast ausschließlich Raubkopien

Eine weitere Statistik der DES zum Leseverhalten aus dem vergangenen Jahr „Warum liest die Türkei nicht“ zeigt, dass 85 Prozent der Jugendlichen in der Türkei die Preise für Bücher zu hoch finden. 86 Prozent der befragten greifen deshalb auf Raubkopien zurück. Nur 4,1 Prozent sagen, dass sie ganz auf illegale Kopien verzichten.

Die Buchpreise haben in der Türkei zu einem florierenden Markt für Raubkopien geführt (das Buch des Jahres kommt aus der Türkei – mehr hier). Während in Deutschland hauptsächlich Musik und Filme als Raubkopien erhältlich sind, werden in der Türkei auch Bücher als Raubkopien illegal verkauft. Zahlen darüber, wie hoch der Verlust der türkischen Verlage durch die Raubkopien sind, gibt es allerdings noch nicht. Ein Vertreter des Verbands der Türkischen Verleger bestätigte den Deutsch Türkischen Nachrichten gegenüber, dass die Verluste jedoch sehr hoch sind. Verlässliche Aussagen gäbe es allerdings nicht. Er schätzt, dass 20 bis 25 Prozent der Bücher in der Türkei betroffen sind.

Türkei: Suche nach Bibliotheken vergeblich

Bibliotheken sind in der Türkei noch zu wenig verbreitet. Insgesamt gibt es im gesamten Land 1152 Bibliotheken, in Großbritannien 4,620 und in Deutschland 10. 531. Der Verband der Türkischen Verlage erklärte, dass im Jahr 2010 in der gesamten Türkei ungefähr 300 Millionen Bücher über den legalen Buchmarkt verkauft worden seien. Bei knapp 75 Millionen Einwohner würden damit vier Bücher auf eine Person fallen.


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