Erdoğan: „Wir wollen eine religiöse Generation heranziehen“

Religion bewahre die Jugendlichen der Türkei vor Drogenkonsum - diese Worte Erdoğans spalten die Nation. Und führen letztendlich zu einer Diskussion über das türkische Bildungssystem.

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In der Polit-Talkshow „Tarafsız Bölge“ (so viel wie „Unparteiischer Raum“) hatte sich Ministerpräsident Erdoğan zur Zukunft der türkischen Jugend geäußert. Und das in einer Weise, die nun für viel Diskussionsstoff sorgt. „Wir möchten eine religiöse Jugend heranziehen“, hatte er gesagt und provokativ gefragt: „Oder wollt ihr, dass die Jugendlichen zu Lösungsmittel-Schnüfflern werden?“

Eine der ersten Reaktionen kam vom Oppositionsführer Kılıçdaroğlu: Ein religiöser Mensch beispielweise würde die Staatsanwälte antreiben in Korruptionsfällen wie der Deniz-Feneri-Affäre zu ermitteln. Er fragt: „Wann waren wir jemals dagegen, dass eine nicht-religiöse Generation heranwächst? Waren die Generationen vor Erdoğan etwa nicht religiös? Wie kann er so etwas sagen? Er spaltet die Gesellschaft“, moniert der Oppositionsführer.

Die Diskussion wird auch von den Kolumnisten der Tageszeitung unterschiedlich aufgefasst. Unter der Überschrift „Ich fürchte nicht die religiöse, sondern die dumme Jugend“, schreibt die Kolumnistin Ezgi Başaran in der Tageszeitung „Radikal“, sie halte es für grundsätzlich richtig, dass die Diskussion um die Zukunft der Jugendlichen eröffnet ist. Wenn sich die Diskussion zurzeit noch um die Frage drehe, ob die Jugendlichen religiös, atheistisch oder rebellisch seien, hofft sie, dass man früher oder später auf das Bildungssystem zu sprechen kommen werde.

Medien diskutieren Vor- und Nachteile von Religiösität

Ahmet Hakan von der „Hürriyet“ allerdings macht darauf aufmerksam, dass sich gewisse Denkmuster – wenn auch unter verschiedenen Vorzeichen –wiederholen. „Wollen sie, dass die Jugendlichen aufständisch und respektlos gegenüber Älteren und losgelöst von Werten sind?“, hatte Erdoğan in der Sendung gesagt. Die Religion solle die Jugendlichen davor bewahren, auf den falschen Weg zu gelangen. Der Kolumnist Hakan macht darauf aufmerksam, dass in vielen Kreisen eine religiöse Erziehung von Kindern nicht gerne gesehen ist, denn „religiös“ wird mit „intolerant“, „altmodisch“, „anderen Religionen gegenüber respektlos“ und „fanatisch“ gleichgesetzt. Während die einen denken, dass jeder, der keine religiöse Erziehung genießt, zum Drogenkonsumenten wird, denken die anderen, dass eine religiöse Erziehung die Entwicklung eines Kindes zum modernen Menschen hindert. Ahmet Hakan fragt, ob nicht viel eher Gründe wie Armut oder schlechte Schulbildung Jugendliche zum Drogenkonsum verleiten als vielleicht mangelnde Religiosität.

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