Landflucht: Die türkischen Bauern sterben aus

Ein Sektor im Wandel: Die Diesel- und Düngerpreise sind sehr hoch und viele Bauern können von ihren Einkünften nicht mehr leben. Gleichzeitig arbeiten immer weniger Türken in der Landwirtschaft, für die in den Städten Wohnraum und Jobs geschaffen werden müssen.

Als siebtgrößte Agrarnation der Welt hat die Landwirtschaft in der Türkei einen besonderen Stellenwert. Doch in den vergangenen Monaten habe die hohen Diesel- und Düngerpreise große Herausforderungen für die heimischen Bauern mit sich gebracht. „2011 haben sich die Preise für Düngemittel je nach Art zwischen 40 % und 100 % erhöht“, sagt Şemsi Bayraktar, Präsident der türkischen Landwirtschaftskammer. Immer öfter verzichten die Bauern auf Düngemittel oder versuchen, länger mit weniger auszukommen. Dazu kommt, dass die Türkei eines der Länder mit den teuersten Dieselpreisen der Welt ist.

Die Preise der Erzeugnisse können nicht aber nicht beliebig erhöht werden. Somit verringert sich der ohnehin schon geringe Profit der Landwirte noch weiter. Das Ergebnis: Die Produktivität nimmt ab, die Qualität sinkt, und viele Bauern können von ihren Einkünften nicht mehr leben.

Dem Landwirtschaftssektor steht in den kommenden Jahren auch insgesamt ein kontinuierlicher Strukturwandel bevor. Mit Umsätzen von jährlich rund 62 Milliarden Dollar in der Landwirtschaft liegt die Türkei heute weltweit an siebter Stelle. Vor der Türkei liegen nur China, Indien, die USA, Brasilien, Indonesien und Japan. Doch die Zahl der Erwerbstätigen in der türkischen Landwirtschaft hat sich in den vergangenen 20 Jahren von 50 % auf unter 25 % verringert. Damit wird rund 10 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP) erwirtschaftet.

Im Vergleich dazu sind im benachbarten Griechenland nur mehr halb so viele Menschen in der Landwirtschaft tätig, nämlich rund 12 %, und erwirtschaften damit weniger als 4 % des BIP. In Deutschland macht die Landwirtschaft schon weniger als 1 % des BIP aus und beschäftigt rund 2 % aller Deutschen. Das heißt, auch in der Türkei werden in den kommenden Jahren immer weniger Türken in der Landwirtschaft tätig sein.

Die hohen Produktionskosten führen dazu, dass Bauern immer öfter auf ihren Waren sitzenbleiben. (Flickr/adversegecko)

Die hohen Produktionskosten führen dazu, dass Bauern immer öfter auf ihren Waren sitzenbleiben. (Flickr/adversegecko)

Die Konsequenz dieser Entwicklung betrifft auch die urbanen Boomregionen der Türkei: Im September 2011 kamen ein Viertel aller Arbeitslosen aus der Landwirtschaft (mehr hier). Landflucht ist das Ergebnis. Mit der Hoffnung auf Arbeitsplätze mit höheren Löhnen verlassen sie das Land. Sie sind meist ungelernt und können deshalb jedoch nicht Fuß fassen.

Die Interessensvertretung der Landwirte sieht die Zukunft aber trotzdem naturgemäß positiv: „Wenn wir die strukturellen Probleme überwunden haben, sind wir auf dem Niveau der Konkurrenz-Länder. Im 100. Jahr der Türkischen Republik 2023 werden wir 85 Millionen Türken und 50 Millionen Touristen ernähren können, wir werden die Nahrungsmitteldefizite unserer Nachbarländer ausgleichen können, 30 Milliarden Dollar an Exporteinkünften verzeichnen und mit der Nahrungsmittelproduktion 150 Milliarden Dollar zum Nationaleinkommen beitragen“, sagt Bayraktar.

Die Türkei steht auf jeden Fall vor mehreren Herausforderungen: Einerseits müssen die Produktionspreise in der Landwirtschaft drastisch sinken, damit die Bauern auch von ihren Einkünften leben können. Andererseits werden in den kommenden Jahren Millionen Türken der Landwirtschaft den Rücken kehren und ihr Glück in den Städten versuchen. Für diese Menschen braucht es Wohnraum, Weiterbildung und Jobchancen.

Mehr zum Thema:
Steigende Arbeitslosigkeit: Türkischer Wirtschaftsaufschwung stockt
Türkei: Arbeitslosenrate fällt auf 8,8 Prozent
58 Prozent mehr türkische Auslandsinvestitionen im Jahr 2011

Kommentare

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.