Türkei: Nur niedrige Zinsen bewahren Haushalte noch vor Pleite

Viele Türken sind hoch verschuldet und praktisch pleite. Bei höheren Kreditzinsen würden diese Haushalte einen Massenbankrott auslösen, sagt Renaissance Capital. Erdoğan wird das mit allen verfügbaren politischen Mitteln zu verhindern versuchen.

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Erdoğans Zinspolitik hält die Zinssätze für Privathaushalte derzeit auf einem relativ niedrigen Niveau. „Das hat die türkischen Haushalte und Kleinunternehmen bislang vor der Pleite bewahrt“, sagt Mert Yildiz von Renaissance Capital (Yildiz hatte auch kürzlich behauptet, dass türkische Volkswirte die türkische Wirtschaftsleistung verlässlich schlechter einschätzen als ihre ausländischen Kollegen – mehr hier). „Viele Haushalte und Firmen sind praktisch pleite“. Der Grund seien die niedrigen Einkommen gepaart mit hohen Schulden. „Ein starker Anstieg der Zinsen würde bedeuten, dass diese verschuldeten Haushalte und Firmen einen Massenbankrott auslösen würden.“

Die niedrigen Zinssätze hatten zu einem Kreditboom bei ärmeren Türken geführt, sagt Yildiz. Etwa 55 % aller Kredite in der Türkei werden an Menschen mit einem Einkommen von weniger als 1.200 US-Dollar pro Monat vergeben. Türkische Banken haben 2011 die meisten Kredite aller Schwellenländer vergeben und damit die Verschuldung der Türken verdoppelt. Seit Januar 2012 sind die Kreditvergaben aber um 27 % eingebrochen.

Zahlungsunfähige Haushalte würden auch sofort eine Kettenreaktion am Immobilienmarkt mit sich bringen: Denn somit könnten auch die Kreditraten für den Haus- oder Wohnungskredit nicht mehr abgezahlt werden. Immer weniger Türken würden auch selbst in Immobilien investieren, was wiederum die Immobilienpreise nach unten treiben würde. Damit käme es rasch zu einem Platzen der türkischen Immobilienblase (mehr hier).

„Gleichzeitig könnten die niedrigen Zinsen zu einer weiter ansteigenden Inflationsrate führen“, sagt Yildiz (er könnte damit Recht behalten, denn im Januar 2012 hat die türkische Inflationsrate mit 10,61 % den höchsten Wert seit mehr als drei Jahren erreicht – mehr hier). Die türkische Zentralbank hatte den Hauptzinssatz seit August 2011 auf einem Rekordtiefstand von 5,75 % belassen, um das Wachstum im Land anzukurbeln. Währenddessen ließ die Zentralbank aber die Refinanzierungskosten der Banken variieren, um das Leistungsbilanzdefizit und die Inflationsrate unter Kontrolle zu bringen. Und jede Zinserhöhung wurden von den Banken naturgemäß an die Kunden weiter gereicht.

Erdoğans Wirtschaftstheorie basiert aber auf der Annahme, dass niedrige Zinsen auch niedrigere Inflationsraten mit sich bringen (dieser These widersprechen viele Experten). Er fordert daher regelmäßig ein niedriges Zinsniveau und verdächtigt sogar eine „Zinslobby“ hinter den Zinsanstiegen. Diese „Lobby“ versuche nämlich, die Türkei zu höheren Zinssätzen zu zwingen. Damit können dann höhere Gewinne eingefahren werden (mehr hier).

Yildiz geht davon aus, dass aufgrund des politischen Drucks von Erdoğan auf die Zentralbank die Zinssätze auch noch länger auf einem niedrigen Niveau bleiben werden. Denn Erdoğan scheint gut zu wissen, welche Folgen hohe Zinssätze für die Türken hätten. Unter diesem Gesichtspunkt ist es verständlich, dass er alles dagegen tut, um diese niedrig zu halten – oder die Schuld am Anstieg zumindest anderen unterschiebt.

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