„Wulff ist mutiger als Gauck“
Christian Wulf war für viele Menschen mit Einwanderungsgeschichte ein guter Präsident. Joachim Gauck jedoch stehen sie skeptisch gegenüber. Sein Schweigen zu vielen kritischen Themen gibt ihnen zu denken. Bislang ist der zukünftige Bundespräsident eine „Blackbox“, sagt der türkische Journalist Erhan Merttürk.
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Gauck tritt in große Fußstapfen. Wird er als Präsident alle Menschen in Deutschland vertreten können? (Foto: Flickr/Sebastian Hillig)
„Joachim Gauck als neuen Präsident? – nein danke“- seine über Facebook verbreitete Botschaft des in Deutschland lebenden türkischen Journalisten Erhan Merttürk ist unmissverständlich. Doch mit seiner Meinung ist Merttürk keine Ausnahme. So wie er stehen viele Menschen mit Einwanderungsgeschichte in Deutschland der Kandidatur des ehemaligen DDR-Bürgerrechtlers rechtlers kritisch gegenüber.
„Das Schweigen des zukünftigen Bundespräsidenten Joachim Gauck zu wichtigen Themen bereitet vielen Migranten in Deutschland Sorge“, beobachtet Merttürk. So empfinden es viele Menschen mit Einwanderungsgeschichte besorgniserregend, dass sich Gauck in keiner Weise zu den Neonazi-Morden geäußert hat. Auf eine Stellungnahme des Pastors, der selbst aus Rostock – einer der Hochburgen der rechten Szene – stammt, zum Thema rechte Gewalt warten viele bis heute. Eine solche Stellungnahme aber ist notwendig, um ein Zeichen zu setzen und damit sich der neue Bundespräsident ein Profil verschafft. Eine Teilnahme an der Gedenkveranstaltung am Donnerstag zu Ehren der Neonazi-Opfer wäre da ein Schritt in die richtige Richtung.
Die Erwartungen der Menschen mit Migrationsgeschichte an den neuen Bundespräsidenten sind groß. Hatte doch Alt-Bundespräsident Christian Wulff, wie bereits von Weisäcker und Rau vor ihm, positive Botschaften hinsichtlich der Integration von Einwanderern gegeben und Rassismus mit harten Worten getadelt. Die Befürchtung besteht, dass nach Wulffs Worten, der Islam sei ein Bestandteil Deutschlands, Gaucks passive Haltung dazu führt, dass er den von Wulff eingeschlagenen Kurs nicht weiterführt. Noch wissen viele Menschen nicht, was sie von dem Kandidaten für das höchste Amt im Staate halten sollen. „Gauck ist eine Blackbox, wir wissen nicht, was wir von ihm zu erwarten haben. Seine Haltung wird sich erst zeigen, wenn er Bundespräsident geworden ist“, so Merttürk.
Auch Gaucks Aussage, Sarazzin sei „mutiger als andere Politiker in Deutschland“ wissen viele nicht einzuordnen. Zwar hat sich Gauck ausdrücklich von den Thesen Sarazzins distanziert, doch: „Sarazzin ist zu einer Marke geworden, jeder weiß wofür er steht und dass die Rechten ihn unterstützen. Alleine schon, dass Gauck diesen Mann als „mutig“ beschreibt, ist für mich schon Besorgnis erregend. Das ist für mich indirekte Unterstützung“, so Merttürk.
Andererseits, erinnert er sich, habe Gauck bei einem Interview, das er vor Jahren mit ihm geführt hatte, die USA als positives Beispiel für Deutschland angegeben. Dort würden sich Menschen schon nach zwei Jahren völlig dem Land zugehörig fühlen. Würde Gauck weitere solche Botschaften an die Zugewanderten in Deutschland geben, könnte er bei ihnen Punkten.
Positiv bewertet wird allerdings die Position Gaucks gegenüber der Türkei. Im Gegensatz zur Bundeskanzlerin Angela Merkel ist er ein Befürwortet einer uneingeschränkten Mitgliedschaft der Türkei in der Europäischen Union. Neben der EU brauche Deutschland die Türkei als Stabilisator in der Region, besonders was die Auseinandersetzungen mit dem Iran oder den palästinensisch-israelischen Konflikt betrifft. In dieser Hinsicht wolle er zwischen den europäischen und den türkischen Politikern vermitteln.
„Leider vergleichen wir ihn immer wieder mit Wulff. Aber er war einfach der Präsident unserer Herzen. Die Menschen hatten das Gefühl, dass er von den Botschaften, die er gab auch selbst wirklich überzeugt war“. Sein Resümee: Den Mut, den Wulff aufgebracht hatte, muss ihm Gauck erst einmal nachmachen.
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