Muslimbrüder: Ägypten-Urlaub bald schon mit Alkohol-Verbot?

Der libysche Arm der Muslimbruderschaft hat Alkohol und Bikinis verboten, in Tunesien herrscht mehr Freizügigkeit. Die touristische Zukunft Ägyptens ist hingegen noch ungewiss, sagt der Revolutionär Ameer Al-Mashad im Gespräch mit den Deutsch Türkischen Nachrichten. Wie in der Vergangenheit in der Türkei werde die Macht aber auch in der Zukunft nicht bei den Muslimbrüdern liegen, sondern beim ägyptischen Militär.

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Trotz demokratisch legitimiertem Wahlsieg kommt die Freiheits- und Gerechtigkeitspartei, der ägyptische Arm der Muslimbruderschaft, derzeit nicht aus der Kritik. Säkulare Kritiker werfen der Bruderschaft in Ägypten vor, ein Bündnis mit den Militärgenerälen, die nach dem Fall des alten Regimes in die Öffentlichkeit vorgerückt waren, ausverhandelt zu haben. Als Gegenleistung für eine freie Hand in der Legislative soll die Bruderschaft heimlich der Aufrechterhaltung des militärisch unterstützten „Tiefen Staates“ zugestimmt haben. „Das ist ähnlich wie damals in der  Türkei“, sagt Ameer Al-Mashad im Gespräch mit den Deutsch Türkischen Nachrichten. Der 26-jährige IT-Spezialist Al-Mashad weiß, dass im Ausland die Furcht vor einer neuen, womöglich islamistischen, Regierung in Ägypten wächst. Er war von Anfang an bei den Revolutionen auf dem Tahrir-Platz dabei.

Die liberalen Islamisten in Ägypten kritisieren aber auch die ideologische Sterilität, strenge Hierarchien und den Hang zu Politik ohne Transparenz der Bruderschaft. Das stört viele an den Muslimbrüdern. Al-Mashad kritisiert, dass es schwierig sei die Muslimbrüder einzuschätzen. Bei der salafistischen al-Noor Partei sei das leicht und das sagt er, als Liberaler. „Die Noor-Partei sagt ganz direkt, was sie wollen. Man weiß, dass sie extremer sind, denn sie erklären öffentlich, wie sich die Menschen ihrer Meinung nach benehmen sollen. Sie sind transparenter in ihrem Programm als die Muslimbrüder. Wenn Sie die Muslimbrüder zu etwas befragen, geben sie nie eine klare Antwort, jedenfalls nicht die Antwort, nach der man gefragt hat.“ Er führt das auf die negativen Erfahrungen der Partei zurück. Das Ergebnis ist nach vielen Jahren der Unterdrückung, dass die Muslimbrüder versuchen zu vermeiden, etwas zu sagen, was einigen nicht gefallen könnte: sie versuchen es zu verheimlichen. Doch nicht in allen Bereichen sei das so, meint Al-Mashad. Über politische Fragen reden sie ganz offen, doch sobald es an Fragen der persönlichen Religionsausübung geht oder auch der religiösen Meinung der Muslimbrüder, sei das anders. Er vermutet, dass sie aufgrund der schlechten politischen Erfahrungen, der jahrelangen Unterdrückung, versuchen, vieles zu verstecken.

Puritanische Islamisten hingegen beschuldigen die Bruderschaft, die islamische Agenda zu vernachlässigen, um keine Ängste im Westen zu schüren. Sie beklagen auch, dass säkulare Parteien als mögliche Koalitionspartner bevorzugt werden würden. Stellt man den Muslimbrüdern die Frage direkt, werden sie nicht direkt darauf antworten, sagt Al-Mashad. Sie werden allgemeine Dinge sagen wie: „Wir wollen, dass sich die Touristen besser benehmen. Wir wollen, dass sie unsere Kultur respektieren, aber das hat jetzt keine Priorität.“ Der Führer der tunesischen, der Bruderschaft nahestehenden, Nahda-Bewegung hatte verkündet, dass er sowohl Alkohol als auch Bikinis in seinem Land dulden werde. Auch die Prostitution ist in Tunesien erlaubt. Im benachbarten Libyen sind Alkohol, Bikinis und Prostitution hingegen verboten. Wie die touristische Zukunft in Ägypten aussehen wird, das ist noch ungewiss, sagt Al-Mashad: „Die Noor-Partei will, dass sich die Touristen in Ägypten nicht wie in ihrem eigenen Land verhalten, sondern sich den Gepflogenheiten der religiösen Kultur in Ägypten anpassen sollen, beispielsweise wollen sie nicht, dass sie Alkohol trinken und das sagen sie offen. Die Muslimbrüder würden sagen: Wir wollen dass sich die Touristen besser verhalten. Natürlich sollten sie auch unsere Kultur respektieren, aber das hat jetzt keine Priorität.“

Die Profiteure des „arabischen Frühlings” sind jedenfalls nicht die Extremisten aus dem al-Qaida-Umfeld, nicht die Befürworter der Theokratie nach dem iranischen Modell, und auch nicht die islamischen Liberalen. Es ist die Muslimbruderschaft, die für evolutionären anstatt revolutionären Wandel steht, und sich mehr mit den Fragen der islamischen Identität und Ethik als mit der Auferlegung gottgegebener Regeln befasst, schreibt der Economist.

In Ägypten und Tunesien dominieren bereits Parteien, die der Bruderschaft zuzurechnen sind. Um einem Schicksal wie in Ägypten oder Tunesien zu entgehen, hat der marokkanische König Muhammad VI der Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung der Bruderschaft seines Landes den Premierministerposten eingeräumt. Islamische Milizen waren erfolgreich im libyschen Revolutionskrieg. Ähnliche bewaffnete Gruppierungen könnten in Syrien noch dieselbe Rolle spielen.

Die Bruderschaft ist aber keine „neue“ politische Kraft. Sie wurde als eine Art „Geheimbund“ 1928 in Ägypten gegründet. Sie baut seit jeher auf sunnitisch-islamischer Ideologie auf. Ihr politischer Teil in Jordanien, die Islamische Aktionsfront, ist schon seit Jahrzehnten die stärkste politische Kraft des Landes. Der Bruderschafts-Flügel im Irak, die Islamische Partei, arbeitete schon mit Saddam Hussein zusammen und jetzt seit 2003 mit den amerikanischen Truppen. Seit den 1990er-Jahren sind sie in Parlamenten in Algerien, Bahrain, Kuwait und Jemen vertreten. Der Flügel im Sudan, die Nationale Kongresspartei, unterstützte einen Militärcoup 1989 und wurde dafür mit Ministerposten belohnt. Die Islamische Widerstandsbewegung oder Hamas entstand aus einer wohltätigen Bruderschafts-Organisation im Westjordanland und im Gazastreifen, die in den 1970er-Jahren Anerkennung von Israel erlangte. Bei den Wahlen 2006 schlugen sie die nationalistische palästinensische Partei Fatah und erlangten die Kontrolle über den Gazastreifen.

Die Bruderschaft hat eine globale Überorganisation (tanzim alami), in der jeweils mindestens zwei Vertreter jeder muslimischen Gemeinschaft weltweit vertreten sind. Die globale Bruderschaft hat aber relativ wenig Einfluss. Die Büros in den einzelnen Ländern arbeiten eigenständig und finanzieren sich selbst. „Die Menschen in Mekka kennen ihre eigenen Leute am besten“, sagt Mahmoud Musleh, ein Hamas-Parlamentarier in Ramallah. „Ägypten kann sich nicht in palästinensische Angelegenheiten einmischen.“ Die verschiedenen Flügel der Bruderschaft sind in der Vergangenheit auch schon oft aneinander geraten: So hat beispielsweise die irakische Invasion in Kuwait 1990 die Gruppierung ein Jahrzehnt lange in pro- und anti-Irak Fraktionen gespalten. Um Jordaniens König Abdullah die Entscheidung, die Bruderschaft in seine Regierung mit aufzunehmen, zu erleichtern, erklärte die dortige Bruderschaft vor kurzem die formale Trennung von ihren palästinensischen „Muslimbrüdern“.

Bei aller Kritik sind die Bruderschaften eine institutionell organisierte Bewegung. Die regionalen Verbände führen interne Wahlen durch und wechseln regelmäßig ihre Führung. Diese Männer (und selten Frauen) haben sich als pragmatische Politiker heraus gestellt, die Geschick beim Abschluss von Verhandlungen gezeigt haben, wenn sie sich davon mehr Einfluss versprochen hatten. Überall in der arabischen Welt haben sie sich für das türkische Demokratiemodell, die Freiheit der Bürger und freie Märkte ausgesprochen (mehr hier). Um ihrem pluralistischem Gedankengut Ausdruck zu verleihen, besuchten Bruderschafts-Führer die Weihnachtsfeierlichkeiten der Koptischen Kirche in Kairo. Die Führungsriege bewirbt ihre Offenheit für Emanzipation durch die Feststellung, dass fast ein Viertel der neuen tunesischen Parlamentarier Frauen sind, von denen wieder 80 % auf islamischen Wahllisten standen. Und Meshal versprach einer Delegation palästinensischer Liberaler, dass er zum ersten Mal eine Frau in seinen engen Mitarbeiterkreis aufnehmen werde.

„Trotz aller Probleme könnte die Region auch schlechtere Regierungen haben“, sagt der Economist. Und trotz der vielen Terrorattacken im Gazastreifen hat die Bruderschaft den palästinensischen Küstenstreifen besser geführt als ihre säkularen Vorgänger. Die Exekutive ist disziplinierter, die Straßen sind sicherer und die Bürokraten effizienter und weniger nepotistisch. Die Bruderschafts-Mitglieder sind Großteils nicht Geistliche, und möchten somit instinktiv der Religion nicht zu viel Macht überlassen.

Religiöse Autoritäten sprechen davon, dass vor Einführung der Scharia in Ägypten eine Anlaufzeit von mindestens fünf Jahren gebraucht werde. Und fünf Jahre nach der Hamas-Machtübernahme im Gazastreifen bestehen noch immer fast alle der damaligen Strukturen und Gesetze. Auch die sozialen Zwänge werden mittlerweile gelockert: Zwar hat der Innenminister formal die öffentliche Zusammenkunft von Männern und Frauen und das Rauchen von Wasserpfeifen für Frauen in der Öffentlichkeit verboten. Im neuen Strandhotel, dass er selbst mit bauen ließ, ist aber doch wieder beides erlaubt.

In der gesamten Region hat die Bruderschaft über Jahre hart an einer Machtergreifung gearbeitet. Viele Mitglieder verbrachten Zeit im Gefängnis oder im Exil. Diese geduldige Hingabe spricht sehr für die Fähigkeiten der neuen Führung, die schwerwiegenden sozialen und wirtschaftlichen Probleme der meisten arabischen Länder anzugehen, sagt der Economist. Von außen betrachtet, erscheint es unverständlich, dass die Muslimbrüder, trotz der Unterdrückung und der Folter, die viele von ihnen im Gefängnis unter dem Mubarak-Regime erleben mussten, nicht zur Revolution aufgerufen haben. Das waren andere. „Das gehört zu ihrer Ideologie“, erklärt Al-Mashad. Sie haben zunächst nicht an den Aufmärschen auf dem Tahrir-Platz teilgenommen. Erst als sie merkten, dass der Aufstand nicht aufzuhalten ist und sie auch keine andere Option mehr hatten, sprangen sie auf den Revolutionszug auf. „Die Muslimbrüder kämpfen nicht gegen das System, egal um welches es sich dabei handelt. Sie versuchen ihre politische Meinung durchzusetzen ohne zu kämpfen“, so Al-Mashad weiter.

Der Aufstieg der Bruderschaft durch die Wahlurnen und zivilgesellschaftliches Handeln ist ein Hoffnungsschimmer, dass die reformorientierte Mitte des Islams dem schnellen Griff zu Waffen widerstehen kann, der in der Vergangenheit islamistische Gruppierungen charakterisiert hat – von der Ermordung des Ägypters Anwar Sadat 1981 bis zur al-Qaida heute. Und selbst, wenn die Muslimbrüder ein ganz anderes Gesicht zeigen sollten, sobald sie an der Macht sind, haben Al-Mashad und die vielen anderen revolutionären Ägypter keine Angst. „Wir wollen Ägypten zu einem demokratischen Land machen“ Er ist sich sicher: „Wir haben gezeigt, dass niemand uns mehr zu etwas zwingen kann, das wir nicht wollen.“

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