Gedenken: Merkel entschuldigt sich bei Opfern

An dem Staatsakt zum Gedenken an die Opfer rechtsextremistischer Gewalt nahmen Bundeskanzlerin Angela Merkel, der zukünftige Bundespräsident Joachim Gauck sowie weitere Politiker und Familien der Opfer teil. Doch am meisten rührten die Worte zweier Frauen, deren Angehörige ermordet worden waren. Sie appellierten an Politik und Justiz und sagten, wie ein besseres Miteinander funktionieren kann.

Es war eine rührende Veranstaltung, die am Gendarmenmarkt in Berlin zum Gedenken für die Opfer rechtsextremistischer Gewalt von Bundepräsidialamt organisiert wurde. Besonders der Auftritt von Semiha Şimşek und Gamze Kubaşık, beide Angehörige von Opfern ging den anwesenden Gästen „unter die Haut“, die Heinz Buschkowski, Bürgermeister von Berlin Neukölln, später sagte.

In ihrer Ansprache stellte die Bundekanzelerin die Opfer einzeln vor und sagte, Intoleranz äußere sich nicht erst in Gewalt. In Deutschland sei dazu „Sensibilität“ und „waches Bewusstsein“ nötig, um zu spüren, wann Ausgrenzung beginnt. Sie warnte vor einer „Schleichenden Verrohung des Geistes“ und sprach: „Aus Worten können Taten werden“. Sie zitierte den irischen Schriftsteller Edward Burke: „Für den Triumph des Bösen reicht es aus, wenn die Guten nichts tun“. Demokratie zu leben bedeute, Verantwortung zu übernehmen. Ihre Botschaft war deutlich: „Deutschland das sind wir alle, die in diesem Land leben. Wir sind ein Land, eine Gesellschaft. Wir alle prägen die Gesellschaft Deutschlands“.

Für die unfassbare Mordserie müsse sich Deutschland schämen. Sie bat die Angehörigen der Opfer um Entschuldigung.
Auf der Veranstaltung wurde Musik von Johann Sebastian Bach, dem türkischen modernen Komponisten Cemal Reşit Rey und Mousse T gespielt. Iris Berben und Erol Sander lasen Gedichte von Ahmet Muhip Dranas, Erich Fried, Berthold Brecht und Josef Reding.

Außerdem sprachen drie Angehörige von Opfern. İsmail Yozgat, Vater des Ermordeten Halit Yozgat, begann seine Rede mit den Worten: „Ich grüße an dieser Stelle Christian Wulff. Wir sind seine Gäste“. Es wolle keine materielle Entschädigung und keine Erstattung der Beerdigungskosten. Doch er habe drei Wünsche, so Yozgat: Täter, Helfershelfer und Hintermänner sollen aufgedeckt werden. Da habe er Vertrauen in die deutsche Justiz. Außerdem solle der Name der „Holländerstraße“, in der sein Sohn geboren und auch ermordet wurde, in „Halit-Straße“ geändert werden. Zuletzt forderte er, dass im Angedenken der Mordopfer eine Stiftung im Namen seiner Familie gegründet werde, die Geld für krebskranke Menschen sammelt.

Anschließend sprach Semiha Şimşek, deren Vater Enver Şimşek als erster der Mordserie im Alter von 38 Jahren ermordet worden war, „Elf Jahre durften wir nicht reinen Gewissens Opfer sein“, klagt die junge Frau Politik und Justiz an. Dabei tröste es nicht, dass nur einige Einzelne zu solchen Taten bereit sind. Noch immer gäbe es große Defizite bei der Integration. Sie ruft auf: „Lasst uns nicht die Augen verschließen und so tun, als hätten wir dieses Ziel schon erreicht. Wir alle gemeinsam zusammen, nur das kann die Lösung sein“. Die deutlichen Worte der starken Frau rührten die Anwesenden der Veranstaltung.

Ganmze Kubaşık, eine andere Angehörige, zitiert das Gedicht des türkischen Dichters Nazım Hikmet: „Leben wie ein Baum, einzeln und frei, und brüderlich wie ein Wald. Das ist unsere Sehnsucht“.

Von stehenden Ovationen begleitet, trugen die beiden Frauen symbolisch eine Kerze aus dem Saal hinaus, womit der offizielle Teil der Veranstaltung endete.

Um 12 Uhr soll in ganz Deutschland eine Gedenkminute gehalten werden. Auch Busse und Bahnen in Berlin wollen kurz innehalten.

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