Lästereien unter Diplomaten: Engländer und Franzosen halten türkische Politiker für naiv

Die Türkei gilt als Vorbild für viele arabische Staaten, doch wie einflussreich ist das Land wirklich? Daniel Dombey von der Financial Times meint: So einflussreich wie seit dem Fall des Osmanischen Reichs nicht mehr - doch ist sie auch nicht so mächtig, wie immer dargestellt wird. Zudem gerät das türkische System zunehmend selbst in Kritik.

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Zwar wird die Türkei immer wieder als Vorbild für die arabischen Staaten gehandelt (mehr hier) , doch stellt sich die Frage, wie groß der Einfluss der Türkei wirklich ist. Auch ist nicht gewiss, welche Ambitionen das Land hat (wirtschaftlich hat ihr der Arabische Frühling genutzt, mehr hier) und ob ihre erweiterte Rolle in der Region nicht nur Möglichkeiten birgt, sondern auch Risiken.

Diese Fragen behandelt Daniel Dombey von der Financial Times, der meint: Noch nie hat die Türkei seit dem Untergang des Osmanischen Reichs vor neun Jahrzehnten eine aktivere Rolle im Nahen Osten gespielt als heute.

Angesichts der wachsenden Spannungen im Irak, den Ländern des arabischen Frühlings und Syrien hat auch US-Außenministerin Hillary Clinton der Türkei das Zepter übergeben und erklärt, sie solle den Weg aus dem problematischen Lage in Syrien weisen. Die „erfolgreiche Demokratie der Türkei“ könne, da ist sie sich mit dem türkischen Außenminister Davutoğlu einig, eine Quelle für „sehr starke Unterstützung“ sein und als starkes Beispiel dienen.

Auch führt die Türkei die internationale Unterstützung der syrischen Oppositionellen an.

Andererseits spielt die Türkei zwar eine wichtige Rolle in der Region, doch „Wir streben nicht danach, wieder eine imperiale Macht zu werden, aber die Geschichte und die Geographie verfolgen uns“, zitiert die Financial Times einen türkischen Beamten. Der bezieht sich auf die Veränderungen in der Region, die dazu führten, dass die Türkei eine starke Rolle in der Region spielt. „Wir verstehen sie besser als andere und mit uns verstehen sie sich besser als mit anderen“.

Gleichzeitig jedoch hatte der stellvertretende Ministerpräsident, Ali Babacan, seine Vision einer gemeinsamen Wirtschaftsregion von Albanien bis Kuweit und von Bahrain bis Marokko vorgestellt, die die Türkei anführen würde.

Die Türkei ist sich bewusst, dass sie ein Vakuum füllt, doch fraglich ist, wie einflussreich das Land wirklich ist. William Hale, Professor für türkische Geschichte, merkt an, dass es nicht gewiss ist, ob Erdoğan es vermag, die Beliebtheit, die ihm entgegengebracht wird, auch aktiv einzusetzen. Tatsächlich stieß der türkische Ministerpräsident bei islamistischen Gruppen in Ägypten auf Ablehnung, als er über die Vorzüge des Säkularismus sprach. Zwar bilden in Tunesien und Marokko islamistische Parteien die Regierung, welche häufig mit der AKP der Türkei verglichen werden, doch sieht die Lage in Libyen anders aus. Dort sind die Institutionen weit weniger entwickelt als in der Türkei, sodass die Türkei dort weit weniger ihren Einfluss geltend machen kann.

Die Türkei pflegt gute Beziehungen zu den Golfstaaten – Saudi Arabien (die Frage ist, ob Saudi Arabien ein Arabischer Frühling bevorsteht, mehr hier), Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate eingeschlossen – doch das nutzt ihr nur bedingt etwas, wenn ihr Verhältnis zu Syrien und dem Irak problematisch ist, zitiert die Financial Times den ehemaligen Diplomaten Özdem Şanberk.

Syrien, so bewertet Dombey die Situation, könne ein Testfall für den Einfluss der Türkei sein. Nachdem es der Türkei nicht gelungen war, die Beziehungen zu Damaskus zu verbessern und Präsident Assad zu Reformen zu bewegen, bemüht sich das „frustrierte Ankara” nun um einen Rücktritt Assads und arrangiert Pressetermine mit der Führung der Freien Syrischen Armee. Außerdem führt die Türkei die sogenannte „Freunde Syriens”- Gruppe an.

Auch die Situation zwischen der Türkei und dem Iran ist angespannt. Eine weitere Anspannung – oder ein israelischer Angriff auf den Iran – könnte der Türkei schaden, die auf das iranische Gas angewiesen ist.

Zurzeit kämpft die Türkei noch alleine darum, in Syrien humanitäre Hilfe zu leisten, derzeit noch mit sehr begrenzten Mitteln. Auch bemüht sich die Türkei noch vergebens, die USA und anderer Verbündete von einem Kompromiss in der Frage des iranischen Nuklearprogramms zu überzeugen. „Französische und englische Diplomaten betrachten die Türkei manchmal nur als diplomatischen Naivling”, so die Financial Times.

Kritiker der Türkei legen der Türkei nahe, sich eher um ein Verhältnis zu Zypern oder zu Armenien zu bemühen, sowie zur EU. Gleichzeitig gerät das türkische System selbst immer weiter in Kritik – über 100 Journalisten sitzen im Gefängnis (auch Human Rights Watch kritisiert die Türkei, mehr hier).

Zwar arbeitet die Türkei an einer neues Verfassung, doch noch ist kein Fortschritt in Aussicht, so Donbey.

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