Türkei: Höchstes Leistungsbilanzdefizit aller G-20 Staaten

Die türkische Wirtschaft wächst im Gegensatz zu China oder Brasilien nicht durch Exporte: Im Januar 2012 übertraf der Import von Waren den Export in der Höhe von sechs Milliarden US-Dollar. Gründe sind die ausufernden Kreditvergaben und die Abhängigkeit von Ölimporten.

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Die Türkei hat das höchste Leistungsbilanzdefizit aller G-20 Staaten. Auch im Januar 2012 lag die Differenz zwischen türkischen Exporten und Importen bei rund 6 Milliarden US-Dollar, sagte die türkische Zentralbank am Dienstag. Das ist ein Rückgang von nur einem halben Prozentpunkt und deutlich weniger, als bisher von türkischer Seite prognostiziert wurde. Die Meldung hat auch den Kurs der Türkischen Lira auf den niedrigsten Stand seit sechs Wochen gedrückt.

Die türkische Regierung hatte sich im Oktober 2011 ein Leistungsbilanzdefizit von 8 % des BIP für 2012 und von 7,5 % für 2013 als Ziel gesetzt. 2011 betrug das Defizit rund 10 % des BIP. „Ein Rückgang auf 8 % kann nicht gerade als große Leistung bezeichnet werden“, sagte Aziz Unan von Renaissance Asset Managers. „Ein nachhaltiges Niveau wäre bei 4 bis 5 %, und das unter der Annahme, dass viel ausländisches Geld in die Türkei fließt und die Wirtschaft weiter wächst.“

Zwei Gründe werden als die Hauptursachen des hohen Leistungsbilanzdefizits gesehen: Die ausufernden Kreditvergaben und die Abhängigkeit von Energieimporten. Die Türken sparen immer weniger und geben immer mehr aus. In den vergangenen sieben Jahren war das Konsumwachstum um 5 % höher als das BIP-Wachstum, sagt die HSBC. Im selben Zeitraum fiel die Sparquote um 7 %. Zwischen 2006 und 2010 wuchsen die Kreditvergaben um jährlich 19 %. 2001 waren 40 % des türkischen BIP-Wachstums bedingt durch das Kreditwachstum, sagt der Finanzblog Seeking Alpha. Und mit diesen Krediten kaufen die Türken importierte Waren (mehr hier).

Der zweite Grund ist die Abhängigkeit der Türkei von der ausländischen Energieversorgung. Die Türkei importiert beinahe den gesamten Energiebedarf und die Kosten für Rohöl sind 2012 schon um 7 % angestiegen. Die steigenden Preise könnten die türkischen Öl- und Gasimporte 2012 auf bis zu 65 Milliarden US-Dollar steigen lassen, sagte der türkische Wirtschaftsminister Zafer Çağlayan Anfang März. 2011 machten Energieimporte 22 % aller türkischen Importe aus.

Experten sehen die Verringerung des Leistungsbilanzdefizits als eine große Herausforderung: „Es bestätigt unsere großen Sorgen über die Lage in der Türkei“, sagte Jens Thellesen von der dänischen Jyske Bank A/S der Nachrichtenagentur Bloomberg. 2002 exportierte die Türkei noch Waren im Wert von 69,20 US-Dollar für jeden Import im Wert von 100 US-Dollar. 2011 lag dieser Wert nur mehr bei 54,90 US-Dollar. Die türkische Wirtschaft wächst – im Gegensatz zu China, Brasilien oder Malaysia – also nicht durch Exporte und kauft Waren aus dem Ausland zu anstatt Waren herzustellen und an andere Länder zu verkaufen.

Eine starke Inlandsnachfrage durch Kreditvergaben kann – wie zum Beispiel in der Vergangenheit in den USA – Wachstum mit sich bringen. Das gilt aber nur, solange auch heimische Produkte konsumiert werden. Und das ist auch ein Problem in der Türkei: „Ist die Türkei wirklich so reich, dass die Leute alle 11 Monate ihr Handy wechseln“, fragte sich selbst Wirtschaftsminister Çağlayan. 2011 hatte die Türkei 14 Millionen Handys importiert „Ich persönlich meine, es ist falsch, ein Produkt zu importieren, das davor schon in der Türkei produziert wurde.“ Trotzdem werde die Regierung weder den Konsumenten vorschreiben, was sie kaufen sollen, noch Importzölle einheben (was nicht ganz stimmt, denn auf Baumwolle wird schon seit Jahren ein Importzoll eingehoben – mehr hier).

In der Zukunft wird die Türkei das heimische Konsumwachstum durch weniger Importe einschränken müssen, um das Leistungsbilanzdefizit zu verringern. Das wird die wirtschaftliche Entwicklung der Türkei insgesamt treffen. Die türkische Regierung fördert Hersteller in wichtigen Sektoren, vermehrt lokale Produktionsmittel einzusetzen, sagt Çağlayan. Die Umsetzung – wie die des „türkischen Autos“ (mehr hier) oder der türkischen Energiewende (mehr hier) – geht aber eher schleppend voran.

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