Zaimoğlu: „Muff unter den Talaren bei den Türken: Wir müssen aufräumen!“

Der Schriftsteller Feridun Zaimoğlu findet die Mittel der Islam- und Migrationsdebatte einfach nur „plump“. Im Interview mit den Deutsch Türkischen Nachrichten spricht er über fehlende Identitätskrisen in seiner Jugend, Lebenslügen und die Ehre der Männer.

Aktuell:Davutoğlu: Bewaffnung der syrischen Opposition ist klares Signal an Assad-Regime +++Erdoğan: „Wir modernisieren die Städte, auch wenn uns das Wählerstimmen kostet“

Deutsch Türkische Nachrichten: Seit Ihrem ersten Buch „Kanak Sprak“ ist viel Zeit vergangen. Wie haben Sie sich entwickelt, haben Sie Ihre Naivität verloren?

Feridun Zaimoğlu: Ich bin immer noch naiv. Die Kinderseele, Gott sei’s gebimmelt, die ist nicht tot. Sonst könnte ich das nicht machen, was ich tue. Wenn ich gefragt werde, wer ich denn sei, wenn ich gewissermaßen zur Selbstverortung gezwungen werde, dann sage ich: Naja, ich bin ein dramatischer Knilch. Ich bin einer, der naiv ist und naiv bleiben möchte. Zynisch kann jeder. Zynisch sein ist keine Tugend. Aber klug böse zu sein oder funkelnd böse zu sein, das ist großartig. Mit Naivität meine ich nicht den so genannten Komplexitätsabbau, wir verblöden alle.

Ich zwinge mich nicht dazu zu verblöden. Ich meine damit, und darauf zielt ihre Frage hin, dass ich heute genauso naiv bin wie im Anfang – Aber erfahrungsgesättigter, natürlich nach 1017 Lesungen in 17 Jahren habe ich einen Erfahrungswert. Das, was ich jetzt sage, darüber mache ich mir keine Gedanken. Ich schreibe meine Bücher, ich zeichne, sonst würde ich mich ja hemmen, sonst würde ich mich ja blockieren. Ich bin immer noch so naiv wie im Anfang. Das soll’s geben.

Haben sich Ihre Absichten geändert? Als Sie Geschichten aus dem Migrantenmilieu erzählt haben, wollten Sie damit etwas Bestimmtes sagen?

Ich habe nicht aus einem Migrantenmilieu berichtet. Ich habe eine deutsche Szene sichtbar gemacht und ich habe darauf hingewiesen, dass es keine Indianer im Reservat sind. Sie werden dazu gemacht und sie machen sich selbst dazu. Ich habe extreme Fälle geschildert, denn der Wille zum Kleinbürgertum ist bei den Türken immer noch ungebrochen. Erste, zweite, dritte Generation: Die wollen komischerweise alle Kleinbürger werden. Viel Spaß dabei. Deshalb kriegen sie ihren Arsch nicht hoch – die meisten.

Es wäre schlecht, wenn man nicht vom Fleck wegkommt. Die Themen ändern sich, ich kriege manchmal auch völlig zu Recht Prügel. Bei Gegenrede blühe ich auf. Ich will keine Bestätigung, ich will Geschichten erzählen, ich will aber auch nicht Mutti- und Papi-Geschichten erzählen.

Es scheint wohl so zu sein, dass ich keine kalten Bücher schreiben kann. Insofern hat sich nichts geändert, aber die Themen, ja. Das hat nichts damit zu tun, dass ich mir das überlege, sondern ich muss eingestimmt sein auf eine Geschichte. Eine Geschichte; Zwei Jahre dauert das mit Recherche und allem drum und dran. Bis ein Buch fertig ist, da muss ich schon überzeugt sein. Davon überzeugt sein, das Buch zu schreiben und das auf der langen Strecke auszuhalten.

Zurück zu den türkischen Kleinbürgern. Kanak Sprak ist ja eine Momentaufnahme einer Kultur, die auch irgendwo als Gegenkultur dargestellt wird.

Die wurde verbürgerlicht?

Nein, da waren keine fremden Einflüsse. Manche wurden aufgesogen und wurden zu Familienvätern, bekamen Haarausfall, Türkenwampe und waren glücklich. Man guckt sie sich an und denkt: Junge, als böses Tier hast du mir aber besser gefallen. Jetzt watschelst du hinter deiner dicken Tante daher und damals hast du mir erzählt: Ich will unbedingt ’ne Türkin heiraten. Du hast deine Türkin geheiratet. Ihr beide seht jetzt aus wie Monster der Moderne. Das ist kein toller Anblick. Sie wurden so aufgesogen. Das war ihr Plan: Toll, herzlichen Glückwunsch. Andere sind erschossen, erdolcht worden, erschlagen…

Also Opfer des beschriebenen Milieus?

Genau. Da würde sich der Familienvater, den ich vorhin beschrieben habe, umdrehen und sagen: Ach, mich beschimpfst du hier? Sind das deine Freunde? Hier guck mal, was aus denen wird. Dann würde ich sagen: Ja, stimmt. Das ist aber noch lange kein Grund. Nimm mal zehn Kilo ab, du Sack. Andere wurden ausgewiesen, andere landeten im Knast, sind rausgekommen und haben es immer noch nicht geschafft und wiederum andere haben gesehen, dass es nicht darum geht, um diese beiden Sachen Anpassung oder Nicht-Anpassung, sondern sie müssen sich selbst schützen.

Denn das, was sie im Kopf haben, ist zu gefährlich. Gefährlich im Sinne von das verträgt sich nicht mit dem, was da draußen ist. Also müssen sie mal ein bisschen zurücktreten und ein bisschen kürzertreten – einfach aus Gründen der Gesundheit an Leib und Geist, sind einige auch ausgestiegen, woraus auch immer.

Was ist denn übrig geblieben?

Luft, die der Wind verwirbelte. Das ist ja das Großartige daran. Kanak Sprak – ich fand es damals toll und finde es heute toll. Ich liebe Eintagsfliegen. Es ist ein flirrendes Moment gewesen und dann weg.

Natürlich, das war von Anfang an klar. Es ist ja nicht so, dass ich da einen Verein gründen wollte. Die Szene hat es kurz mal gegeben. Bzw. ich warf einen Blick darauf hier in Kiel. Ich sah in Berlin, in München, in Köln ähnliche Verhältnisse, bestimmte Szenen unter den Deutsch-Türken und schrieb. Davor hatte ich nie so viel geschrieben.

Waren Sie selbst auch Teil dieser Szene?

Jetzt kommen wir mal zu mir, da sehen Sie, wie hart ich mit mir ins Gericht gehe. Ich war ein Nichts, ich war ein Stück Fetzen im Wind. Ich war zu blöd, um überhaupt mit einer Frau zu sprechen. Ich war betäubt, ich war eingenebelt. Ich hatte keine Ahnung, weniger als heute. Ich bezeichne mich deswegen als Prolet, weil ich auch vulgär war. Vulgär im Sinne von: Wo darf es, wo muss es hingehen zur Feinheit. Mit Feinheit meine ich nicht Tischsitten oder, dass man Standardtänze beherrscht. Wo keine Feinheit ist, da ist Grobheit. Und wo Grobheit ist, da ist Missstand, ist Blödsinn. Ich war damals nicht nur nicht-fein. Ich war ein grober Idiot. Ein Idiot ohne Wissen um mich selbst. Was ich aber gesehen habe ist; Ich habe mich gewundert, Deutsche, Türken, türkisch-deutsch, deutsch-türkisch, dann dachte ich: Schäm‘ dich. Da wird erzählt, Identitätskrise.

Ich hatte keine einzige Identitätskrise in meinem Leben. Bin ich bekloppt? Die Frage konnte ich mit einem klaren Ja beantworten. Aber die müssen doch auch bekloppt sein. Diese Zerrissenheit, dieses Zerrissenheits-Dogma. Ich sah eher das Diktat. Ich sah eher die Verhältnisse. Die Diktatur der Verhältnisse. Ich sah Körper schmelzen.

Ich sah Körper umfallen. Ich sah verwundete Körper. Ich war Teil der Szene, ja, einer bestimmten Szene. Ich hab mich auch geschlagen, deswegen Prolet. Ich hab mich auch geprügelt. Für nichts und aber nichts. Für den letzten Blödsinn. Da war dann irgendwann Schluss. Leider nicht so schnell, wie es gut gewesen wäre für mich.

Ich hab meine Zeit vertrödelt. Ich meine, sich nachts zu schlagen, sich zu prügeln und am nächsten Tag dann aufm Blatt zu zeichnen, da hat sich natürlich – würden dann die Kenner sagen – das schizoide Moment des kommenden Schreibers manifestiert.

Zurück zu den beschriebenen Milieus. Die haben sich aufgelöst. Jetzt sind Sie ja in keinem Milieu, sondern ein deutscher Schriftsteller, der zufällig auch türkische Wurzeln hat. Wie würden Sie aus dieser distanzierten Sicht sagen: Wo haben sich die deutsch-türkischen Milieus hin entwickelt? Kann da für die deutsche Kultur noch ein Stück Belebung kommen?

Nein. Weil, die Türkischstämmigen und die Kurdischstämmigen müssen mal vor der eigenen Haustüre kehren. Sie müssen ihren eigenen Blödsinn loswerden. Sie müssen aufhören, mit den Lebenslügen. Man kann den Körper nicht verarschen. Krankheitssymptome, so genannte Migranten-Krankheiten, Magenschleimverätzung, Nacken, Rücken, Migräne, Impotenz, diese ganzen Typen, die da den Macker machen: bei Nutten können sie – einige – aber wenn sie es mit einer, mit Verlaub, wirklichen Frau zu tun haben, dann kriegen sie Arschbluten oder was.

Jede Idee ist eine Blase, die schön aufsteigt, deswegen bin ich dankbar, dass ich Medizin studiert habe. Ich hatte diese Fälle. Zu Dutzenden sind sie gekommen und das ist nicht schön. Es gibt eine Dunkelziffer der Misshandlungen, der Vergewaltigungen. Es gibt Übergriffe. Es gibt Schläge. Es gibt Grobheiten. Es gibt eine repressive Sexualmoral. Frauen sollen Jungfrauen bleiben und wie ist es mit den Jungs, bitteschön? Die ficken rum, damit sie sich irgendwann mal brüsten können, dass sie ne Jungfrau geheiratet haben?

Das kann man mir glauben oder nicht, ich hatte eine sehr strenge Erziehung, meine Schwester auch, und ich kämpfe jeden Tag damit. Also bevor man überhaupt von einer Bereicherung der Ankunftskultur spricht, muss man sich von Lebenslügen trennen. Es hört ja nicht auf. Man trennt sich von einer und dann von der nächsten, und dann von der nächsten. Deshalb Kleinbürgertum. Muff unter den Talaren bei den Türken. Man muss mit diesem Dreck aufräumen. Es ist Dreck. Die Ehre der Männer ist Dreck.

Komischerweise – immer wenn von der Ehre der Männer die Rede ist, werden Frauen verletzt, müssen Frauen bluten. Es gibt kein Türkenproblem. Es gibt ein Männerproblem. Die Jungs haben ein Problem. Die Jungs haben ein großes Problem. Die reißen hier das Maul auf und dann erzählen sie von Respekt. Sie kriegen keinen Respekt.

Völlig zu Recht. Wer so dumm aus der Wäsche guckt, man kann den Leuten ja von den Augen ablesen, ob sie melancholisch oder blöd sind – wer so blöd aus der Wäsche guckt und sich dann auch noch dahin stellt und sagt: Digger ich will Respekt, der kriegt höchstens eins aufs Maul und nen Arschtritt und soll mal schön abhauen und als Ziegentreiber Karriere machen. Das sind Purzel des Schicksals. Das sind kleine Kläffer.

Ich habe jahrelang viel zu viel kaputt gemachte Frauen und Mädchen gesehen, türkischstämmig, bosnischstämmig, kurdischstämmig und und und gesehen als dass ich was geben würde auf Illusionen oder auf dieses klassische Gerede oder Gelaber „Hier die Türken, hier die Deutschen“.

Was können wir voneinander lernen? Solange die Knilche nicht so ein kaputtes Männlichkeitsverständnis haben, solange kann nicht nur die deutsche Gesellschaft, sondern nicht eine einzige Gesellschaft auf Gottes Erden von diesen Purzeln des Schicksals was lernen. Und dann epillieren sie sich die Brusthaare, die Idioten.

Aber wie soll innerhalb der türkischen….

Raus, raus aus dem Türkischen … raus aus diesem… Ich bin gläubig, aber ich hasse die Religion. Raus aus diesem Dorf-Islam. Das ist kein Islam. Raus da, das ist Aberglaube.

Aber wer soll ihnen das sagen? Es muss ja eine Elite da sein…

Brauchen Sie einen Kälberstrick? Wieso kriegen sie ihren Arsch nicht hoch? Das sind Kälber. Wenn sie sozusagen auf einen warten, der ihnen einen Strick um den Hals wickelt und sie dann herumführt, das wird doch nichts. Und wenn es was wird, brauchen sie sich nicht zu wundern, dass man sie als Kälber bezeichnet. Aber es ist doch immer die Produktion und Reproduktion derselben Scheiße. Egal, wo man hinguckt, was ist denn das für eine Unkultur, in der sich die Verwandten oder der Junge wegen der Angeberkultur für die Hochzeitsfeier verschuldet, damit sie schön angeben können vor den anderen Bauern. Dann wird Gold angesteckt … dann versetzen sie das Gold…glückliche Ehepaare sehen anders aus. Man muss sie nach zwei, drei Jahren sehen. Wenn eine Familie für Aufzucht und Hege der Brut da ist. Die heiraten doch nur, um dann damit anzugeben, dass sie Kinder haben. Und Kindererziehung? NULL. Bäh. Was ist denn das? Frauenbild? Katastrophal!

Die Frauen sind damit beschäftigt ihre Haare so oft zu färben, bis sie aussehen wie Hexen. Die Frauen sind damit beschäftigt über das Kleine, Niedere zu reden. Aber das Reden über Verbrechen der Männer ist ein Größeres, aber egal, wo man hin guckt, wenn sie zusammenglucken, in der Community, fand nicht statt, findet nicht statt, wird nicht stattfinden.

Null! Also, raus da! Jeder, der ein bisschen Hirn statt Grütze im Kopf hat, wird sich das angucken und sagen, da stimmt fast gar nichts. Und dann erzählen die: Ach, aber wir sind doch so heiß und wir sind doch so temperamentvoll. Ihr seid Heuchler. Ihr lächelt den Leuten ins Gesicht. Kaum geht diese Person aus dem Raum, fangen die an zu lästern. Was? Welche Kultur wollen sie mir bitteschön verkaufen? Und dann? Sagt man das, heißt es, das sei zu harte Kritik.

Entweder nennt man das Kind beim Namen oder sagt: Ja, also hmm, ich hab türkische Freunde oder deutsche Freunde .. ich war in der Türkei … und die sind so gastfreundlich. Einen Scheiß sind sie. Also das ist doch nicht zu fassen, worüber man redet. Mich hat es geheilt, meine eigene Idiotie auch vor Augen geführt zu bekommen, als ich da reihenweise dutzende und aberdutzende jener Leute untersucht habe, mit ihnen gesprochen habe, die Opfer ihrer eigenen Kultur sind – nicht der deutschen Kultur. Sie sollen froh sein – ich sage das als einer, der aus der Unterschicht kommt, der auch ein Arbeiter-Bauernkind ist – sie sollen ob der Freiheiten in diesem Land froh sein. Maul halten, es besser machen. Wenn sie es nicht besser machen, Maul halten, Ziegentreiben.

Wer soll die Veränderung herbeiführen?

Raus. Sie sollen aus dieser Szene rausgehen. Es ist immer eine Frage der Feigheit.

Aber wie kann der Prolet, der nichts anderes kennt als den Kälberstrick, wer treibt den raus?

Die meisten sehen die Missstände. Sie machen weiter, weil Mustafa ein Muttersöhnchen ist und Mustafas Mutti verhätschelt ihn. Die größte Stütze des Patricharchats ist die Frau als Mutter. Diese kleinen Idioten-Paschas da, die zu blöd sind und deswegen lallen oder brüllen oder so feige sind, dass sie nur als Rotte zu zehnt oder zu fünfzehnt auf Schwache losgehen. Also, das ist ein anderes Kapitel. Mir fallen immer mehr Beispiele ein. Der Künstler – Vorbildfunktion? Da lach ich doch! Wo in der deutschen Gesellschaft? Arzt? Ich könnte da auch rausgehen und dann den Deutschstämmigen predigen, ihr habt es nicht geschafft, weil hier sind zu wenige Ärzte, zu wenige … das ist ja lächerlich, Man nimmt einen Filmemacher, einen Schreiber, einen Anwalt, einen Arzt, präsentiert die Schießbudenfiguren, Fußballer und – jeder kann es schaffen. Schon mal sehr falsch.

Nein, in den letzten 15 Jahren in dieser kapitalistischen Gesellschaft wird das Geld von unten nach oben geschafft. Nicht jeder schafft es, die meisten bleiben liegen, das stimmt nicht. Erste Lüge. Zweite Lüge. Fast jeder hat ein Gefühl – es gibt die besonders Blöden, die sind dann halt Futter – aber wer sich unter die Kleie mischt, darf sich nicht wundern, dass er von Kühen gerupft wird. So einfach ist das. Und wenn diese Leute wegen der Vergünstigungen, wegen des Lobs und wegen der Vorteile, die es nach sich zieht, Nestwärme und Glühen in dieser Community…

Wer darauf was setzt und weiterhin da bleibt, kann es selten weit bringen. Ich kenne großartige Leute, die ihre Eltern lieben, die immer wieder hingehen und sie besuchen, die aber rechtzeitig abgehauen sind. Abgehauen im Sinne von: Sich das angeguckt und gesagt haben: Eure kleinbürgerliche Welt kann mich am Arsch lecken. Das haben sie vielleicht nicht in diesen brutalen Worten gesagt, aber sie haben das für sich entschieden.

Ich würde die Leistung dieser hunderter und aberhunderter von Menschen nicht würdigen, wenn ich denn sagte, naja, es braucht Leute mit einem Kälberstrick, die diese Kälber aus der Herde rausziehen. Die meisten wissen es. Sie bleiben trotzdem drin. Und dann? Ich bitte jeden, der rumquatscht, herzlich darum, genau hinzusehen und erstmal mit den eigenen Lebenslügen zu brechen und zum zweiten auch die Lügen der so genannten Aufnahmegesellschaft – man ist ja kein Migrant mehr – auch ihnen keinen Glauben zu schenken. Also, lernt Deutsch und die Fee erfüllt euch drei Wünsche. Ist doch Papperlapapp. Die Ökonomie diktiert das Eigentliche. Aber wenn du nicht mal die Hauptschule geschafft hast, Hasan oder Ayse, wenn du schon mit zehn Jahren davon träumst zu heiraten und dich danach wunderst, dass dein Osman dich einsperrt, na dann guten Morgen, Mädchen.

Junge, Knabe, wenn du die Hauptschule nicht geschafft hast und sagst, ich geh malochen. Klar, natürlich, aber wundere dich nicht, dass du nur für bestimmte Arbeiten in Frage kommst und für sehr viele auch nicht und zwar für den Rest deines Lebens. Man muss kämpfen. Man muss aufhören zu lügen, sich selbst zu belügen. Mit einem Auge zu und mit einem Auge so blinzelnd durch die Gegend, da läuft man gegen jeden zweiten Laternenmast.

Glauben Sie, dass die Frauen den Aufstand proben sollten? Es ist ja schon festzustellen, dass viele Frauen gerade auf dem Bildungsweg sehr erfolgreich sind. Sollten die den Paschas nicht irgendwann geschlossen den Thron vor die Tür stellen? Ist so etwas denkbar?

Ich bin ein Kerl und um Gottes Willen, ich werde einen Teufel tun. Die Frauen kriegen ja immer wieder gesagt: Sie sollen das tun, sie sollen jenes tun. Als Kerl habe ich den Frauen überhaupt nichts vorzugeben. Da halte ich mich raus. Schön den Mund halten. Aber es geschieht ja. Es ist ja Alltag. Es gibt die Revolte, den Aufstand – naja, ich glaube nicht daran. Ich glaube an die geringe Abweichung. Denn sonst endet das katastrophal. Und was die Frauen, die über ihr eigenes Leben bestimmen, machen und was nicht, das sehen sie schon sehr klar. Es reicht ja auch schon diese Knaller da ihrem eigenen Elend zu überlassen.

Was würden sie den Deutschen sagen? Vor dem Hintergrund, den sie jetzt schildern, sagen sie ja Integrationspolitik ist überflüssig, weil eigentlich nur die Defizite innerhalb der Türken selbst aufgearbeitet…

Ist nicht überflüssig. Es ist ja eine eingewanderte Unterschicht. Ich verweise auf die einheimische Unterschicht. Da wird man ähnliche Verhältnisse vorfinden.

Die sind aber auch nicht integriert…

Man redet selbstverständlich von den Mamelucken und vergisst die eigenen Mamelucken. Es bleibt weiterhin wahr: man kritisiert, damit die eigentliche Ungerechtigkeit, die ökonomische, völlig vertuscht wird. Deswegen entdecken sie ja immer den Lieblingsausländer. Mal der Asylant, dann hieß es das Boot ist voll, mal die Jugendlichen, dann hieß es gefährlich fremd. Jetzt ist der Muselmane dran. Dann ist er sozusagen derjenige, der die hiesige Kultur verätzt. Ein Witz ist das. Nur um nicht sagen zu müssen: Liebe deutsche Bevölkerung, 90 Prozent ist überflüssig.

Es ist so, wir leben in diesem System. Ihr werdet benutzt und dann wieder weggeworfen. Deshalb stellt sich auch der Arbeitgeberverbandschef immer hin und – für viele immer ein Rätsel – ist ausländerfreundlich und sagt, wir brauchen mehr Zuzug. Was für ein Arsch. Natürlich wird er das sagen, weil er billige Kanaken braucht. Der billige Kanake kann Hans Meiser heißen, Piere Piotr heißen, kann Mustafa Akbak heißen. Damit er hier vor Ort vor den Arbeitsnebenkosten drückt, ist er natürlich voll dafür. Natürlich ist er deshalb nicht ein Ausländerfreund.

Dann gibt es die üblichen Verdächtigen, die sich hinstellen und sagen:
Vielfalt statt Einfalt – was für Idioten. Dem muss man sofort eine Maulschelle verpassen und mit einem Arschtritt davonjagen. Cocktailparty-Liebchen sind das. Das sind ausgerechnet Großbürgerliche, Großverdiener, die brüllen Vielfalt statt Einfalt. Das ist doch Blödsinn. Wenn man mal darüber nachdenkt, labern sie doch nur. Natürlich können sie dann nach Italien reisen, natürlich fahren sie dann mal nach Paris, sind auf Sylt, dann essen sie beim Italiener in Hamburg und in Berlin kaufen sie dann Akne-Jeans für 240 Euro. Und dann sagen sie Vielfalt statt Einfalt. Das heißt jene, die arm dran sind im Leben werden schon wieder verhöhnt von ausgerechnet denjenigen, die sich als besonders weltoffen zeigen.

Wir brauchen keine Weltoffenheit. Weltoffenheit ist Blödsinn. Ich bin auch kein Cosmopolit. Wir brauchen Leute, die genau hinschauen. Was sind denn die deutschen Verhältnisse? Ich entdecke sehr viele Lügen. Fast hätte ich gesagt auf beiden Seiten. Aber es gibt nicht diese beiden Seiten. Es gibt nur das Diktat der Ökonomie. Und dann sagt der eine: Ja, der Türke in meiner Nachbarschaft, der grüßt so schön. Das ist ja fein, dass er schön grüßt. Nur, was habe ich davon? Was soll mir das jetzt sagen? Toll? Was soll ich dazu sagen? Nichts. Es wird nicht besser werden. Der stille Ausstieg aus dem stumpfen Kollektiv gelingt den Frauen. Deshalb war ich so frei zu sagen, zur künftigen deutschen Elite werden gläubige Musliminnen und Alevitinnen gehören. Das sehe ich ganz deutlich. Jetzt schon.

Warum ausgerechnet die beiden? Und warum mit dieser Differenzierung?

Weil man ja beide nicht zusammenbringen möchte. Es ist ja so, ich habe schon sehr oft Bezug darauf genommen habe. Man denunziert gläubige Frauen mit oder ohne Schamtuch – man nennt sie Kopftuch-Ayses. Die Kopftuch-Ayses sind natürlich Fingerpuppen der Männer, sind blöde und so weiter und so fort. Als Kronzeugen werden großbürgerlich gestimmte Parade-Feministinnen herangekarrt und dann sagt man: Schaut hin, kritische Musliminnen. Wenn man genau hinhört, dann sind es Atheistinnen. Sie glauben nicht. Dann sollen sie es aber auch so benennen. Die haben nichts mehr mit dem Islam zu tun.

Und als Gegenbeispiel für gelungene Integration zeigt man auf die Alevitinnen, auf Frauen, die dann toll in der Disco tanzen. So plump ist das. So plump machen sie’s. Die dann Wein trinken. Ach seht her, ein Zivilisationsmoment. Mit diesen plumpen Mustern wird in der Islamdebatte und in der Migrationsdebatte operiert. Ich verweise auf die beiden, weil sie sind ja erstmal ein Gegensatzpaar sind. Auf Grund dieser vielen Begegnungen in Zusammenhang mit meinen Reisen durch ganz Deutschland, aber auch auf Grund der Erfahrung davor, habe ich gesehen, dass die durchziehen. Diese heißen Frauen ziehen durch. Was mich natürlich sehr freut. Ich habe eine Schwester, die hat mit diesem Dorf-Türken-Klimbim nichts zu tun. Hat es früh erkannt. Keine Lust irgendeinen komplexbeladenen Knallkopf Husseyin aufzupäppeln. Nix. Und sie ist eine gesunde Frau, die mit einem gesunden Menschenverstand gesegnet ist. Ich weiß, es klingt sehr hart, was ich sage. Aber das ist die Kraft der Empirie. Es macht einen nicht glücklich all diese ganzen geschundenen Körper und diese versehrten Seelen zu sehen, die – zynisch gesagt – Ausschussware dieses stumpfen Kollektivs sind. Aber ich habe das gesehen. Und deswegen – von Vergewaltigungen und Kindesmissbrauch mal ganz zu schweigen – aber sie sollen mir nicht mit der Reinheit kommen.
Sie nicht.

Was würden Sie dem Innenminister zum Thema Integration sagen wollen?

Kenntnis macht sicher. Unwissenheit macht unsicher. Ich würde dem Innenminister mal wirklich nahelegen, bevor er überhaupt einen Satz sagt, sich so etwas wie einen Hauch einer Ahnung anzueignen. Es ist ja fassungslos, die Ahnungslosigkeit dieses Mannes. Es ist ja nicht zu fassen und dafür aber trötet er ziemlich. Also habe ich auch keine Lust auf eine Tröte…

Ist das nicht auch ein Stück weit – wenn man es mal von der Person abstrahiert – ein Symptom der Fassungslosigkeit der Gesellschaft gegenüber dem ganzen Thema? Tut sich nicht die ganze Gesellschaft mit dem Thema schwer?

Die tut sich nicht schwer. Es ist nur so: man kann es nicht mehr hören.
Das liegt aber nicht an dem Unwillen der Menschen, sondern weil man das Thema totgeritten hat und es immer und immer wieder falsch angepackt hat. Wenn man sich die öffentlichen Dispute mal anguckt, sieht man, es wird ein totes Pferd geritten, immer und immer wieder. Ich glaube, da draußen sind wirklich sehr viele Menschen, die mit einem gesunden Menschenverstand gesegnet sind. Nur die lassen sich auch nicht für blöd verkaufen. Die haben einfach auf dieses leidige Thema keine Lust, zumal außer Erhitzung nichts dabei rumkommt. Schuldzuweisungen, gut, böse, großer Disput – nix. Und das als öde, ja in Verruf gekommene deutsche Modell auf der Kommunalebene funktioniert.

Wir sprechen von Defiziten. Aber es gibt ja auch vieles, was funktioniert. Was musste ich mich als Idiot oder als Provinzdepp beschimpfen lassen, weil ich nicht einsehen wollte, dass in Frankreich, in den USA und in den skandinavischen Ländern alles so viel besser ist als in Deutschland. Ich habe dann immer widersprochen mit dem Hinweis auf Erfahrung und darauf: bitte reist. 800 dieser besagten 1017 Lesungen habe ich in Kleinstädten gemacht. Und vieles funktioniert. Es gibt Probleme. Wo mehr als drei Menschen leben, gibt es Probleme.

Das ist der Grund, warum die Leute sich abwenden, weil Migration immer in Zusammenhang mit Defiziten, mit Missstand, mit Skandalisierung besprochen wurde. Irgendwann haben die Leute die Schnauze voll. Man sagt: nichts funktioniert. Aber das, was funktioniert, kann man in den Kleinstädten sehen. Die so genannten integrierenden Maßnahmen, dass man sich schon im Vorschulalter um die Kinder kümmert, das man zu den Eltern auch hingeht und sagt so und so, bitte, bitte, bitte. Und wenn das nicht hilft, dann Druck. Das macht man auf der kommunalen Ebene und das funktioniert. Da gibt es wirklich großartige Beispiele. Nicht jeder soll doch Schreiber oder Anwalt werden. KFZ-Mechaniker tut’s doch auch. Aber den Eindruck habe ich nicht in diesen Kleinstädten gewonne. Die Leute, die ich da sah, hatten Wasser in den Augen. Das waren keine deprimierten Leute. Die haben erzählt, von Kindesbeinen an wurden sie rangenommen. Nicht gefördert oder heiteitei Hasan, du hast ja so tolle Ölaugen, sondern: Ne, das machst du. Punkt. Ich bin für Deutschpflicht in den Schulen, unbedingt. Wer das als Zwangs-Germanisierung sieht, dem wünsche ich viel Spaß in seiner Villa in der Toskana.

Man, habe ich gepredigt, oder?

Interview: Dr. Michael Maier, Merve Durmus  Mitarbeit: Nicole Oppelt

Kommentare

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.