Zaimoğlu: Weg vom archaischen Dorf-Islam!

Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu hat im Präpariersaal der Medizin zum Glauben gefunden. Das kann alles kein Zufall sein, glaubt er. Doch er distanziert sich vom "klerikal verseuchten" Glauben, den Dogmen und dem Dorf-Islam, so Zaimoglu im Gespräch mit den Deutsch Türkischen Nachrichten.

Deutsch Türkische Nachrichten: Spielt Religion in Ihrem Leben eine Rolle?

Feridun Zaimoğlu: Eine andere Frage als Erklärung: Was machen Priester? Sie erklären sich für unentbehrlich. Es sind Interpreten des Glaubens, des allein seligmachenden Glaubens. Das heißt, es sind Technokraten des Glaubens. Sie schieben sich zwischen den Herrn und den Gläubigen und ehe man sich versieht, gibt es keinen direkten Weg zu ihm, sondern nur über diesen Pfaffen. Der Pfaffe, die hohen Priester sind gewissermaßen diejenigen, die unbedingt aus einem unsauberen, aus einem glühenden, wüsten Glauben eine menschen-, Frauen- und lebensfeindliche Religion machen. Das gilt für alle monothestischen wie für alle polytheistischen Religionen.

Also, ich habe nicht den Eindruck, dass der Dalai Lama eine Frau ist. Und all diese ganzen Spinner, die ihm dann immer zujubeln, vergessen ja, dass in Tibet, bevor die bösen Chinesen kamen, eine brutale, klerikale Militärdiktatur geherrscht hat. Also Ausbeutung ohne Gnade. Das heißt, wo Pfaffen sind, gibt es keinen Glauben. Nein. In dieser Ausschließlichkeit. Wenn man mich fragt: Klar, bin ich Moslem. Klar, glaube ich an einen Gott. Klar, glaube ich nicht, dass das mit dem Tod alles vorbei ist, dass die Bösen einfach so davonkommen.

Ich habe komischerweise zum Glauben gefunden im Präpariersaal der Medizin. Wer sich das alles anguckt, auf makroskopischer und mikroskopischer Ebene, Fleisch, Sehnen, Knochen, mit Architektur beschäftigt, mit der Körperarchitektur und sich dann auch noch hinstellt und sagt, das sei alles Zufall – das ist sehr unwahrscheinlich. Es ist zum Ausflippen, was man da sieht. Wir wissen ja das Wenigste.

Allein schon, wenn man sich den Unterarm anguckt, Muskel, Ursprung, Ansatz, wie viele Muskeln, das Zusammenspiel der Muskeln, ich komme ins Stottern. Ich konnte es nicht fassen. Wer Zufall sagt, ist ein Trottel. Oder er ist ein Agnostiker – möchte sich damit nicht so auseinandersetzen. Das ist auch völlig in Ordnung. Man muss ja nicht gleich zum glühenden Fanatiker werden.

Aber ich bin für den klaren Glauben. Wenn ich Glaube sage, dann meine ich nicht den klerikal verseuchten, ich meine nicht den archaischen Dorf-Islam, ich meine damit nicht Dogmen, ich meine, dass all diese ganzen Propheten gute Menschen waren und dass sie geboren sind und alle gestorben sind. Alles andere sind Legenden. Es gibt einen Gott, daran glaube ich. Es gibt Himmel und Hölle, daran glaube ich. Es gibt viel Gift, wo Religion ist. Für das menschliche Zusammenspiel je weniger Religion, desto besser. Ein Hoch auf die Wissenschaft – aber auf die undogmatische, unideologische.

Wenn Sie sagen Dorf-Islam, gibt es dann auch einen Stadt-Islam? Einen aufgeklärten Islam?

Aufgeklärt? Da sind wir wieder mitten in diesem Disput. Ich würde einfach sagen: natürlich gibt es ihn. Fernab all dieser ganzen Vereine und Verbände und diese ganzen öffentlichen Dispute. Niemand drängt sich. In allen monotheistischen Religionen und Glaubensrichtungen ist – wie ich finde – der richtige Glaube der, der zulässt, dass sich keiner zwischen Gott und den Gläubigen stellt. Das finde ich einen gesunden Anlass. Es ist jedermanns Privatsache. Da hat sich keiner einzumischen. Da hat auch keiner anzuleiten, indem er sich entweder einen langen Bart stehen lässt oder ein Käppi auf den Kopf oder die segnende Hand streckt. Ich habe mich ja seit 30 Jahren mit dem Christentum befasst und befasse mich immer noch damit. Ich könnte da jetzt einen religions-geschichtlichen Abriss von den Anfängen bis zu den heutigen Gebilden liefern. Aber das ist ja nicht das Ziel.

Wenn Sie über die Türken hier in Deutschland sprechen, dann spürt man ja schon eine gewisse Wut. Stört das Ihr Verhältnis zur Türkei?

Null. Es ist das wunderschöne Land meiner wunderbaren Eltern. Ich feiere das ab, wenn ich dort bin. Ich lasse nichts auf Deutschland kommen und auf ihn auch nichts. So böse krank, ist das geil. Und ich lasse nichts auf die Türkei kommen. Es ist ihr Land, es ist ihre Heimat. Es ist wunderbar, ich sehe meine Verwandten und ich sehe sie, wenn ich dort bin. Ich sehe schöne Menschen. Ich komme immer mit zwei Tüten Gedichtbänden. Ich halte türkische Poesie für Weltliteratur, türkische Prosa für zweitklassig. Deshalb komme ich mit zwei Tüten voll mit Gedichtbänden. Ich feiere das auch ab. Ich fühle mich überhaupt nicht fremd. Weder hier noch dort.

Alljenen, denen das auf der Zunge liegt, wenn sie das lesen… ah, der Mann ist ein Überassimilierter oder vor Selbsthass kann er nachts nicht schlafen… Ich muss sie enttäuschen. Empirie ist auch befreiend. Wenn man weiß, dass der Kaiser nackt ist, und man sich nicht verarschen lässt, gibt es aber sehr viele toll angezogene Leute. Auf die guck ich. Türkei ist prächtig, deshalb liebe ich auch diese Land. Ich liebe mein Land Deutschland. Darauf lasse ich auch nichts kommen. Deshalb sagen einige ich sei ein deutschnationaler Multikulturalist.

Würden Sie sich selbst auch so nennen?

Nein. Aber ich bin deutscher Patriot. Ich liebe dieses Land. Das ist mein Land. Ich weiß ja, wann mein Herz bebt.

Bebt Ihr Herz auch bei türkischen Themen? Oder sind Sie da eher distanziert?

Überhaupt nicht, das ist ja das Gute. Wenn getanzt wird, wenn die Musik erschallt oder wenn ich Gedichte höre, oder wenn ich schöne Menschen, die unnahbar Türkisch sprechen höre – ich kann das ja leider nicht – herrlich. Ich kann es nicht so gut wie Deutsch. Ich habe vieles verlernt. Natürlich bebt das Herz. Die feinen Leserinnen und Leser können es mir abnehmen oder nicht.

Man muss doch nicht etwas niedermachen, um das Eigene, zu dem man geworden ist, zu loben. Es ist ein großer Segen, dass ich türkische Eltern habe. Meine Eltern sind Heimatvertriebene, deren Eltern kommen aus dem Kaukasus, vertrieben von Stalin und sie sind stolze Türken. Es sind türkische Patrioten. Sie lieben das Land und sie lassen nichts darauf kommen. Und sie wussten – darauf verweise ich auch immer wieder – bei meiner Schwester und mir haben sie immer gesagt: ihr seid künftige Deutsche. Das ist doch tolle Arbeitermoral. Klare Kante, kein Geschwurbel hier.

Was Zaimoğlu zu den türkischen Jungs und ihrem Verhältnis zu Frauen sagt – hier.

Interview: Michael Maier, Merve Durmus   Mitarbeit: Nicole Oppelt

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