Betin Güneş: „Erst wenn in jedem Haus ein Klavier steht, wird man uns respektieren“

Mit fünf Jahren habe man ein absolutes Gehör bei ihm festgestellt. Mit bislang 16 Symphonien sei er so produktiv gewesen wie kaum ein Musiker vor ihm. Dennoch: Betin Güneş weiß um die Probleme der Deutsch Türken und glaubt an die einigende Kraft der Musik.

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Dass Betin Güneş in seiner Selbstdarstellung bescheiden ist, würden wohl die wenigsten sagen. Doch nur wenige würden leugnen, dass es eine große Freude ist, dem temperamentvollen Mann mit strengen Gesichtszügen, doch umso wärmeren Augen zuzuhören, wenn er von seiner größten Leidenschaft, der Musik erzählt.

„Große Komponisten sterben nach der Neunten“ pflegt er scherzend zu sagen und ist sich wohl bewusst, dass ein Vergleich mit Beethoven zwar gewagt, doch durchaus nicht unberechtigt ist. „Man sieht mich in einer Linie mit Schuman und Schubert. In Deutschland hat man mich vorgestellt als den Nachfolger Dvoraks“, erinnert sich Güneş an seine ersten Kritiken in Deutschland.

Das war in den 1980er Jahren. Damals war er als junger Musikstudent nach Köln gekommen. Mittlerweile ist der Rhein seine zweite Heimat geworden. Neben dem Bosporus, wie er immer wieder betont. Den, wie er sagt, „primitiven“ Kölner Karneval jedoch hasst der heutige Leiter der Kölner Symphoniker.

Dass man ihn damals in die Ahnenreihe westlicher Musikgrößen eingeordnet hat, ist für Güneş ohne Bedeutung. „Dvorak kam schließlich auch nicht aus Deutschland, sondern aus Prag“, so Güneş, der sich gegen eine eindeutige Trennung von westlicher und östlicher Musik wehrt. „Natürlich haben wir in der Türkei andere Rhythmen, wir haben andere Abstände zwischen den Tönen, weshalb die Deutschen häufig von „Jaul-Musik“ sprechen, wenn sie orientalische Musik hören“. Aber Güneş wehrt sich gegen Schubladendenken, er ist ein eindeutiger Verfechter der Synthese zwischen der westlichen und der orientalischen, zwischen traditioneller und experimenteller Musik, die er in seinen Stücken miteinander zu gewaltigen Klangteppichen verwebt.

Damals, als er nach Deutschland gekommen sei, habe man sich nicht vorstellen können, dass ein Türke westliche klassische Musik machen sollte. „Wenn die Leute Türke hörten, dachten sie sofort an Bauchtanz“. Leider, so beklagt er, sei diese Vorstellung auch in der Türkei noch weit verbreitet. „Unsere Leute verbinden Musik immer mit Tanz und Unterhaltung. Nicht aber mit Kunst. Das ist auch der Grund, weshalb viele noch nicht gelernt haben, einem Musikstück einfach aufmerksam zuzuhören“.

Güneş genießt eine Sonderstellung unter den Menschen mit Einwanderungsgeschichte. Die Musik habe ihm, wie er berichtet, immer wieder Türen geöffnet. „Kaum hat meinen Pass gesehen, in dem steht, dass ich Leiter der Kölner Symphoniker bin, hat man mich durch jede Passkontrolle gewunken“, so der Konzertmeister.

Doch Güneş, seine Tochter spielt Harfe, wie er voller Stolz verkündet, weiß, dass kaum ein Deutsch Türke so privilegiert ist wie er. „Die Musikerziehung muss bei den Eltern beginnen, so Güneş. Dafür muss man eigentlich nichts anderes tun, als aufmerksam Musik zu hören“.

„Ich bin gegen die Opferhaltung und gegen das Gejammer“, so Güneş. Er ist überzeugt: „Wenn in jedem Haus ein Klavier ist, wird man uns hier in Deutschland respektieren“.

Betin Güneş und das Turkish Chamber Orchestra werden am Dienstag, den 13.3. 3012 im Konzerthaus Berlin auftreten.

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