Wie die Schuljungen: Türkische Abgeordnete prügeln sich um neues Schulgesetz

Die Schulpflicht in der Türkei wurde auf zwölf Jahre erhöht. Doch Anlass für Diskussionen ist vielmehr die Tatsache, dass es sich bei den zwölf Jahren um ein dreigliedriges System handelt, womit sich die Schüler früh orientieren sollen. Für die Gegner des Gesetzes bedeutet das 4+4+4 System die Begünstigung der religiösen Imam Hatip Schulen.

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„4+4+4“ ist in der Türkei bereits zur täglichen Debatte geworden. Dabei handelt es sich allerdings nicht um eine simple Rechnung, sondern um das neue Schulsystem in der Türkei. Am 11. März stimmten die Abgeordneten in einem Blitzentscheid für das neue Schulgesetz.

Hitzige Diskussionen über das neue Gesetz sind seit Wochen an der Tagesordnung. Doch am vergangenen Sonntag eskalierte die Debatte während des Treffens der Bildungs-Kommission. Noch bevor die CHP den Raum betreten konnte, haben, türkischen Medienberichten zufolge, AKP-Mitglieder den Raum besetzt. Es kam zu Beschimpfungen und vor dem Raum inmitten der Presse zu Prügelattacken. Trotz der Unruhen wurde für das Gesetz gestimmt (die Verlängerung der Schulpflicht war schon länger sicher – mehr hier).

Ein „Rückschlag für die Demokratie“ nennt die führende Oppositionspartei die Verabschiedung des neuen Schulgesetzes (im Bildungssystem hat sich so einiges geändert, das Fach „Nationale Sicherheit“ wurde ebenfalls abgeschafft – mehr hier). Bisher konnten sich Schüler in der Türkei nach der Grundschule, die acht Jahre dauert, neu orientieren und sich für eine Ausbildung oder das Abitur entscheiden. Mit dem neuen dreigliedrigen System soll die Orientierung schon früher möglich sein, wobei sich die Schulpflicht von acht auf zwölf Jahre erhöht. Dabei ist jedoch den Familien überlassen, ob die Schulbildung in einer Berufsausbildung besteht oder aber auch in der Fernschule oder einer der religiösen Imam Hatip Schule, die in der Türkei ebenfalls als Berufsschule gilt.

Die religiöse Ausbildung ist der Punkt, bei dem die Meinungen der AKP und der CHP auseinandergehen. Acht Jahre ohne Schulwechsel bedeutete, dass die Ausbildung auf der Imam Hatip Schule auf ein paar Jahre begrenzt wurde. Mit dieser Absicht wurde die Schulreform 1997 durchgesetzt. Davor betrug die Schulpflicht lediglich fünf Jahre und anschließend konnte der Wechsel auf eine Berufsschule erfolgen.

In einer offiziellen Erklärung heißt es von der CHP: „Dieses Gesetz zwingt unsere Kinder schon in frühen Jahren zum Arbeiten und unsere Kinder zur Heirat. Die Chancengleichheit wird zerstört, Klassenunterschiede verstärkt und ein Kastensystem wird sich entwickeln. Arme Familien werden arm bleiben.“

„Wie kann man noch Vertrauen in die Zukunft dieses Landes haben, wenn bei einer der wichtigsten Fragen, die die nächste Generation betreffen, Fäuste statt der Menschenverstand sprechen“, fragt sich hingegen die Kolumnistin Barcin Yinanc in der Hürriyet.

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