Feridun Zaimoglu: Die deutsche Literatur klemmt seit 50 Jahren

Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu, der am vergangenen Freitag den Preis der Literaturhäuser 2012 auf der Leipziger Buchmesse erhalten hat, über die vielen Skelette, die er von großartigen Dichtern und Dichterinnen schon am Wegrand hat liegen sehen; und über die Schuldigen an ihrem Tod: Die Priester der Literaturkritik, die wie Immanuel Kant in ihrer Stube sitzen und furzen und sich wundern, dass sie von der Welt nichts erfahren.

Wenn diese Priester dann daher kommen, weil sie Spezialisten sind und sagen, in meinen Worten: Je komplizierter, je undurchsichtiger, je brüchiger, desto besser, auch, wenn man es nicht lesen kann, auch, wenn man das Buch nach zehn Seiten schön ins Regal stellt oder in die Ecke pfeffert. Wenn sie das tun, dann ist es eine Frage des Selbstverständnisses. Sie bestimmen, was gute Ware ist, was das richtige Verständnis für Literatur ist und die anderen beschäftigen sich mit Dutzendware. Das sage ich als einer, der öfter von Literaturkritikern gelobt wird, aber es wäre reine Heuchelei deswegen einen Missstand nicht anzuprangern. Und das ist für mich ein Missstand.

Verhindert dieser Missstand bessere Literatur? Oder setzt sich gute Literatur auch an diesem Priestertum vorbei durch, irgendwann mal?

Ich habe viel zu oft großartige Dichterinnen und Dichter am Wegesrand liegen gesehen, als dass ich sagen könnte: Naja, jeder, der gut schreibt, zieht es durch. Das ist falsch. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Gute Literatur, gute Dichtung entfaltet sich von selbst. Sodass die Schreiberinnen und Schreiber getrieben sind und das aufschreiben. Gute Dichtung entfaltet sich nicht, wenn ich mir eben diese Dichterinnen und Dichter am Wegesrand angucke, die Skelette. In diesem Betrieb geht es natürlich darum, welche Bücher werden gedruckt und welche nicht. Welches Buch wird besprochen und welches Buch nicht. Wer gilt als toll und wer gilt als Tollpatsch. Wer wird zu Lesungen eingeladen, wer nicht. Wer kann sich vom Schreiben ernähren und wer nicht. Die Liste lässt sich ja weiter fortsetzen. Das bedeutet Folgendes: es wäre vermessen nur einfach zu sagen, naja, die schreiben doch ihre Gedichte, was wollen sie noch? Ich bin auch wütend darüber, dass die Guten – und ich habe einige davon kennen gelernt – einige Gute haben es geschafft, andere wiederum nicht.

Man könnte sagen: Jaja, das Leben ist ungerecht. Ja, aber dann, wenn es wie hier, um einen Missstand geht, kann man das nicht einfach so behaupten. Die Literaturkritiker, immer wieder rufen sie aus – das ist ja dann fast schon eine Modeerscheinung: Was ist los mit der deutschsprachigen Literatur? Krise der Literatur! Sie kommen natürlich nicht auf die Idee, sich selbst in Frage zu stellen. Es gibt vornehmlich eine Krise der Literaturkritik. Das ist auch ein Punkt auf der Liste jener Gründe, wieso sich gute Dichtung und gute Dichterinnen und Dichter nicht entfalten können.

Diese anmaßenden Literaturkritiker gehen nicht etwa einfach nur nach dem Willen der Konzerne. Sie gehen eher nach dem eigenen Kopf – sagen sie. Das Problem ist, dass es in ihrem eigenen Kopf nur dann funkelt, wenn sie es mit besonders „unbequemen“, besonders seltsamen Büchern zu tun haben. Das finde ich beklagenswert.

Woher kommt das? Ist die Literaturkritik selbst fachlich nicht mehr gebildet genug? Oder ist sie so überzüchtet, dass sie sich ins Außerirdische flüchten will?

Bei den Priestern handelt es sich tatsächlich um einen überzüchteten Haufen. Der Lebensparameter ist für sie geradezu notwendig. Das ist ja eigenartig, wenn sie nach den Quellen des Schreibers fahnden, schließen sie etwas aus, was mindestens eine genauso große Rolle spielt wie andere Möglichkeiten oder andere Quellen des Textes, nämlich die eigenen Verhältnisse: Die Verhältnisse des jeweiligen Schreibers, wie aber auch die eigenen Verhältnisse des Kritikers. Das wird ausgeschlossen und dann haben wir es plötzlich mit einer Textblase im Vakuum zu tun und mit einem so genannten Unparteiischen im Vakuum. Das stimmt aber nicht. Es wird beides herausgeschnitten und dieser priesterliche Kritiker ist dann nichts weiter als ein Kritikaster. Also der sich außerhalb des Lebens stellt.

Der glaubt, Literatur sei dafür da, nicht dem Leben Schnappschüsse abzugewinnen, sondern das Leben auszuschließen. Das ist genauso wie Kant, der in seiner Bude hockte, ganz große Ideen wälzte, aber sich wunderte wieso keiner ihn besuchen mochte. Der Grund: Er hat gefurzt. Der hat jeden Tag gefurzt und hat aber das Fenster nicht aufgerissen, weil er der Wahnidee anhing, von draußen kämen Krankheitskeime. Das heißt, er lässt knatternde Darmwinde in der Stube los. Dem ganzen wohnt eine Logik inne. Damit es in der Bude nicht stinkt, muss man das Fenster aufreißen. Oder, damit es in der eigenen Birne nicht muffelt, muss man rausgehen und sich alles mal angucken. Aber wer nur die innere Schleimhaut seines Astralleibes anguckt, der bleibt gefangen.

Könnte man das auch als Dekadenz bezeichnen? Das, was Sie beschreiben ist ja ein Phänomen, das es immer wieder in Gesellschaften gegeben hat. Irgendwann haben sich dann die gesellschaftlichen Verhältnisse so radikal verändert, dass nicht einmal mehr die Priester daran vorbeischauen konnten.

Bei dem Wort Dekadenz denke ich einfach daran, dass man die eigenen Möglichkeiten aufbricht und ich denke da an Dekadenz im Sinne einer Selbstvergeudung und Selbstvernichtung, deshalb schreibe ich. Aber ich weiß, sie meinen Dekadenz im Sinne von fin de siècle: Nein, das wird so weitergehen. Was aber passieren wird, ist, dass diese Priester über den eigenen Machtverlust jammern. Das tun sie, aber nicht öffentlich, so blöd sind sie nicht. Sie sagen, diese Leute sehen das Leben als Dekadenz. So rum stimmt es. Ich aber schaue hinaus und entdecke nicht jetzt das Ende der Zeiten, sondern ich entdecke das Gärende, das Prickelnde, das Aufbauschende – herrlich. Ich will keine souveräne Person sein. Aber diese verdammten und dreimal verfluchten Priester in allen Sektoren des Lebens wollen nicht rausgehen. Sie stehen am Fenster ihrer verriegelten, verfurzten Stube, schauen hinaus und sagen: Was ich da sehe, ist Abfall – im doppelten Sinne des Wortes. Abfall im Sinne von Müll und Abfall im Sinne von Abfall vom rechten Verständnis. Also, es gibt hier im Glauben Orthodoxie und Orthopraxie. Orthodoxie heißt nichts weiter als die Lehre vom Glauben und Orthopraxie vom rechten Handeln. Diese Leute sehen, sie sind ja orthodox, sie schauen hinaus und sehen, der Körper ist mein Feind und das ist alles schlimm und es wird noch schlimmer. Die Konzerne drängen – sie sehen nicht die Freiheiten. Sie sehen, dass die Freiheiten die Menschen verkümmern lassen. Sie kommen aber nicht auf die Idee, dass sie selbst verkümmert sind, weil sie die Vorstellung von Orthodoxie und Orthopraxie in der Rübe haben. Es geht dabei um das rechte Verständnis und um die Anleitung zum richtigen Lesen der richtigen Bücher. AMEN

Was Zaimoğlu zu den türkischen Jungs und ihrem Verhältnis zu Frauen sagt – hier.

Was Zaimoğlu zum Islam, dem Glauben, den Dogmen und dem Umgang damit sagt – hier

Interview: Michael Maier, Merve Durmus   Mitarbeit: Nicole Oppelt

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