Neues Schulgesetz: Türkische Unternehmer betonen Zuspruch

Vertreter der türkischen Geschäftswelt haben auf dem 1. Uludağ Wirtschaftstreffen in Bursa ihre Zustimmung hinsichtlich des neuen dreigliedrigen Bildungssystems, das eine stärkere Betonung der beruflichen Bildung in den Schulen vorsieht, geäußert. Sie sind jedoch auch überzeugt, dass erst alle Beteiligten zu Wort kommen müssten, bevor endgültige Entscheidungen getroffen werden.

Ein aktueller Gesetzesentwurf sieht vor, die türkische Schulpflicht von acht auf zwölf Jahre zu erhöhen. Am 11. März wurde dann in einem Blitzentscheid über das in der Türkei unter dem Begriff „4+4+4“ bekannte Schulgesetz abgestimmt (die Diskussion um die neue Dreigliederung sorgte kürzlich für eine handfeste Auseinandersetzung im Parlament – mehr hier, dabei war die Verlängerung der Schulpflicht schon länger sicher – mehr hier).

Bereits in der Vergangenheit riefen sowohl Beobachter, NGOs als auch die Wirtschaft immer wieder nach einer Novellierung des türkischen Schulsystems, um die Heimat zu rüsten und ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum zu garantieren. Doch die jetzt beschlossene Variante sorgte bei der Opposition für heftigen Unmut. Spannungen gab es vor allem zwischen der CHP und der AKP.

Bildung für nachhaltiges Wachstum der türkischen Wirtschaft

Die TÜSİAD, die Vereinigung türkischer Industrieller und Geschäftsleute, schlägt sich in dieser Frage nun auf die Seite von „4+4+4“. Das neue Bildungssystem ermögliche es den Kindern künftig bereits nach vier Jahren sich flexibler in andere Arten von Bildungseinrichtungen einzuschreiben – zum Beispiel in so genannte Gewerbeschulen. Dort stehe vor allem die technische Ausbildung im Mittelpunkt und biete für die Jugendlichen flexible Optionen, was die Wahl unterschiedlicher Felder oder Berufe angehe.

„Die Frage ist, ob wir eine junge Generation aufwachsen sehen wollen, die über unsere eigene Kultur und Werte wohl informiert ist und zur gleichen Zeit der globalen Entwicklung folgen kann oder eben nicht… Wir müssen uns darüber im Klaren sein und die Regierung hat keine Absicht in dieser Sache einen Rückzieher zu machen“, so der stellvertretende Premier Ali Babacan während des Gipfels am vergangenen Freitag. Hinsichtlich der anhaltenden Kritik am neuen Schulgesetz erklärte Babacan, dass die „Regierung gegenüber allen Vorschlägen“ offen sei. Man solle die Reformen der vergangenen Jahre aber jetzt nicht zunichte machen. „Wir [die Regierung] werden auch weiterhin das befürworten, was das Beste für die Türkei ist.“ Dabei sollen so gut und so oft wie möglich alle beteiligten Parteien miteinbezogen werden.

An die Teilnehmer gerichtet betonte auch Begümhan Doğan Faralyalı, von der Doğan Holding, die Bedeutung der Berufsausbildung für ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum. Der gleichen Ansicht zeigte sich die TÜSİAD-Vorsitzende Ümit Boyner. Das Credo der türkischen Regierung die „Zukunft der Türkei zu planen“, sei inmitten der globalen Schwankungen von äußerster Wichtigkeit. Um nachhaltiges Wachstum in der Türkei sicherzustellen, so Boyner, brauche es qualifizierte Leute und unternehmerische Initiativen (einige sind aber auch schon jetzt über die Maßen kreativ – mehr hier).

Seit langem fehlt es an qualifizierten Arbeitskräften

Nach Angaben von TurkStat betrug die Jugendarbeitslosigkeit in der Türkei im Jahr 2011 18.4 Prozent. Die Gründe für diese hohe Quote liegen nach Angaben der Behörde unter anderem an der begrenzten Anzahl an qualifizierten Arbeitskräften oder an erfahrenen Arbeitnehmern (das Arbeitsamt Batman verlost rare Stellen unter den unzähligen Bewerbern – mehr hier). Die Schwierigkeit qualifizierte Arbeiter zu finden und die hohe Arbeitslosenrate bedingen sich allerdings gegenseitig. Frühere Untersuchungen zeigten bereits auf, dass es innerhalb der türkischen Wirtschaft nicht gelang neue Arbeitsplätze zu schaffen, die gewisse technische Fertigkeiten verlangten. Das hat auch die Wirtschaft erkannt: „Der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften ist in der Türkei kein neues Problem“, so Sanko Holding CEO Abdulkadir Konukoğlu gegenüber der türkischen Tageszeitung „Zaman“ (der Werbemarkt in der Türkei wächst derzeit langsamer als bisher – mehr hier). „Ich kenne viele Geschäftsleute, die auf Grund dessen keine Investitionen tätigen können.“ Seiner Ansicht nach sei es die Verantwortung der gesamten Gesellschaft dies nun zu beheben (die Türkei hat das höchste Leistungsbilanzdefizit aller G-20 Staaten – mehr hier).

Nach Ansicht von Ömer Kızıl, Vorsitzender der Vereinigung junger türkischer Geschäftsleute (TÜGİAD), sollte sich die Regierung nun schnellstmöglich mit der Wirtschaft an einen Tisch setzen, um über das neue System zu sprechen (währenddessen will sich das Job-Netzwerk Xing aus der Türkei zurückziehen – mehr hier).

Gegner sehen Begünstigung der religiösen Imam Hatip Schulen

Künftig werden insgesamt zwölf Jahre Schulpflicht in der Türkei auf drei verschiedene Level gesplittet, wodurch sich die Schüler nun früh orientieren sollen: Vier Jahre Grundschule, vier Jahre Mittelschule und vier Jahre weiterführende Schule. Für die Gegner des Gesetzes bedeutet das neue „4+4+4“ System die Begünstigung der religiösen Imam Hatip Schulen (im Bildungssystem hat sich so einiges geändert, das Fach “Nationale Sicherheit” wurde ebenfalls abgeschafft – mehr hier). Bisher konnten sich türkische Schüler nach der achtjährigen Grundschule neu orientieren und sich dann für eine Ausbildung oder das Abitur entscheiden. Die Errungenschaften der Schulreform von 1997 sind nach Ansicht der CHP so allerdings obsolet: „Dieses Gesetz zwingt unsere Kinder schon in frühen Jahren zum Arbeiten und unsere Kinder zur Heirat. Die Chancengleichheit wird zerstört, Klassenunterschiede verstärkt und ein Kastensystem wird sich entwickeln. Arme Familien werden arm bleiben.“

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