Greenpeace International Chef Kumi Naidoo: Türkei sollte mehr auf Solar- und Windenergie setzen

Kumi Naidoo, internationaler Direktor der Umweltorganisation Greenpeace, empfahl bei seiner Türkei-Visite hiesigen Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft, dass ihr strategisch günstig gelegenes Heimatland ein Exempel statuieren und statt in Atomenergie, Öl und Kohle, lieber in Solar- und Windkraft investieren sollte.

+++ Aktuell: Erdoğan: Ab 2030 zehn Prozent der Elektrizität aus Atomenergie +++

Naidoo hielt sich vom 14. bis 16. März in der Türkei auf, um dort Kampagnen der in Istanbul ansässigen „Greenpeace Mediterranean“ zu unterstützen. Er ist überzeugt, dass das, was die Türkei derzeit tue, nicht nur Auswirkungen auf die Region, sondern auf die ganze Welt haben werde. „Die Türkei ist ein Mitglied der G-20, die 17. größte Volkswirtschaft der Welt und führend bei der Sicherung der Menschenrechte in Syrien. Auf welche Energie man in der Türkei setzt, ist von größter Bedeutung“, so Naidoo im Gespräch mit „Sunday’s Zaman“ im Rahmen eines kleinen Treffens mit Journalisten, Wissenschaftlern und prominenten Unterstützern von Greenpeace.

Atomkraft: „Nehmt Abstand von diesem Wahnsinn“

Seine größte Sorge gilt dem Thema Nuklear-Energie in der Türkei (nach der Katastrophe in Japan, die die ganze Welt in Aufruhr versetzte, hielt die türkische Regierung weiterhin an ihren AKW-Projekten fest – mehr hier). „Unsere Position ist klar: Atomenergie ist zu gefährlich.“ Der Umstand, dass man dem umstrittenen russischen Staatsunternehmen „Rusatom“ erlaube, ein Atomkraftwerk in Akkuyu, einer wunderschönen Bucht in Mersin in der türkischen Mittelmeerregion, übrigens einem Erdbebengebiet, zu bauen, sei nicht gerade klug. Sein Appell: „Nehmt Abstand von diesem Wahnsinn und investiert nicht in Atomkraft.“ (im Gespräch mit den Deutsch-Türkischen Nachrichten beurteilte auch Greenpeace-Mitarbeiter Cenk Levi die Situation kritisch – mehr hier). Doch nicht nur auf das Vorhaben mit „Rusatom“ blicken der Greenpeace-Chef und seine Umweltorganisation kritisch. Daneben sorgt sich „Greenpeace Mediterranean“ auch um die türkischen Investitionen in Kohle, Öl und Gas (wobei sich die Türkei derzeit vom Gas abwendet und hin zu Kohle und eben Kernkraft steuert – mehr hier). „So etwas wie saubere Kohle gibt es nicht. Es gibt nur weniger schmutzige Kohle“, so seine Warnung.

Bereits auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos im vergangenen Januar traf Naidoo mit dem Vorsitzenden des Anadolu-Gruppe, Tuncay Ozilhan, zusammen. Sein Unternehmen plant ein Kohle-Heizkraftwerk in Gerz, eine Stadt an der malerischen Schwarzmeerküste. „Ich fragte ihn, warum man in Technologien investiere, die der Gesellschaft schaden“, berichtet er über das Gespräch. „Ich spürte, dass ihm das nicht gleichgültig ist.“

Bürger von Gerz protestieren gegen Kohle-Kraftwerk

Untersuchungen von Greenpeace zeigen, dass Fossil-thermische Kraftwerke für 41 Prozent der weltweiten Kohlendioxid-Emissionen verantwortlich zeichnen. Kohle kann zudem als einer der gefährlichsten Brennstoffe angesehen werden – vor allem mit Blick auf den Klimawandel. Der Rauch von Kohle verursacht außerdem sauren Regen, der die Ökosysteme schädigt. Darüber hinaus sind Kohlekraftwerke der Grund für die Quecksilberbelastung, die zahlreiche tödliche Krankheiten verursacht, wenn sie in die Nahrungskette und in den Boden gelangen. Abgesehen davon, dass ihre Partikel Asthma, Herzerkrankungen und Kindersterblichkeit hervorrufen.

Im vergangenen Jahr startete Greenpeace eine Internet-Unterschriften-Kampagne gegen das Kraftwerk in Gerz. Mehr als 76.800 Menschen unterstützten die Kampagne. Die Bevölkerung dort kämpft bereits seit drei Jahren gegen das Projekt. Mittlerweile wandelte sich der Protest in aktiven Widerstand. Auf dem Baugelände wurden Zelte aufgestellt.

Ungenutzt: Erneuerbare Energien in der Türkei

Auf der anderen Seite stellte Kumi Naidoo die positiven Seiten der Türkei heraus. „Die Türkei verfügt über die Möglichkeiten in Sachen Energie unabhängiger zu sein und ein regionales Vorbild zu werden, indem man in grüne Technologien, Solar-und Windenergie investiert. So könnte die Türkei zum Lieferant der Region werden“, so Naidoo, der darauf hinwies, dass alle Länder, ganz gleich ob entwickelt oder nicht, in erneuerbare Energien investieren, insbesondere China.

Im Bereich der erneuerbaren Technologien wetteifern vor allem die USA, Südkorea und Japan  – hier geht es in erster Linie um Batterien für Elektro-Mobile. China hingegen versucht die europäische und US-amerikanische Dominanz in Sachen Windenergie zu knacken. Während man auf der anderen Seite auch die Briten im Visier hat, die führend in den Bereichen Meeres-und Offshore-Windenergie sind.

Türkei importiert 75 Prozent ihrer Energie

Im Augenblick machen erneuerbare Energien nur 0,2 Prozent der Stromerzeugung im Nahen Osten und in Nordafrika aus. Im globalen Durchschnitt sind es etwa drei Prozent. In einigen europäischen Ländern liegt man, laut des dänischen Windenergie-Riesen Vestas, bereits im zweistelligen Bereich. Doch gerade die Türkei verfügt über ein enormes Potenzial für Windenergie. Die Schätzungen reichen hier von einer Nutzkapazität von 50.000 bis hoch auf 150.000 MW.

Bis zum hundertjährigen Bestehen der Republik 2023 plant das Land, laut dem türkischen Energie- und Rohstoffminister Taner Yildiz, eine Nutzkapazität von 20.000 MW durch Windfarmen zu erzeugen. „Das Gesetz von 2005 über erneuerbare Energien führte zu einer schnellen Ausdehnung des Sektors. Zurzeit hat die Türkei eine Kapazität von 1.750 MW aus Windenergie. Diese Kapazität wird auf 10.000 MW ansteigen, wenn bereits ausgestellte oder demnächst auszustellende Lizenzen erst genutzt werden“, so Yildiz bereits im vergangenen Januar bei einem Treffen mit Industrievertretern und staatlichen Stellen, das gemeinsam von seinem Ministerium und dem türkischen Windenergieverband (TUREB) organisiert wurde. Dort ging Yildiz auch auf die lokale Entwicklung der Türkei und die Anstrengungen zur Produktion von Windturbinen und -generatoren ein. Das Projekt mit einem Budget von 50 Millionen türkischen Lira unter der Leitung des Wissenschaftlichen und Technischen Forschungsrats der Türkei (TÜBİTAK) soll demnach bis 2014 eine Windturbine mit einer Kapazität von 2,5 MW hervorbringen. Die European Wind Energy Association hat zudem geschätzt, dass die Türkei gut 20 Prozent ihres Energiebedarfs durch Windkraft abdecken könnte.

Doch derzeit importiert die Türkei mehr als 75 Prozent ihrer Energie (das ambitionierte Pipeline-Projekt Nabucco wird durch das Konkurrenz-Projekt der Türkei und Aserbeidschans, Tanap, herausgefordert – mehr hier), vor allem aus Russland und dem Iran. Seine Abhängigkeit von Ölimporten liegt, laut Angaben von „Zaman“, bei 92 Prozent, während die Abhängigkeit von Erdgas spgar bei 98 Prozent liegt (es gab sogar Sorgen wie ohne Gasvertrag der kalte Winter überstanden werden könnte – mehr hier, der Verbrauch kletterte wegen der Extremtemperaturen auf ein Rekordniveau – meh hier und wegen zu hoher Gaspreise wollte die Türkei sogar den Iran verklagen – mehr hier).

Mehr zum Thema:

Innovatives Dosen-Recycling: Grüner Oscar geht in die Türkei!
Atomprogramm: Türkei kooperiert nun auch mit China
Türkei beliefert Griechenland wieder mit Gas


Kommentare

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.