Vorstoß in der Telemedizin: Türkisches System will 22 Millionen Patienten erreichen

In der Türkei wurde in der vergangenen Woche das erste eigene telemedizinische System vorgestellt. Entwickelt wurde das Gerät an der Universität İstanbul gemeinsam mit Turkcell, dem größten Mobilfunkanbieter des Landes. Das Ziel, das bei seiner Präsentation in İstanbul genannt wurde, klingt ambitioniert: Mit dem Gerät sollen künftig 22 Millionen Patienten erreicht werden, die an Diabetes bedingten chronischen Erkrankungen leiden.

Das türkische System basiert auf einem Bluetooth-Gerät, das mit einem mobilen Blutdruck-Messgerät und einem Diabetes-Monitor in Verbindung steht, die der Patient bei sich trägt. Die dabei gesammelten Daten werden simultan an einen Arzt übertragen, der so sofort zu einer Diagnose imstande sein soll.

Turkcell CEO Süreyya Ciliv und Universitäts-Direktor Yunus Söylet gaben bei einer gemeinsamen Pressekonferenz am vergangenen Dienstag die Details ihrer neuen Partnerschaft bekannt. Beide stellten heraus, dass diese technologische Kooperation zwischen Wissenschaft und Wirtschaft ein ermutigendes Beispiel für den weiteren Ausbau der Zusammenarbeit zwischen Hochschulen und der Privatwirtschaft darstellt. Söylet jedenfalls erwartet, dass sich die gemeinsam entwickelte Idee im ganzen Land verbreiten und auch zu einem Abkommen mit der Sozialversicherungsanstalt (SGK) führen werde (auch Ausländer müssen sich ab sofort in der Türkei Pflichversichern – mehr hier). Er kündigte an: „Wir werden die Einzelheiten und Ergebnisse dieses Pilot-Programms mit der SGK besprechen. Danach können sie entscheiden, ob sie das in ihr System integrieren wollen.“

Ergebnisse der Testphase werden mit der SGK diskutiert

Die zwölfmonatige Testphase des Pilot-Programms soll bereits im kommenden Mai beginnen. Anfangs wird das Gerät an 500 Patienten getestet, die nach dem Zufallsprinzip von der Universität İstanbul ausgewählt wurden. Alle Teilnehmer leiden an mindestens einer chronischen Erkrankung wie etwa Diabetes, Herzrhythmusstörungen, Bluthochdruck, Asthma oder einer chronisch obstruktiven Lungenerkrankung (COPD).

Bisher hat das neue System aber auch Nachteile: Noch ist es nicht in das Sozialsystem der Türkei implementiert, das heißt, die Patienten müssen, bis sich die SGK zu einer Kostenübernahme bereiterklärt hat, privat dafür aufkommen. Auch der benötigte Turkcell Gesundheitsmonitor schlägt mit einem nicht näher genannten Betrag zu Buche (türkische Patienten bevorzugen übrigens auch private Krankenhäuser – mehr hier).

Neues System auch für ausländischen Markt attraktiv

Laut Ciliv, der sich auf Zahlen des türkischen Gesundheitsministeriums bezieht, gäbe es derzeit etwa 22 Millionen Patienten, die an mindestens einer der fünf Diabetes-Erkrankungen leiden. Und diese Zahl, so wird erwartet, soll in den kommenden Jahren weiter ansteigen (vor allem immer mehr Kinder sind betroffen – mehr hier). Seiner Meinung nach bietet das neue System eine Möglichkeit Kosten durch eine möglichst frühe Diagnosestellung zu reduzieren. Ähnliche Systeme gebe es schließlich schon in einer ganzen Reihe anderer Länder. Dennoch habe man sich mit einem einzigartigen System von anderen Produkten dieser Art abgesetzt und hoffe, dies später auch einmal ins Ausland exportieren zu können. „Dies wird der Türkei neue Türen als Destination für Gesundheitstouristen öffnen. Ausländische Patienten wären so auch nach der Rückkehr in ihre Heimat in der Lage engen Kontakt zu ihrem Arzt zu halten.“ Doch ist ein solches Projekt überhaupt umsetzbar? Laut Ciliv werde es ungefähr fünf Jahre in Anspruch nehmen bis es in vollem Umfang landesweit anerkannt und implementiert worden sei (ohnehin will die Türkei in Sachen Technologie weiter nach vorne – mehr hier).

Erwachsenen-Diabtes ist in der Türkei derzeit relativ stark verbreitet. Im Augenblick nimmt die Krankheit allerdings auch unter Kindern und Jugendlichen zu. Nach Informationen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) litten im Jahr 2011 346 Millionen Menschen weltweit an der Krankheit, mit steigender Tendenz. Wie Dr.Ergün Çetinkaya vom Privaten Zentrum für Kinder-Endokrinologie in Ankara angibt, seien von fünf Millionen Diabetikern in der Türkei rund 17.000 Kinder. Gründe dafür sind in den Veränderungen des Lebensstils und der Essgewohnheiten in den letzten Jahrzehnten zu suchen. Vor allem der eigentlich bei Erwachsenen verbreitete Diabetes Typ 2, dem durch gesunde Ernährung vorgebeugt werden kann, würde nun auch immer mehr Kinder betreffen.

Telemedizin hat nicht nur Vorteile

Das Prinzip der Telemedizin ist bereits seit den 80er Jahren erprobt und spielt vor allem in großflächigen Ländern wie zum Beispiel Australien eine entscheidende Rolle bei der medizinischen Versorgung von Patienten an entlegenen Orten. In dicht besiedelteren Regionen dient das System vor allem der Qualitätsverbesserung bzw. der Verbesserung von Lebensqualität durch eingesparte Wege. Auch in der Türkei ist Telemedizin, wie der „Telemedizinführer Deutschland“ informiert, kein völlig neues Terrain: „Schon im Februar 2003 wurde durch den Erlass des türkischen Kanzleramts das Programm “e-Dönüşüm Türkiye“ (heißt so viel wie eWandlung in der Türkei) ins Leben gerufen. Ein besonderer Bestandteil dessen ist das Teilprojekt „eSağlık“ (eGesundheit). Demnach werden die Gesundheitsdaten der Gesamtbevölkerung auf einem zentralen Informationssystem, Teletıp Merkezi (Telemedizinisches Zentrum) digital vorgehalten.“ Darüber hinaus gibt es Einzelprojekte, in denen sich zum Beispiel verschiedene Krankenhäuser zusammengeschlossen haben. Wie etwa in Van und Bahçesaray, wo „mit wachsender Begeisterung Teleradiologie, Telebiochemie und Tele-EKG“ betrieben wird.

Bis heute hat die Telemedizin jedoch ganz gleich wo eingesetzt mit verschiedenen, auch nicht-medizinischen Herausforderungen zu kämpfen. Organisation, Wirtschaftlichkeit und auch der juristische Aspekt spielen hier eine nicht zu unterschätzende Rolle.

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