Ökologische Bedenken? Staatsrat stoppt größtes Autobahn-Projekt der Türkei

Aus, Ende, vorerst vorbei: Der türkische Staatsrat hat den Bau der Autobahn İstanbul-İzmir auf Eis gelegt. Das größte BOT-Projekt der Türkei überhaupt - die Kosten belaufen sich auf rund 6.5 Milliarden Dollar - soll nun einer Umweltverträglichkeitsprüfung (ÇED) unterzogen werden.

Freie Fahrt auf der Autobahn İstanbul-İzmir? Das könnte noch eine ganze Weile länger dauern als gedacht. (Foto: Stefanvds.com/flickr)

Freie Fahrt auf der Autobahn İstanbul-İzmir? Das könnte noch eine ganze Weile länger dauern als gedacht. (Foto: Stefanvds.com/flickr)

Wie die türkische Zeitung “Radikal” berichtet, hat der Staatsrat den Bau gestoppt, nachdem bei ihm zahlreiche Beschwerden eingegangen waren. Das türkische Recht verlangt, dass neue Investments eine ÇED durchlaufen müssen bevor sie gestartet werden können. Nach der letzten Ausschreibung für das Projekt – den Zuschlag erhielt ein Konsortium bestehend aus sechs Unternehmen – kam es im Jahr 2010 zur Grundsteinlegung. Seit Anfang 2011 ist der Bau in vollem Gange (und Istanbul versinkt immer mehr im Verkehrschaos – mehr hier).

Bauvorhaben bis zur Durchführung der ÇED auf Eis

Im Zuge des Baubeginn machte das Büro des Ministerpräsidenten 2010 auch eine öffentliche Ankündigung, in der 13 verschiedene Artikel aufgeführt waren. In Paragraph neun wird darauf hingewiesen, dass das Projekt von der ÇED befreit sei. Im Zuge dessen beschwerten sich nicht nur die Türkische Gewerkschaft der Ingenieure und Architekten (TMMOB), sondern auch die Ägäische Umwelt- und Kultur-Plattform. Sie riefen den Staatsrat an, das Bauvorhaben zu stoppen bis eine ÇED durchgeführt worden sei. Die ausgearbeitete Beschwerde wurde anerkannt und der Staatsrat entschied das Autobahn-Projekt auf Eis zu legen bis eine entsprechende ÇED ausgestellt worden ist.

Das Büro des Premierministers hat jedoch das Recht, Berufung gegen die Entscheidung einzulegen. Das Gesetz sieht jedoch vor, dass das Ministerium nach der Entscheidung des Staatsrates binnen 30 Tagen eine solche Umweltverträglichkeitsprüfung anordnet. Diese durchzuführen kann in der Türkei jedoch gut und gerne eineinhalb Jahre in Anspruch nehmen.

Bauende 2015: Geplanter Abschluss massiv gefährdet

Obschon das Bauvorhaben in höchstens sieben Jahren abgeschlossen sein muss, will das Konsortium das Ganze in fünf Jahren realisieren. Auch Premier Recep Tayyip Erdoğan forderte die beteiligten Unternehmen auf, ihr Bestes zu geben, um das gesamte Projekt tatsächlich in dieser Zeit, also vor Ende 2015, abzuschließen (auch Istanbul will er um jeden Preis modernisieren – mehr hier). Beobachter befürchten nun, dass das Eingreifen des Staatsrats das Bauvorhaben um mindestens zwei Jahre verlängern könnte.

Zweitlängste Hängebrücke der Welt über der Bucht von Izmit

Das größte BOT-Projekt in der türkischen Geschichte, die so genannte İstanbul-İzmir Autobahn, beginnt im Istanbuler Vorort Gebze und führt über Orhangazi und Bursa bis nach Izmir an der Türkischen Ägäis. Die Autobahn soll insgesamt 420 Kilometer Strecke haben. Die Hängebrücke über die Bucht von Izmit wird allein schon drei Kilometer umfassen und damit die zweitlängste der Welt. Sie ist mit 1,1 Milliarden Dollar veranschlagt. Die Fahrt über sie wird künftig gut sechs Minuten dauern. Vorher waren die Verkehrsteilnehmer mehr als eine Stunde via Fähre unterwegs. Die gesamte Strecke Istanbul-Izmir soll sich durch die neue Autobahn auf rund 3,5 Stunden Fahrt verkürzen. Bisher waren die Reisenden acht bis zehn Stunden unterwegs.

Im Rahmen des Projekts sollen 30 Viadukte mit einer Gesamtlänge von 18.212 Metern, vier Tunnel mit einer Gesamtlänge von 7.395 Metern, 209 Brücken, 18 Mautstellen und fünf Straßenbauämtern gebaut werden. Durch den Bau ergeben sich aber auch touristische Vorteile: So könnten etwa die Thermalkuranlagen Yalovas, die römischen und byzantinischen Sehenswürdigkeiten Izniks, aber auch diejenigen der ersten osmanischen Hauptstadt Bursa für Touristen wesentlich besser zugänglich gemacht werden.

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