Syrien: Massenflucht in die Türkei nach Angriff auf Zivilbevölkerung

Die aktuelle Situation an der syrisch-türkische Grenzen weckt Erinnerungen an den Juni 2011. In einer Massenflucht waren damals mehr als 1000 Flüchtlinge in die Türkei geströmt. Tausende folgten ihnen nach. Die Gewalt nimmt seitdem kein Ende. Jetzt spitzt sich die Lage erneut zu.

Nur mit den nötigsten Habseligkeiten im Gepäck flüchteten die syrischen Bürger im vergangenen Sommer über die Grenze (in Zeltlagern fanden sie damals Unterschlupf – mehr hier). Heute, fast ein Jahr später, herrscht in ihrer Heimat noch immer keine Sicherheit.

Ganz im Gegenteil: Wenige Tage vor der geplanten Waffenruhe kamen bei Angriffen der syrischen Truppen auf Ziele der Opposition zuletzt 74 Zivilisten ums Leben. Allein mehr als 40 sollen am vergangenen Samstag bei Gefechten in der Region Al-Latmana in der Provinz Hama gestorben sein. Weitere Tote gab es in Tibat al-Imam, außerhalb der Stadt Hama, sowie in der Region Al-Kusair nahe der Stadt Homs. Im gesamten Land gab es mindestens 15 Rebellen und 17 Angehörige der Sicherheitskräfte zu beklagen. Die Lage wird zunehmend bedrohlich und die Hilfesuchenden strömen erneut in Richtung Türkei (bereits im letzten August wurden pensionierte türkische Offiziere wieder aktiviert, um der Fluten Herr zu werden – mehr hier).

Kann der mit dem Gesandten von UN und Arabischer Liga, Kofi Annan, vereinbarte Friedensplan nach einem Jahr des schrecklichen Blutvergießens wirklich umgesetzt werden? Die verängstigten Bürger scheinen nicht mehr daran zu glauben. Am kommenden Dienstag ab 6.00 Uhr Ortszeit (5.00 Uhr MESZ) soll die vereinbarte Truppenentflechtung beginnen. Zwei Tage später, ab nächstem Donnerstag, soll dann eine Waffenruhe folgen.

Flüchtlingsströme: Regierung Erdogan trifft Vorbereitungen

Diese Zeit hat die Zivilbevölkerung nicht mehr. Sie sucht wieder verstärkt Schutz in der Türkei. Allein an diesem Karfreitag flüchteten 3000 Menschen über die Grenze. Das waren rund zehn Mal so viele wie bisher an einem durchschnittlichen Tag, bevor Präsident Bashar al Assad rund zehn Tage zuvor den Friedensplan akzeptierte. Und wie der türkische Premier Recep Tayyip Erdogan an diesem Samstag prognostizierte, könnten es noch weitaus mehr werden. Ein totaler Krieg, so befürchtet er, könnte die Flüchtlingsströme vollends entfesseln. „Im Moment halten sich 24.000 syrische Flüchtlinge in der Türkei auf. Natürlich steigt diese Zahl“, so Erdogan vor seinem Abflug nach China gegenüber Journalisten. Entsprechende Maßnahmen für diesen Fall würden ergriffen. Die Grenzen, so das erneute Signal an die Flüchtlinge, würden nicht geschlossen. Daneben müssten sich aber auch die Vereinten Nationen und die internationale Gemeinschaft des Flüchtlingsproblems annehmen, warnt Außenminister Ahmet Davutoglu, der die Türkei langsam aber sicher an ihre Kapazitätsgrenzen kommen sieht. Der Premier sieht jetzt Kofi Annan an der Pflicht. Der müsse nun ein genaues Auge auf die Situation haben.

42.000 Flüchtlinge seit Beginn der Niederschlagungen

Unterdessen hat auch UN-Generalsekretär Ban Ki Moon die Regierung in Damaskus scharf für ihre jüngsten Angriffe verurteilt. „Die Frist vom 10. April ist keine Entschuldigung für weiteres Töten“, so Ban Ki Moon. Die syrischen Behörden seien voll verantwortlich für diese schweren Verletzungen der Menschenrechte und des humanitären Völkerrechts. Dies müsse sofort aufhören.

Seit Beginn des Aufstandes gegen den syrischen Präsidenten und sein Regime sind bereits über 42.000 Menschen vor den brutalen Niederschlagungen seiner Truppen geflohen. Nach aktuellen Zählungen der UN sind dabei mehr als 9000 Personen getötet worden. Andere Angaben gibt es von offizieller syrischer Seite. Demnach gäbe es weit aus weniger, nämlich rund 6000 Tote, darunter mehr als 2500 Soldaten und Polizisten.

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