Achtung Ankara! Darum sollte man sich um die türkische Wirtschaft sorgen

Die Türkei hat die schlimmsten Folgen der weltweiten Finanzkrise bisher gut umschifft. Vieles läuft zwar nicht optimal, doch vor allem Dank ausländischer Liquidität ist der große Crash bisher ausgeblieben. Doch wie lange wird sich das Land noch in diesem Zustand halten können?

Gemessen an dem Schlamassel, in dem sich die führenden Volkswirtschaften derzeit befinden, geht es den meisten aufstrebenden Märkten derzeit noch relativ gut. Um das auch weiterhin sicherzustellen, haben viele ihre Wachstumsraten im vergangenen Jahr deutlich verlangsamt. Als dann die Sorge über die Eurozone eskalierte, gaben einige Währungen und Börsenparkette nach. Doch abgesehen von den Ärmsten, die sich auf die Hilfe des IWF verlassen, gab es nur eine Handvoll Schwellenländer, vor allem in Osteuropa, die auf Gelder angewiesen waren.

Im weltweiten Abwärtsstrudel: Türkei schlägt sich gut

Diese Widerstandsfähigkeit ist beeindruckend. Doch es wäre ein Fehler anzunehmen, das würde ewig dauern. Denn obwohl sich die Investoren der Ersten Welt wieder in diese Märkte drängen, zeigt bereits ein kurzer Blick auf deren Zahlen, dass bereits eine Reihe von ihnen ähnliche Probleme haben. Indien etwa hat ein großes Haushaltsdefizit. Gleich mehrere Länder, von Venezuela bis Vietnam, haben zweistellige Inflationsraten und auch Südafrika verfügt über ein beträchtliches Leistungsbilanzdefizit (die Türkei hat das höchste innerhalb der G-20 Staaten – mehr hier). Doch wenn man die typische Warnzeichen heranzieht – von raschem Kreditwachstum über hohe Inflation bis hin zu einem riesigen Zahlungsbilanzdefizit- dann gibt es nur ein Land, das hier außen vor ist: Die Türkei.

Im letzten Jahrzehnt hat die Türkei einen spektakulären Boom erlebt, der aber auch mit einen Boom an Auslandskrediten einherging. Allein im vergangenen Jahr wuchs die Wirtschaft um 8,5 Prozent – angetrieben durch Kredite, die an einem bestimmten Punkt mehr als 40 Prozent erreichten. Vor allem Ausländer verliehen ihr Geld in der Türkei. Das türkische Leistungsbilanzdefizit überstieg zehn Prozent des BIP. Das ist mehr als doppelt so viel wie bei den meisten aufstrebenden Märkten.

Verlangsamung des Wirtschaftswachstums hilft nur bedingt

Dieses Turbo-Wachstum verlangsamte sich zum Ende des vergangenen Jahres deutlich. Die Anleger wurden nervös und der Verfall der türkischen Lira zwang die Zentralbank die geldpolitischen Zügel anzuziehen. Am 2. April veröffentlichte Zahlen zeigen, dass sich das jährliche BIP-Wachstum im vierten Quartal 2011 auf 5,2 Prozent verlangsamt hat und es gibt erste Hinweise darauf, dass es zu einer weiteren Verzögerung in diesem Jahr kommt. Unglücklicherweise bleibt das Ungleichgewicht dadurch aber bestehen. Selbst mit einem viel langsameren Wachstum, bleibt die Inflation bei über zehn Prozent und auch das Leistungsbilanzdefizit wird weiterhin bei um die acht Prozent des BIP liegen. Mit wenigen ausländischen Direktinvestitionen müsste dieses Defizit über unbeständige Anleihen und Bankgeschäfte finanziert werden.

Um es kurz zu machen: Die Türkei hat sich nicht nur überhitzt. Das Land hat ein wachsendes Problem und eine gefährliche Abhängigkeit hinsichtlich der riskantesten Arten von ausländischem Kapital. Für den Moment scheinen die ausländischen Anleger noch unbekümmert. Die Lira hat sich seit Jahresbeginn erholt. Doch die scheinbare Wiederbelebung der Kapitalzuflüsse hat wenig zu tun mit einem Vertrauen in die türkische Wirtschaft, sondern mehr damit, dass Zentralbanken weltweit, insbesondere die Europäischen Zentralbank, massiv für Liquidität sorgen. Dieses billige Geld aus der reichen Welt hat es der Türkei erlaubt der unmittelbaren Krise auszuweichen. Wenn diese reichliche Liquidität bleibt, dann kann das Land den Problemen auch noch eine ganze Weile aus dem Weg gehen. Doch die Gefahr eines großen Crashes wächst und wächst.

Ankara muss eine strengere Finanzpolitik durchsetzen

Um dieses Risiko zu verringern muss die Türkei dringend ihre Ersparnisse erhöhen und gleichzeitig ihre Wettbewerbsfähigkeit verbessern (die Türken sparen so wenig wie nie zuvor – mehr hier). Während der private Sektor vor allem am Tropf des Auslands hängt, muss die Regierung das durch größere Einsparungen kompensieren. Doch genau das Gegenteil ist bisher passiert. Obwohl die haushaltspolitische Situation des Landes im Vergleich zu der mancher Schwellenländer gesund ist, wurde der Steuerrate durch einen nicht nachhaltigen Importboom geschmeichelt. Die Folge: Mittlerweile hat sich der einstige Überschuss von rund fünf Prozent des BIP zwischen 2003 und 2006 zu einem Defizit hin verschoben.

Eine strengere Finanzpolitik würde dazu beitragen, das derzeitge Leistungsbilanzdefizit zu reduzieren. Das allein wird jedoch nicht reichen. Eine dauerhafte strukturelle Verbesserung der Zahlungsbilanz der Türkei ist nur durch eine Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit und durch die Verbesserung der Flexibilität seiner Mitarbeiter zu erreichen (Istanbul will als Finanzplatz New York und London ablösen – mehr hier).

Türkei braucht mehr Direktinvestitionen aus dem Ausland

Trotz seiner boomenden Wirtschaft zieht die Türkei kaum Direktinvestitionen an. Ein Grund dafür mag seine Arbeitsgesetzgebung sein, die in vielerlei Hinsicht ebenso rigide wirkt wie in manch europäischen Ländern. Ein weiteres Investitions-Hemmnis ist das unüberschaubare Dickicht an Verordnungen. Um entsprechende Reformen einzuleiten und umzusetzen wird es jedoch einige Zeit brauchen. Für die türkische Regierung ist es daher essentiell, trotz geringem Interesse, die ausländischen Gelder am Fließen zu halten. Und das obwohl viele von ihnen die Notwendigkeit eines solchen Schrittes selbst nicht erkennen: Mit einer Zuversicht, die an Selbstgefälligkeit grenzt, ist die vorherrschende Meinung in Ankara, dass das ausländische Kapital auch weiterhin fließen werde und dass die Türkei eine großartige Zukunft vor sich habe, an der auch das Ausland partizipieren wolle (auf dem Istanbuler Immobilienmarkt ist das so – mehr hier). Diese Hybris, verbunden mit den makroökonomischen Ungleichgewichten, sind gute Gründe, um sich auch um die türkische Wirtschaft langsam Sorgen zu machen.

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