Einreiseverbot für Günter Grass: Israel bugsiert sich selbst ins Abseits

Mit seinem Gedicht "Was gesagt werden muss" erhitzt Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass die Gemüter. Der Autor liegt gänzlich falsch, sagen die einen. Recht hat er, tönt die Gegenseite. Mitten hinein in diese Debatte grätscht nun Israel selbst. Dort erklärt man den Dichter kurzerhand zur Persona non grata. Ein Schritt, der selbst Grass-Gegnern zu weit geht.

Die Zeilen Günter Grass‘ sind derzeit in aller Munde. Im Zuge seines umstrittenen Gedichtes hat ihn Israels Innenminister Eli Jischai von der strengreligiösen Schas-Partei nun zur Persona non grata erklärt, würde ihm am liebsten sogar seinen Nobelpreis aberkennen. Der deutsche Dichter teilt damit das Schicksal von Friedensnobelpreisträgerin Mairead Maguire, die sich im Jahr 2010 mit israelischen und palästinensischen Friedensaktivisten treffen wollte und stattdessen am Flughafen Flughafen Ben Gurion verhaftet und eine Woche ins Gefängnis gesteckt wurde. Auch der jüdische Linguistik-Professor Noam Chomsky aus den USA saß vor zwei Jahren an der Grenze in Jordanien fest. Jetzt ist auch Grass nicht länger in Israel willkommen (auch in der Türkei kam es zu einem Clinch um den US-Schriftsteller Paul Auster – mehr hier).

Israel verspielt Chance auf scharfsinnige Debatte über Inhalt

Der aus Diplomatenkreisen stammende Begriff kommt einem Einreiseverbot gleich. Ein Schritt, an dem sich die Geister ein zweites Mal scheiden, in der Mehrheit aber deutlich zu Gunsten des 85-jährigen Literaten tendieren (der setzt sich übrigens für Pinar Selek ein – mehr hier). Denn kaum ausgesprochen, wird der israelischen Regierung „mangelnde Klugheit“ im Umgang mit Grass vorgeworfen. Die Chance auf eine scharfsinnige Debatte sei verspielt, die Diskussion aufs ärgerlichste verschoben. Der Inhalt des Gedichtes, so stellt unter anderem die Grünen-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Renate Künast, heraus, sei zweitrangig gworden. Alle würden jetzt nur noch über das Einreiseverbot reden.

Obschon mit Grass‘ Zeilen nicht einverstanden, wird Israels Verhalten als „unangemessen“ und „unnötige Aufwertung“ empfunden. Eine „absurde“ „Überreaktion“, die alles andere als zuträglich sei. Ein offensives Vorgehen, etwa in Form einer Einladung, davon ist zumindest der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Reinhold Robbe (SPD), überzeugt, wäre weitaus besser gewesen. Nichtsdestotrotz bläst er ins gleiche Horn wie der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD, Christian Lange: Er wolle Grass nicht mehr im Wahlkampf für die SPD erleben.

„Grass zur Persona non grata zu erklären, ist völliger Blödsinn“

Benjamin Netanjahu, so der Stimmen-Konsens, hätte das Feld lieber den israelischen Intellektuellen überlassen sollen. Stattdessen reagiere er erneut plump. Die gerade in Bewegung geratene Debatte – einfach abgewürgt. Israel, so fasst es etwa Welt-Autor Jacques Schuster zusammen, sei so wendig wie ein „Bulldozer“. Er ist der Meinung: „Gerade mit Blick auf die iranische Bedrohung wünschte man sich einen Jizchak Rabin, einen Mosche Dajan oder Abba Eban zurück. Keiner ihres Formats ist in Sicht. Leider.“

Seiner Einschätzung schließen sich derzeit nicht nur deutsche Politiker, sondern auch israelische Medien an. „Hysterisch“, nennt zum Beispiel die „Haaretz“ den ungeschickten Zug Jischais. Solche Maßnahmen, so heißt es da, passten doch eher zu „düsteren Regimes“ wie dem Iran und Nordkorea. Und auch der israelische Schriftsteller Uri Avnery, der das Gedicht nicht als antisemitisch sieht, ist gegenüber der „Neuen Presse“ der Meinung: „Grass zur Persona non grata zu erklären, ist völliger Blödsinn – schon allein deswegen, weil Günter Grass gar nicht den Plan hat, hierher zu kommen.“

Mehr zum Thema:

Israel droht Journalisten auf Gaza Flotilla mit Einreiseverbot
Iranisches Staatsfernsehen: Dieser Oscar ist ein Sieg über Israel!
Israelischer Bericht: Syrien hält türkische Geheimdienstler gefangen

Kommentare

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.